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Taktik der Nationalmannschaft:Die entscheidenden 0,97 Sekunden

Nationalmannschaft - Bundestrainer Jogi Löw bei der EM-Qualifikation 2019 in Amsterdam

Joachim Löw hat sich für einen Kurswechsel entschieden und muss bis zur EM das System verfeinern.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)
  • Joachim Löw hat seine Taktik im Vergleich zur WM 2018 mehr oder weniger auf den Kopf gestellt.
  • Er will schnell nach vorne spielen und schnell umschalten lassen, um so das Tempo von Gnabry, Sané und Werner zu nutzen.
  • Doch auch diese neue Taktik birgt empfindliche Schwächen.

Hektik zählt nicht zu den hervorstechenden Charaktereigenschaften des Bundestrainers Joachim Löw. Im Gegenteil, sehr oft wird ihm vorgeworfen, auch dann noch gelassen zu bleiben, wenn vielleicht ein bisschen Aktionismus vonnöten wäre - wie jemand, der bei den ersten Anzeichen von Qualm erstmal die Ruhe behält, statt zum Feuerlöscher zu greifen. Vor der Weltmeisterschaft in Russland, die historisch schiefging, mahnte Löw auch dann noch zur Geduld, als Spieler wie Toni Kroos längst kritischere Töne anschlugen.

Vielleicht ist es also ein Lernprozess, wenn Löw, 59, nicht im Ton, aber zumindest in der Sache ein wenig alarmistisch wird. "Wir müssen uns einspielen. Einspielen. Einspielen!", sagte Löw vor dem Abflug nach Estland, wo die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag (20.45 Uhr) eine Pflichtaufgabe in der EM-Qualifikation zu erfüllen hat. "Wir hätten das Jahr schon nutzen wollen, um uns vorzubereiten", klagte er. Löw hat die Saison trotz drei noch ausstehender Länderspiele (neben Estland noch gegen Weißrussland und Nordirland) halb zu den Akten gelegt. Ihn wurmen die bis zu 13 Absagen für die aktuellen Länderspiele, was seriöse Experimente kaum möglich macht.

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Den beiden deutschen Nationalspielern gefällt ein Instagram-Bild, auf dem türkische Nationalspieler zu Ehren des Militärs salutieren. Kurze Zeit später machen sie die Aktion rückgängig.

Dabei sieht man zumindest mittlerweile ziemlich genau, welchen Plan Löw bis zur Europameisterschaft 2020 verfolgt, taktisch und personell. Beim 2:2 gegen Argentinien unter der Woche - nach den Niederlanden der zweite sogenannte "große" Gegner in diesem Jahr - stellte Löw wieder eine Fünferabwehrkette auf und setzte in der ersten Halbzeit auf Kontersituationen. "Sehr, sehr gut gefallen", habe ihm das, sagte Löw nach dem Spiel. In der Pressekonferenz vor dem Estland-Spiel schwärmte er von einer durchschnittlichen Ballbesitzzeit pro Spieler "von 0,97 Sekunden", das habe es noch nie gegeben.

Kai Havertz wurde nach dem Spiel gegen Argentinien gefragt, ob die Taktik der Nationalmannschaft nun sei, gegen stärkere Gegner zu kontern und gegen kleinere Gegner per Ballbesitz zu dominieren. Seine Antwort war ungewohnt deutlich. "Nein, ich glaube nicht", sagte er. "Wir haben einen Umbruch eingeleitet und da steht mittlerweile für uns im Mittelpunkt, dass wir schnell nach vorne spielen, schnell umschalten. Das versuchen wir in jedem Spiel anzuwenden." Klar, sagte er, man wolle auch den Ball haben. "Aber gegen solche Mannschaften (Argentinien) kommt es im modernen Fußball darauf an, schnell umzuschalten. Wir sind auf einem guten Weg, das umzusetzen."

