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Löw in der Kritik:Rangnick hätte prinzipiell Interesse am nationalen Ehrenamt

Die DFB-Vertreter Keller und Bierhoff haben mit Löw und Sorg am Tag nach dem Debakel zusammengesessen, es war nicht gerade ein Gipfeltreffen, wie es in Medien hieß, aber eine Form von Verständigung, bevor sich die Wege auf der Heimreise trennen würden. Zurück in Freiburg, wendete Löw die bewährte Austern-Strategie an - er zog sich in die private Klausur zurück. Dies hatte er auch früher praktiziert, wenn es draußen für ihn gerade ungemütlich war. Manchmal, wie nach der EM 2012, hatte der DFB schon erwogen, bei der Polizei eine Vermisstenmeldung aufzugeben.

Anzeichen, dass er einen ehrenhaften Rücktritt anstrebt, hat er in den Stunden nach der Niederlage nicht zu erkennen gegeben. Kenner meinen, dass er wie nach der komplett missratenen WM 2018 nicht unter dem Eindruck eines Debakels abtreten möchte. Die Frage ist, ob das genügt, um Keller und den DFB zu überzeugen. Die andere Frage ist, ob Keller und der DFB eine überzeugende Wahl haben.

Es genügt ja nicht, einen Trainer zu entlassen, wenn man keine Alternative hat, die Besserung verspricht. In den Medien werden zwar ein paar prominente Namen genannt, doch handelt es sich da um eine Form von Lotterie. Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Hansi Flick haben gerade besseres zu tun, als die Nationalelf zu übernehmen. Ein Duett mit dem U-21-Trainer Stefan Kuntz und dem versierten A-Coach Marcus Sorg hätte den Makel eines billigen Hausmittels. Der einzige Kandidat, mit dem sich die Leute beim DFB ernsthaft beschäftigen, ist Ralf Rangnick, 62.

Der schwäbische Weise hat oft genug wissen lassen, dass er prinzipiell Interesse am nationalen Ehrenamt hätte, und zufällig hat er gerade Zeit, nachdem es mit dem Engagement beim AC Milan nicht geklappt hat. Rangnick könnte mit der Aussicht auf zwei Turniere in Reichweite gelockt werden, der EM 2021 folgt zügig die WM 2022. Andererseits ist klar, dass der sehr ambitionierte Rangnick keine einfache Lösung wäre. Manager Bierhoff, dessen Aufgabe es wäre, den Kontakt mit Rangnick anzubahnen, wäre womöglich der erste, der auf Geheiß des neuen Mannes in den Hintergrund rücken müsste. Dann halt doch lieber mit Löw weitermachen?

© SZ vom 20.11.2020
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