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Neymar bei der Fußball-WM:Steh halt auf, so schlimm war es nicht

Der Brasilianer Neymar sinkt bei der WM auch nach normalen Fouls theatralisch zu Boden. Er sollte damit aufhören. Er macht sich lächerlich.

Um es direkt zu sagen: Miguel Layun hätte natürlich Rot sehen müssen. Der Mexikaner trat Neymar auf den Knöchel, er wollte das beiläufig tun und zwar so, dass es keiner merkt. Neymar lag in der 70. Minute des WM-Achtelfinales an der Außenlinie auf dem Boden, Layun kam zu ihm, wollte den Ball holen und setze wie zufällig seine Stollen auf den Fuß des Brasilianers. Dass es sich bei dem rechten Fuß um den Fuß handelt, an dem Neymar vor der WM noch operiert wurde, wusste er wahrscheinlich. Eine hinterhältige Aktion. Aber dass über diese Unsportlichkeit niemand redet - daran ist Neymar ganz alleine schuld.

Denn nachdem Layun den Knöchel berührt hatte, schrie Neymar, rollte sich rum, er zuckte wie ein Fisch, den man aufs Trockene geworfen hatte. Kein Mensch, der Schmerzen hat, verhält sich so. Gut möglich, dass Schiedsrichter Gianluca Rocchi und die Videoschiedsrichter auch deswegen auf eine Karte gegen Layun verzichteten. Auch wenn Rot richtig gewesen wäre - dieses offensichtlich miese Schauspiel in irgendeiner Form zu belohnen, das widerstrebt jedem Gerechtigkeitsempfinden. Kurze Zeit später sprintete der sterbende Schwan übrigens wieder über den Platz.

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Andere Spieler werden ein Jahr lang mit Pfiffen verurteilt

Neymar sollte dringend damit aufhören, er macht sich lächerlich und seine Vorbildfunktion versenkt er sowieso in der Wolga. "Es ist eine Schande für den Fußball", sagte Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio nach dem Spiel, ohne Neymar beim Namen zu nennen: "Das ist ein schlechtes Beispiel für die ganze Welt und all die Kinder vor dem Fernseher. Es sollte nicht so viel Schauspielerei geben." Man mochte ihm nicht widersprechen.

Es war ja nicht der erste Fall im doppelten Wortsinne bei dieser WM. Gegen Serbien drehte Neymar nach einer Grätsche sieben Mal um die eigene Achse, gegen Costa Rica fiel er im Sechzehner nach hinten um, die Hände ausgestreckt wie die Jesus-Statue in Rio, gegen die Schweiz krümmte er sich nach einem halbwegs normalen Zweikampf mit Valon Behrami dermaßen auf dem Boden, dass der Schweizer lachen musste.

Neymar scheint nicht zu begreifen, dass er sich mit dieser Theatralik selbst schadet, dass er darauf reduziert werden wird, dass ihn viele Fans als Schauspieler wahrnehmen und nicht als Fußballer. Und dass er diesen Ruf auch so schnell nicht mehr los wird. Auf kaum etwas reagieren Zuschauer so allergisch, wie wenn man ihnen was vormacht. In England sind Diver, Taucher, also Spieler, die Schwalben versuchen oder allzu leicht hinfallen, verpönt. Timo Werner wurde nach seiner Schwalbe gegen Schalke über ein Jahr lang mit Pfiffen verurteilt.

Wer Neymar rollen und zucken sieht, nimmt auch nichts anderes mehr war. Gegen Mexiko machte er ein super Spiel, er leitete sein eigenes Tor mit einem Hackentrick ein, das zweite Tor mit einem starken Sprint und einem starken Querpass, er ist der herausragende Spieler des einzigen Favoriten, der im Achtelfinale ein halbwegs souveränes Spiel gemacht hat.

Man möchte ihm zurufen: Steh halt auf, so schlimm war es nicht

Das alles sind Fakten, die dazu taugen würden, Neymar zum Star dieser WM zu machen. Stattdessen sieht man sein schmerzverzerrtes Gesicht und möchte ihm zurufen: Steh halt auf, so schlimm war es nicht. Sebastian Rudy wollte nach einem Nasenbeinbruch noch weiterspielen. Man kann nicht nach jedem Foul sterben.

Gibt es eine Erklärung dafür? Neymar ist tatsächlich mit Abstand der meistgefoulte Spieler dieses Turniers (vor dem Spanier Isco und dem Belgier Eden Hazard). Vielleicht will er darauf aufmerksam machen, vielleicht steht er so sehr unter Druck, dass er zu seltsamen Übersprunghandlungen neigt (Luis Suárez biss mal seinem Gegenspieler in die Schulter. Das kann man sich auch nicht erklären). Vielleicht wirkt die letzte Weltmeisterschaft noch nach, als ihm der Kolumbianer Zúñiga mit dem Knie ins Kreuz sprang und er sich einen Wirbel verletzte. Vielleicht hat er auch den Bezug zum normalen Fußball ein bisschen verloren, als sie ihn in Paris erst für 222 Millionen Euro kauften und dann sein Gesicht auf den Eiffelturm projizierten.

Es fällt jedenfalls auf, dass er so ziemlich der einzige Fußballer bei diesem Turnier ist, der auf das unlautere Mittel der Theatralik zurückgreift. Beim recht intensiven Spiel Belgien gegen Japan rollte niemand über den Platz. Die Schiedsrichter lassen bei dieser WM viel zu, die Zweikämpfe können härter geführt werden, als in der Bundesliga. Aber 99,9 Prozent aller Spieler kommen damit eigentlich ganz gut klar und stehen nach einem Check oder Zweikampf einfach ohne Drama wieder auf.

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