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Brasilien bei der WM:Neymar wankt unter der Last eines ganzen Landes

Neymar weinte minutenlang.

(Foto: Michael Sohn/AP)
  • Nach seinem Treffer zum 2:0-Endstand gegen Costa Rica fällt Brasiliens Neymar dreifach auf.
  • Er beleidigt seinen Kapitän, macht eine Kopf-ab-Geste, die offenbar seinen Kritikern bestimmt ist, und bricht am Ende in Tränen aus.
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Die Tränen liefen Neymar übers Gesicht. Minutenlang kniete der teuerste Fußballspieler der Welt an der Mittellinie und weinte im brasilianischen Nationaltrikot einfach unkontrolliert vor sich hin. So wie er das in dieser Saison schon im November gemacht hatte, als er sich bei seinem Klub Paris Saint-Germain auf einer Pressekonferenz über Unwahrheiten beklagte. Und im Februar, als er sich in einer Ligapartie am rechten Knöchel einen Haarriss im Mittelfußknochen zugezogen hatte, der ihn bis kurz vor der Weltmeisterschaft in Russland kein Spiel mehr hatte bestreiten lassen. Auch nach seinem Bruch des Lendenwirbels im Viertelfinale der Heim-WM 2014 konnte Neymar die Tränen nicht zurückhalten. Aber nicht alle seine Tränen waren gleich.

Nach den jeweiligen Verletzungen bekam Neymar, 26, feuchte Augen aus dem Verlust, den er zu verkraften hatte: Die Hoffnung sich 2014 mit Brasilien zu Hause zum Weltmeister zu machen, löste sich ebenso plötzlich auf wie vor ein paar Monaten der Wunsch, mit Paris die Champions League zu gewinnen. Im Spätherbst offenbarte sein Gefühlausbruch, wie nahe ihm die Berichterstattung über seine Person geht, ein Zerwürfnis war ihm in Paris nachgesagt worden mit Angriffspartner Edinson Cavani. Am Freitag in Sankt Petersburg weinte Neymar nach Abpfiff nun Tränen der Erlösung. Die Last, die ihm seine Landsleute aufgetragen haben und die er für das brasilianische Nationalteam um Trainer Tite schultern muss, konnte er nicht länger aushalten. "In der Seleção zu spielen, macht ihn stolz, er ist sehr emotional und ich respektiere die verschiedenen Charaktere. Er hat großen Druck und den Mut, das auch zu zeigen", sagte Tite.

Mit zwei Treffern in der Nachspielzeit durch Philippe Coutinho und Neymar kam Brasilien gerade noch mit einem 2:0 über Costa Rica davon. Ein Unentschieden oder gar eine Niederlage hätten das Weiterkommen im Turnier für die Seleção nach dem 1:1 zum Auftakt im Duell mit der Schweiz infrage gestellt. Im finalen Gruppenspiel gegen Serbien am Mittwoch reicht Brasilien ein Unentschieden, um das dritte Vorrundenaus bei einer WM nach 1930 (Uruguay) und 1960 (England) abzuwenden. Auf sinen Kanälen im Internet schrieb Neymar: "Nicht alle wissen, was ich durchgemacht habe, um es hierhin zu schaffen. Sprechen können sogar Papageien, aber machen können nur die wenigsten. Die Tränen kamen aus Freude, Ehrgeiz, Kampfgeist und wegen der Lust am Gewinnen. In meinem Leben waren die Dinge nie einfach und sie waren es auch jetzt nicht. Der Traum geht weiter. Oder besser nicht der Traum, sondern das Ziel!!!"

In der Schlussphase setzt die Verzweiflung bei Neymar ein

Anderthalb Stunden spielte sich Brasilien die Füße wund beim Versuch, eine Lücke in der Defensivblockade der Costa Ricaner zu finden. Mit jedem Pass verringerte sich jedoch das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, bis in der Schlussphase innerhalb des Teams die Verzweiflung einsetzte. Repräsentiert durch Neymar, der unbedingt einen Elfmeter für Brasilien herausholen wollte und vom niederländischen Schiedsrichter Björn Kuipers auch einen zugesprochen bekam. Den Ball hatte sich der Mann mit der Nummer 10 bereits zurechtgelegt, als die Entscheidung nach Ansicht der Videobilder richtigerweise annulliert wurde. Im Zweikampf war Kuipers auf Neymars Theatralik hereingefallen, beeinflusst vermutlich durch die fortlaufenden Proteste der Brasilianer im Spiel, die sich bei den teils rüden Attacken ihrer Gegenspieler nicht ausreichend geschützt fühlten. Aus Wut schmetterte Neymar kurz nach der Elfmeterszene den Ball auf den Boden - und bekam eine Verwarnung. "Ich habe vor dem Spiel extra noch gesagt, dass wir uns nicht so oft beschweren, sondern konzentriert bleiben sollen", sagte Tite.