DFB-Sturm bei der Fußball-WM:Sogar Füllkrug darf hoffen

Lesezeit: 4 min

Nationalmannschaft: Timo Werner und Serge Gnabry vor einer Einwechslung

Zwei Hoffnungsträger für Hansi Flick: Der Bundestrainer mit den Angreifern Serge Gnabry und Timo Werner (von rechts).

(Foto: Ulrich Hufnagel/Imago)

Problemzone Angriffsmitte: Vor dem Spiel gegen Ungarn wird diskutiert, wer bei der WM die deutschen Tore schießen soll. Trainer Flick lobt zwar Timo Wener - er dürfte für Katar aber Überraschungsgäste berufen.

Von Philipp Selldorf, Frankfurt

Alle Mann entschlossen, willens und bereit, die gefahrvolle Reise zum Spielort auf sich zu nehmen - das war nach der Krankheitswelle vom Vortag die Erfolgsmeldung, die der Bundestrainer Hansi Flick verkünden konnte, als er am Donnerstag in Frankfurt vor das Publikum trat und die Dispositionen für das Nations-League-Heimspiel gegen Ungarn erläuterte. Die Partie findet in Leipzig statt und ist für Freitagabend, 20.45 Uhr, terminiert. Doch bevor die Nationalmannschaft dort in Sachsen den Rasen betreten darf, musste sie erst mal mit einem Gegner fertigwerden, der fast so viele tückische Tricks beherrscht wie die neuerdings als europäisches Spitzenteam gehandelten Ungarn. Erschwerend hinzu kam, dass die meisten deutschen Spieler wenig Erfahrung haben mit Beschwerlichkeiten wie "Oberleitungsschaden", "Störung in einem Stellwerk" oder, besonders gefürchtet, "Umleitung wegen Streckensperrung".

Dass die Fußball-Nationalspieler am Donnerstag drei Stunden mit dem Zug fuhren, statt sich wie früher von einem Privatjet befördern zu lassen, ist nicht auf Initiative des Mannschaftsrates veranlasst worden. Die Reisetechnik der DFB-Elite ist das Ergebnis von Einsicht und Anpassung an neue gesellschaftliche Normen. Vor einem Jahr, als Hansi Flick gerade seinen Dienst angetreten hatte, hatte man für den Transfer von Stuttgart nach Basel ein Flugzeug genommen, dafür ist der DFB vielfach kritisiert worden. Inzwischen bemüht sich der Verband täglich darum, den Geboten der neuzeitlichen Tugendhaftigkeit zu genügen, und deshalb müssen die teuren Fußballer nun Bahn fahren wie jedermann.

Mit dem Arrangement haben sich die Beteiligten ohne vernehmlichen Protest abgefunden, notfalls würden sie die 400 Kilometer vermutlich auch zu Fuß gehen, solange ihnen dafür ein persönliches Ticket zur Weltmeisterschaft ausgehändigt würde. Eine WM sei "für jeden Fußballer das Größte, das es gibt", hat der Gladbacher Jonas Hofmann gerade erst stellvertretend für seine Spezies festgestellt.

Der Trainer Hansi Flick macht sich diese Sehnsucht zunutze, indem er demonstrativ wissen lässt, dass seine personellen Planungen fürs Turnier längst noch nicht abgeschlossen seien. Er erwarte bis zum Stichtag der finalen Nominierung für die WM "von jedem eine Entwicklung", betonte er am Donnerstag: "Jeder Einzelne muss noch an sich arbeiten und den einen oder anderen Prozentpunkt nach oben schrauben", erläuterte Flick.

Das Problem sei oft der "finale Pass", der "oft zu spät oder gar nicht" komme, findet der Bundestrainer

Demnächst wird auf Weisung des Bundestrainers eine Art Rundschreiben versandt werden. Die Empfänger sind bis zu 50 Spieler, die Flick in den vorläufigen WM-Kader aufnimmt, der dann der Fifa gemeldet wird. Den vom Weltverband gesetzten Rahmen will der Coach, wie er ausdrücklich versicherte, in vollem Umfang ausfüllen, womöglich darf im Oktober auf einmal noch mancher Profi auf die WM hoffen, der darauf bisher noch gar keinen Gedanken verwendet hat. Jeder Einzelne werde informiert, so Flick, damit er am 14. November zum Abflug nach Arabien bereit sei. Bis dahin ist die Liste mindestens für Nachrücker offen. Der eigentliche Turnierkader zählt 26 Zugehörige, drei Männer mehr als bei bisherigen Turnieren.

Überraschungsgäste sind da nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich, und dass es zuvorderst um einen klassischen Torjäger gehen dürfte, ist recht offensichtlich. Das Problem der Nationalelf liegt aktuell und wohl auch in den kommenden Jahren in der Angriffsmitte, die Krise beginnt bereits mit dem Mangel an Nachschub, wie Flick referierte: "Das sind die Dinge, die wir bei der Ausbildung sehen: Wir haben sehr gute Torhüter, Innenverteidiger, Mittelfeldspieler, eine große Auswahl an Außenspielern. Aber die Mitte? Da haben wir nicht so eine hohe Qualität."

Dieser Betrachtung ließ der Trainer einen Satz folgen, der klang, als sei er sich gerade der gefährlichen Tragweite seiner Aussage bewusst geworden. "Aber wir sind schon sehr zufrieden mit Timo Werner", sagte Flick und fügte eine weitere Zweideutigkeit hinzu: "Es wäre schön für ihn, wenn er sich auch mal belohnen würde."

Im Frühjahr kam der Name Simon Terodde ins Spiel - nun könnte es einen anderen Katar-Überraschungsgast geben

Neun Tore hat die DFB-Elf in vier Spielen der Nations League erzielt, allerdings entfallen fünf davon auf den Heimsieg gegen Italien. An Werner und Serge Gnabry sind zurzeit wahrlich keine Torjäger verloren gegangen, vom Wolfsburger Lukas Nmecha scheint Flick noch nicht überzeugt zu sein. An Werner habe es nicht gelegen, insistiert er stattdessen: "Er hat bei uns gezeigt, dass er sehr torgefährlich ist." Das Problem sei oft der finale Pass in die Spitze, der "oft zu spät oder gar nicht" komme. Angesprochen sind da Thomas Müller, Leroy Sané oder auch Jamal Musiala.

Timo Werner selbst hätte auch noch eine Empfehlung zum Thema beizutragen. Zwischen all den schnellen Jungs, die um den Strafraum schwirren, wäre vielleicht ab und an ein ständiger Vertreter im Strafraum hilfreich, meint er und hält ein Plädoyer für den Konkurrenten: "Wenn wir so einen Fixpunkt vorne hätten", sagte der Leipziger Angreifer, "der auch mal hohe Bälle nehmen könnte - warum nicht?"

Im Frühjahr hatte Flick den Namen Simon Terodde, 34, fallen lassen, aber aktuell scheint der Torjäger des anderen Aufsteigers mehr DFB-Interesse zu wecken. Was Niclas Füllkrug, 29, betreffe, den erfolgreichsten deutschen Stürmer der Liga, könne er "nicht mit ja oder nein antworten", erklärte Flick und ließ zugleich eine Tendenz zum Ja erkennen: Es könne "durchaus sein, dass wir einen Spieler mitnehmen für eine gewisse Situation". Füllkrug hat zwar gerade abgewiegelt, er wolle "nicht über irgendwelche Sachen philosophieren, die nicht da sind". Aber dass ihm jedes Verkehrsmittel Richtung Katar recht wäre, daran braucht keiner zu zweifeln.

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