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Deutsche Nationalmannschaft:"Es ist einfach eine verrückte Situation"

Konkurrenten: Manuel Neuer (links) und Marc-André ter Stegen.

(Foto: AP)
  • Bundestorwarttrainer Andreas Köpke bezeichnet die Situation um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen als Dilemma.
  • Die Wucht der Debatte könne er nicht nachvollziehen. Beide hätten nichts Schlimmes gesagt.
  • Sorgen muss er sich indes nicht machen. Auch hinter ter Stegen gibt es viele Torwarttalente in Deutschland.

Eigentlich, sagt Andreas Köpke, wehre er sich ja immer gegen diese Ranglisten. Wer der beste oder zweitbeste Torwart der Welt sei, das könne doch kein Mensch mit Gewissheit bestimmen, findet er. Aber in seiner Eigenschaft als Bundestorwarttrainer ist er natürlich trotzdem zur Stimmabgabe verpflichtet.

Einerseits im Namen seiner Schüler Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen, andererseits im Namen der Nation, die bekanntlich eine Torwartnation ist. "Die beiden gehören schon zu den Top-Fünf auf der Welt", verkündet also Köpke, 57.

Was die Besetzung der anderen Spitzenplätze angeht, überlässt er dem Betrachter die freie Auswahl aus den "üblichen Verdächtigen", die da wären: die Brasilianer Alisson Becker (FC Liverpool) und Ederson (Manchester City), der Spanier David de Gea (Manchester United), der Slowene Jan Oblak (Atletico Madrid), der Belgier Thibaut Courtois und der Franzose Hugo Lloris (Tottenham Hotspur). Neuerdings ist auch Jordan Pickford (FC Everton) im Blickfeld der Charts, und Bernd Leno sowie Kevin Trapp sollten bitte auch nicht vergessen werden, sagt der deutsche Ranglistenredakteur. All diese Torhüter spielten "seit Jahren auf Top-Niveau, ohne Ausreißer - das ist ja das Schwierigste", findet Köpke. Aus eben diesem Grund stehen Neuer und ter Stegen, die Köpke stets geradezu sorgfältig in einem Atemzug nennt, obenan auf seiner Weltbestenliste.

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Wer nun der noch etwas bessere der beiden Weltmänner ist, das wissen womöglich nicht mal die beiden Betroffenen (wenngleich es ihr berufliches Selbstverständnis gebietet, sich selbst dafür zu halten), und womöglich gibt es sogar im ganzen Land nur einen einzigen Herrn, der das ganz sicher zu wissen meint. Dieser einsame Experte ist zwar weder Torwart noch Torwarttrainer, dafür aber Uli Hoeneß. Ter Stegen sei "ein sehr guter Torwart, aber Manuel Neuer ist viel besser und erfahrener", darüber gebe es doch gar nichts zu diskutieren "für irgendjemanden auf der Welt", so hat es der Bayern-Präsident neulich mutig ausgedrückt.

Über diesen Teil der Diskussion geht Köpke vornehm schweigend hinweg, er wundert sich vielmehr, wieso es überhaupt solch eine Diskussion gegeben hat, nachdem ter Stegen im September seine Reservistenrolle bei der letzten Länderspielrunde beklagt hatte ("war ein harter Schlag für mich"), woraufhin Neuer erwiderte, er wisse nicht, ob solche Äußerungen hilfreich seien. "Ich war überrascht, was aus den Äußerungen gemacht wurde. Marc hat nichts Schlimmes gesagt und Manuel auch nicht", findet der Bundestorwarttrainer Köpke. Das Problem sind seiner Meinung nach nicht die Worte der Akteure oder ihr persönliches Verhältnis, sondern die grundlegenden Tatsachen: "Es ist einfach eine verrückte Situation."

Man merkt, dass Köpke die Lage als Dilemma empfindet: Er hat Sympathien für ter Stegen und dessen manchmal strengen Ehrgeiz, er mag aber auch Neuer und dessen Ruhe und Souveränität. Außerdem hat Andreas Köpke während der eigenen Karriere selbst erlebt, wie man sich als unverdiente Nummer zwei auf der Bank fühlt, als er dem Kölner Bodo Illgner bei der EM 1992 und der WM 1994 zuschauen musste.