Neue Taktik, neue Probleme

Havertz plauderte da ein bisschen aus dem Maschinenraum der Nationalmannschaft - denn alles was man sieht, deckt sich mit dem, was der 20-Jährige sagt. Löw hat seine Taktik, oder "Spielphilosophie", wie man manchmal auch sagt, im Vergleich zur WM 2018 mehr oder weniger auf den Kopf gestellt. Damals versuchte er, Mannschaften wie Mexiko oder auch Südkorea mit Ballbesitzdominanz zu erdrücken. "Fast schon arrogant", nannte er sein Vorhaben im Nachhinein.

Auf den ersten Blick erscheint das logisch. Eine Sache funktioniert nicht, also macht man das Gegenteil. Auf den zweiten Blick bringt diese Taktik aber andere Probleme mit sich. Wenn die Hälfte aller Feldspieler Verteidiger sind, fehlt Raum für Offensivgeister. Erster Leidtragender ist aktuell Havertz, für den so schlicht kein Platz ist. Löw hat aber durch die Ausbootung von Mats Hummels auch nur mit Wohlwollen zwei Verteidiger von internationalem Format - nämlich Niklas Süle und den bereits länger verletzten Antonio Rüdiger vom FC Chelsea. Der dritte Platz in der Abwehr müsste bei einer EM dann an jemanden aus der Reihe Matthias Ginter, Jonathan Tah oder Emre Can gehen. Lohnt es sich dafür, einen Kai Havertz zu opfern?

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Natürlich stecken in taktischen Fragen viele Lösungen im Detail. Löw erklärte nach dem Argentinien-Spiel etwa, es sei eigentlich der Plan gewesen, dass Süle und Can aus der Innenverteidigung immer mit ins Mittelfeld stoßen, um dort Überzahl zu schaffen. In der Theorie klingt das gut, in der Praxis spielt dann aber trotzdem ein Innenverteidiger dort, wo ein Mittelfeldspieler spielen könnte.

Bis auf Inter Mailand spielt kein Spitzenteam mit Dreierkette

Fünfer- beziehungsweise Dreierketten (je nachdem, ob man die beiden Außenverteidiger mitzählt) haben ihre Vorteile, sie sind zum Beispiel ein gutes Mittel gegen Mannschaften mit Stärken im Pressing, weil drei zentrale Abwehrspieler mit viel mehr Aufwand angelaufen werden müssen. Aber eigentlich ist es eine Formation für Außenseiter. Im internationalen Spitzenfußball schwört nur der italienische Trainer Antonio Conte auf dieses System, derzeit bei Inter Mailand. Alle anderen - von Real Madrid über Manchester City, den FC Bayern oder Weltmeister Frankreich - agieren mit Viererkette. Weil ihnen das Opfer eines Mittelfeldspielers für mehr Stabilität zu groß ist.

Löw hat korrekt erkannt, dass er mit Serge Gnabry, dem derzeit verletzten Leroy Sané, aber auch mit Marco Reus und Timo Werner Spieler hat, die kaum aufzuhalten sind, wenn sie mal Tempo aufgenommen haben. Er versucht einen Stil zu kreieren, der ihnen entgegenkommt. Der Knackpunkt ist nur, dass man nur Tempo aufnehmen kann, wenn der Gegner einem Platz lässt. Gegner wie Nordirland kommen da nicht im Traum drauf. Argentinien und die Niederlande taten der deutschen Mannschaft in der ersten Halbzeit zwar den Gefallen, nach Umstellungen in der Pause war es mit dem deutschen Spiel aber vorbei. Die Niederlande drehte die Partie, Argentinien erzielte zwei Tore zum 2:2.

Für Löw ist es zu spät, den Stil nochmal zu ändern, er hat sich für einen Kurswechsel entschieden und er wird versuchen müssen, das System bis zur EM zu verfeinern.

Vielleicht ist es aber auch nur ein großer Bluff. Die Mexikaner sagten ja nach der Niederlage im ersten WM-Gruppenspiel den vernichtenden Satz, ihnen sei seit Monaten klar gewesen, wie die Deutschen spielen werden. Vielleicht will Löw mit seiner Fünferkette auch nur ein solches Szenario verhindern.

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