Neymar bei der Fußball-WM "Sein Verhalten hat mich sehr traurig gemacht"

Schauspielbegabung: Neymar reklamiert nach einer leichten Berührung einen Elfmeter - ohne Erfolg.

(Foto: Markus Ulmer/imago)
  • Brasilien ist zunehmend irritiert von Neymars Disziplinlosigkeiten, Mitspieler Thiago Silva greift ihn offen an.
  • Sorgen bereitet auch das mögliche Achtelfinale gegen die DFB-Elf.
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Von Javier Cáceres, Sotschi

Der Freistoß von Toni Kroos am Samstag in Sotschi schlug nicht nur im Winkel des schwedischen Tores ein. Er ließ auch die Brasilianer erzittern.

"Die Gefahr lebt", kabelte der Korrespondent der Zeitung Folha de São Paulo, der aus dem Quartier der brasilianischen Auswahl in Sotschi berichtet, in die Heimat. Aus zweierlei Gründen: Der viermalige Weltmeister Deutschland ist die einzige Mannschaft in Russland, die der Seleção das Alleinstellungsmerkmal nehmen kann, fünf WM-Titel gewonnen zu haben. Fast noch mehr fürchten die Brasilianer ein gar nicht so unwahrscheinliches Szenario: schon im Achtelfinale auf die gleiche Mannschaft zu treffen, die ihnen im WM-Halbfinale 2014 in Belo Horizonte diese unvergessliche 1:7-Niederlage beigefügt hatte. Damals konnte Neymar nicht spielen, und die Befürchtung, dass sich das wiederholen könnte, hegen die Brasilianer.

Die Geschichte spricht gegen Neymar

Grund sind anhaltende Disziplinlosigkeiten. Beim 2:0-Sieg gegen Costa Rica sah Neymar in der zweiten Hälfte die gelbe Karte, weil er nach einer Entscheidung des Schiedsrichters Björn Kuipers den Ball wutentbrannt auf den Boden geworfen hatte. Sollte er bis zum Viertelfinale noch einmal verwarnt werden, würde er für das darauffolgende Spiel gesperrt. Die Geschichte spricht gegen Neymar: Bei nur zwei Turnieren (Confederations Cup 2013 und WM 2014) schaffte es Brasiliens Nummer 10, drei Spiele aneinanderzureihen, ohne verwarnt zu werden. In 13 Pflichtspielen unter Trainer Tite hat Neymar fünf Mal Gelb gesehen. "Er muss sich besser unter Kontrolle haben", schrieb Folha und berichtete, dass Tite mit Neymar darüber reden wolle.

Ein pädagogisches Gespräch scheint angezeigt zu sein. Neymar ist bei dieser WM in aller Munde, weil er sich zwischen Genie, Narzissmus, kleinen Unsportlichkeiten und großer Nervosität bewegt. Die Frequenz, mit der er den eigens eingeflogenen Coiffeur aufsucht, übertrifft jene von Marilyn Monroe um Längen. Neymar wirkt mittlerweile so selbstreferenziell, dass man davon ausgehen muss, sein Bauchnabel sei entzündeter, als es sein rechter Fuß nach der Operation je war. Er lässt sich theatralisch fallen, wenn auch nicht immer so aufreizend wie bei der Berührung durch Costa Ricas Verteidiger Giancarlo González, die fast einen Elfmeter verursacht hätte. Der Videoschiedsrichter korrigierte den Referee, der schon auf den Punkt gezeigt hatte. Und Neymar überzieht nicht mehr nur Gegenspieler mit Verbalinjurien, mittlerweile legt er sich auch mit Kameraden an. Zum Beispiel mit Abwehrchef Thiago Silva.

Eigentlich ist es unter Profis verpönt, Mitspieler öffentlich anzuschwärzen. Doch nach dem Spiel gegen Costa Rica, bei dem Philippe Coutinho und Neymar erst in der Nachspielzeit trafen, sah Thiago Silva, der mit Neymar bei Paris Saint-Germain spielt, offenkundig keinen Ausweg mehr: "Er ist für mich wie ein Stiefbruder, ich versuche, ihn zu schützen und ihm Ratschläge zu geben. Aber heute hat mich sein Verhalten sehr traurig gemacht", sagte der 33-jährige Abwehrspieler, der gegen Costa Rica die Kapitänsbinde trug.

Brasilien hat auch noch andere Sorgen

Thiago Silva hatte in der 78. Minute den Costa Ricanern einen Ball zurückgegeben, den diese ins Aus gespielt hatten, um einen möglicherweise verletzten Spieler behandeln zu lassen. Neymar war außer sich vor Wut, weil der Gegner tatsächlich enorm viel Zeit geschunden hatte. Dass Neymar aber persönlich wurde, wollte Thiago Silva nicht hinnehmen: "Er hat mich schwer beleidigt. Ich verstehe ja, dass er nervös ist, aber ...", sagte der Verteidiger und fügte an: "Das war nicht der Ball, der uns zum Sieg getragen hätte." Dafür zeigte er in anderer Hinsicht Verständnis für den Wüterich, der nach dem Spiel eine Art Nervenzusammenbruch erlitten hatte: "Ich habe ihm gesagt, dass er gut daran tut, zu weinen. Er muss den Druck lösen, der auf ihm lastet."

Die Brasilianer haben indes noch andere Sorgen: Sie bekommen ihre rechte Seite nicht in den Griff. Bei Rechtsverteidiger Danilo zwickt der rechte Quadrizeps, nach dem Spiel gegen Costa Rica meldete sich der frühere Bayern-Profi Douglas Costa mit einer Oberschenkelblessur ab. Das ist insofern sehr ungünstig, da Douglas Costa das Spiel vitalisiert und Neymar das Tor aufgelegt hatte. Wie lange Danilo und Costa ausfallen, ist noch unklar; für das kommende Spiel stehen sie wohl nicht zur Verfügung. Am Mittwoch muss Brasilien gegen Serbien mindestens einen Punkt holen, um das Achtelfinale zu erreichen - und um womöglich auf Deutschland zu treffen.

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