Im Jahr 2019 wiederholt sich nun der Fall: Man hat zwei Torhüter, die bei Spitzenvereinen spielen und verlässlich Spitzenleistungen bringen, doch man hat nur einen Platz zu vergeben. "Aber was sollen die Brasilianer sagen", sagt Köpke, "Becker und Ederson sind beide erst 26 ...", ter Stegen und Neuer sind 27 und 33 - "da gibt es einen Altersunterschied".

Bevor der Bayern-Boss Uli Hoeneß diesen Hinweis falsch versteht: Auf keinen Fall will Köpke damit suggerieren, dass im deutschen Tor demnächst ein Wechsel aus Altersgründen ansteht. Wie lange Neuer noch Fußball spielen und Nationaltorwart bleiben möchte, weiß Köpke nicht, darüber will er sich auch keine Gedanken machen müssen. Köpke weiß nur, was er sieht: "Manu ist wieder in richtig guter Form." Schon im Juni vor den Spielen gegen Weißrussland und Estland sei das aufgefallen, obwohl Neuer da aus einer Verletzungsphase kam, "aber dass er sofort wieder da ist, ist ja eine seiner großen Stärken. Jetzt ist er verletzungsfrei, das sieht man in jedem Training, weil er wieder richtig mit Spaß bei der Sache ist".

​​​​​​​Die letzten Spieltage

Deutschland - Weißrussland Sa., 16.11.

Nordirland - Niederlande Sa., 16.11.

Deutschland - Nordirland Di., 19.11.

Niederlande - Estland Di., 19.11.

Während das doppelte Weltklasse-Angebot in der Torwart-Abteilung den deutschen Trainerstab zu sensiblem Vorgehen nötigt, dürfen sich zumindest die Torwarttrainer des DFB freuen, dass ihnen die Stars verlässlich Nachwuchs liefern. Der Torwartberuf hat in Deutschland nach wie vor hohes Ansehen, das hat Köpke vor ein paar Monaten beim jährlichen Elitetorwart-Camp in Bad Gögging erlebt, bei dem der DFB die besten Juniorentorhüter des Landes und die Trainer der Junioren-Teams zu einem dreitägigen Lehrgang zusammenführt. Neuer und ter Stegen sind dann zwar nicht körperlich anwesend, aber trotzdem stets präsent: "Die Jungs wollen alle Manu und Marc nacheifern", hat Köpke erfahren, "für Nachwuchs ist gesorgt." Ohnehin sei der Job "reizvoller, interessanter und komplexer" als zu seiner eigenen Zeit - "als Torwart ist man jetzt der elfte Feldspieler, ein halber Libero".

Mitunter wurden zuletzt Zweifel laut, ob Deutschland überhaupt noch ein Torwartland sei, weil in der Bundesliga Schweizer, Amerikaner, Tschechen und Finnen die Tore hüten, aber Köpke hat da keine Bedenken. Er verweist auf die zuletzt sehr ergiebige Mainzer Torwartschule (Robin Zentner, Florian Müller, Jannik Huth) und auf den Kollegen Gerry Ehrmann in Kaiserslautern, aus dessen "Quälen-mit-Spaß"-Schule U-21-Nationaltorwart Lennart Grill hervorgegangen ist.

Und auch Köpke hat längst Gefallen an Alexander Nübel, 22, gefunden. Von dessen Talenten hatte er schon gehört, als Nübel noch für Schalke in der Regionalliga kickte. Dass das keine Übertreibung war, sieht er jetzt: "Es ist schon sehr, sehr stark, wie er gefühlt aus dem Nichts gekommen ist. Das ging von Null auf Hundert, und er spielt, als ob er schon ewig da spielen würde. Er verliert scheinbar nie die Ruhe."

Man habe Nübel "im Blick", man müsse ja "gewappnet sein", sagt Köpke, aber eine Berufung zum A-Team ist vorerst nicht angedacht: "Im Moment gibt es keine Notwendigkeit, das Thema aufzumachen." Die Lage ist schon kompliziert genug.

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