Süddeutsche Zeitung

Löw in der Kritik:Eine Frage der Alternative

Bundestrainer Löw steht in der Kritik, es mangelt aber an geeigneten Kandidaten für seine Nachfolge. Klopp, Flick und Tuchel haben gerade Besseres zu tun - es bliebe der Name Rangnick.

Von Philipp Selldorf

Beobachter berichten von einer feurigen und mitreißenden Ansprache, die bei den frustrierten deutschen Spielern ausgesprochen gut angekommen sei. Der Redner hielt sich nicht mit dem Totalschaden auf, den die Fußballer soeben auf dem Rasen angerichtet hatten, er adressierte keine Rügen an die ineffektiven Führungskräfte, und er machte keinem der schwindlig gespielten Innenverteidiger Vorwürfe. Stattdessen weckte er Stolz, Trotz und Kampfgeist: "Das lassen wir so nicht stehen", rief er unter anderem in die Runde, "wir kommen wieder!", und statt die 0:6-Verlierer in den Hintern zu treten, hat er sie in den Arm genommen.

Es war im Grunde genau die Rede, die ein Trainer halten muss, wenn sein Team vernichtend besiegt wurde und das Sportlerleben trotzdem weitergehen muss. Aber die Rede in der Kabine des Olympiastadions in Sevilla hat nicht Joachim Löw gehalten, sondern Fritz Keller, der DFB-Präsident. Auch der Trainer hat von ihm eine tröstende Umarmung empfangen.

Während Vorgänger Reinhard Grindel bei Kabinenbesuchen als Fremdkörper im Raum stand, ist Keller der artgerechte Umgang mit Fußballprofis bestens vertraut. In fast zehn Jahren als Präsident des SC Freiburg hatte er oft genug die Gelegenheit, den Spielern nach Niederlagen zuzureden, und zumindest einmal sah er sich auch genötigt, Konsequenzen zu ziehen. Mit dem Votum des Klubchefs wurde Marcus Sorg zur Winterpause 2011 in die endgültige Beurlaubung vom Job als Freiburger Cheftrainer geschickt - jener Sorg, der am Dienstagabend in seiner Eigenschaft als Löws Assistenztrainer ebenfalls zugegen war, als Keller zum Widerstand gegen die moralische Tristesse aufrief.

Klopp, Flick und Tuchel haben gerade Besseres zu tun

In Kellers Namen hat die DFB-Presseabteilung am Tag danach ein Statement verschickt, das nicht leicht zu deuten war. Es enthielt im Wesentlichen den Appell, den er schon in der Kabine an die Spieler gerichtet hatte, aber es widmete kein Wort dem Bundestrainer, über dessen Verbleiben im Amt jetzt alle reden. Solche Kommuniqués sind im DFB keine Sache, die Präsident und Referent mal schnell unter sich ausmachen, sie sind vielmehr politische Botschaften, die von vielen Beteiligten gegengelesen und bearbeitet werden. Insofern gab es Gründe dafür, dass der Name Löw in der Mitteilung nicht auftauchte, aber welche?

Ein Grund ist der, dass eine spontane Ablösung Löws in Reaktion auf das 0:6 nirgendwo offiziell thematisiert worden ist, noch am Spielfeldrand hatte Sportdirektor Oliver Bierhoff den Bundestrainer seines Vertrauens versichert. Daher hatte Keller keinen Anlass, Löw im Amt zu bestätigen. Andererseits hätte er es mit ein paar freundlichen Worten durchaus tun können, dann hätte er klare Verhältnisse geschaffen. Das ist aber offenbar nicht seine Absicht gewesen, der Präsident hat sich Spielraum zum Handeln offengehalten. Keller vertraut - aber nicht bedingungslos.

Es gibt führende Funktionäre beim DFB, die finden das passive Verhalten der zuständigen Herren in der Trainerfrage "merkwürdig". Sie erwarten, dass der Verband darüber diskutiert, ob es tatsächlich sinnvoll ist, die Zusammenarbeit mit Löw bis zur EM im Sommer fortzusetzen. Hier tut sich allerdings ein praktisches Problem auf: Wer soll mit wem diskutieren? Es gibt im Verband keine einheitliche Gruppe von Spitzenfunktionären, die solche Fragen vertraulich bespricht. Stattdessen gibt es auf allen Ebenen Differenzen. Über die Dissonanzen im Verhältnis zwischen Präsident Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius hat kürzlich sogar der DFB selbst berichtet (abgesehen davon, dass Curtius seit sechs Wochen krankgeschrieben ist).

Rangnick hätte prinzipiell Interesse am nationalen Ehrenamt

Die DFB-Vertreter Keller und Bierhoff haben mit Löw und Sorg am Tag nach dem Debakel zusammengesessen, es war nicht gerade ein Gipfeltreffen, wie es in Medien hieß, aber eine Form von Verständigung, bevor sich die Wege auf der Heimreise trennen würden. Zurück in Freiburg, wendete Löw die bewährte Austern-Strategie an - er zog sich in die private Klausur zurück. Dies hatte er auch früher praktiziert, wenn es draußen für ihn gerade ungemütlich war. Manchmal, wie nach der EM 2012, hatte der DFB schon erwogen, bei der Polizei eine Vermisstenmeldung aufzugeben.

Anzeichen, dass er einen ehrenhaften Rücktritt anstrebt, hat er in den Stunden nach der Niederlage nicht zu erkennen gegeben. Kenner meinen, dass er wie nach der komplett missratenen WM 2018 nicht unter dem Eindruck eines Debakels abtreten möchte. Die Frage ist, ob das genügt, um Keller und den DFB zu überzeugen. Die andere Frage ist, ob Keller und der DFB eine überzeugende Wahl haben.

Es genügt ja nicht, einen Trainer zu entlassen, wenn man keine Alternative hat, die Besserung verspricht. In den Medien werden zwar ein paar prominente Namen genannt, doch handelt es sich da um eine Form von Lotterie. Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Hansi Flick haben gerade besseres zu tun, als die Nationalelf zu übernehmen. Ein Duett mit dem U-21-Trainer Stefan Kuntz und dem versierten A-Coach Marcus Sorg hätte den Makel eines billigen Hausmittels. Der einzige Kandidat, mit dem sich die Leute beim DFB ernsthaft beschäftigen, ist Ralf Rangnick, 62.

Der schwäbische Weise hat oft genug wissen lassen, dass er prinzipiell Interesse am nationalen Ehrenamt hätte, und zufällig hat er gerade Zeit, nachdem es mit dem Engagement beim AC Milan nicht geklappt hat. Rangnick könnte mit der Aussicht auf zwei Turniere in Reichweite gelockt werden, der EM 2021 folgt zügig die WM 2022. Andererseits ist klar, dass der sehr ambitionierte Rangnick keine einfache Lösung wäre. Manager Bierhoff, dessen Aufgabe es wäre, den Kontakt mit Rangnick anzubahnen, wäre womöglich der erste, der auf Geheiß des neuen Mannes in den Hintergrund rücken müsste. Dann halt doch lieber mit Löw weitermachen?

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SZ vom 20.11.2020
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