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Martas Botschaft:"Verlangt das, was euch zusteht!"

Marta im Spiel gegen Frankreich.

(Foto: AP)
  • Brasilien scheidet gegen Gastgeber Frankreich im Achtelfinale der Weltmeisterschaft aus.
  • Nach der Niederlage tritt die sechsfache Weltfußballerin Marta vor ein Mikrofon und sendet eine Botschaft an alle Mädchen in Brasilien.
  • Dort erzielten die Spiele der Nationalmannschaft Redkordquoten.

Brasiliens Nationalelf der Frauen hatte eine Schlacht verloren, war im Achtelfinale der Weltmeisterschaft in Frankreich nach Verlängerung ausgeschieden. Aber es gibt Dinge, die wird ihr niemand mehr nehmen können. Etwa jenen Moment nach dem Ende der Verlängerung, in der sich Frankreich mit 2:1 durchgesetzt hatte. Den Moment, da Marta, Kapitänin und Nummer 10 des Teams, vor laufenden Kameras von Tränen überwältigt wurde. Nicht, weil sie verloren hatte und der Traum vom ersten WM-Titel vorüber war. Sondern weil sie so viel gewonnen hatte bei diesem Turnier - und weil es nun gilt, es zu bewahren. Eine Rede hielt sie, die feuchten Augen fest in die Kameras gerichtet, auf die Mädchen in der fernen Heimat. Und es sprach aus dieser Frau so viel Stärke, und ihre Stimme war trotz der Tränen so bruchlos, dass sie einem ganzen Land Gänsehaut verpasst haben dürfte.

"Queiram mais!", rief sie den Mädchen zu: "Wollt mehr!" Und man muss die Alternativen, die das Wörterbuch bereithält, nicht allzu sehr strapazieren, um es anders zu übersetzen: Verlangt mehr! Oder: Verlangt das, was euch zusteht! So wie Marta Vieira da Silva, 33, zurzeit Profi beim US-Team Orlando Pride.

Brasilien, Martas Heimat, liegt in einem Kontinent, in dem manche Ungerechtigkeiten der vergangenen Jahrhunderte bis heute sprießen, nicht nur, aber auch in Bezug auf Frauenrechte.

Die Spiele der Frauen-WM werden in Brasilien im Free-TV gezeigt, die Quoten sind erschlagend gut

Nicht, dass sich nichts getan hätte. Brasilien, Argentinien und Chile, die drei Länder Südamerikas, die bei der WM dabei waren, wurden vor kurzem sogar zeitgleich von Frauen regiert: Dilma Roussef in Brasilien, Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien, Michelle Bachelet in Chile. Und Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten oft Hauptrollen gespielt: Zu Zeiten der Militärdiktaturen waren sie es, die besonders litten und daraus den größten Mut schöpften: Dilma wurde in Brasilien gefoltert wie Bachelets Vater; nach dem Putsch in Argentinien 1976 demonstrierten die "Mütter der Plaza de Mayo" beharrlich und couragiert dagegen, dass ihre Kinder und Männer von den Militärs verschleppt und getötet wurden, "verschwanden", wie es hieß, oder ihre in Gefängnissen geborenen Enkel verscherbelt wurden wie Vieh.

Und doch brechen die überkommenen Strukturen kaum auf, lacht sich das Patriarchat selbst dann noch ins Fäustchen, wenn es sich feministisch drapiert. Im Marius zum Beispiel, einem der teuersten Restaurants Rios, sind die Wände auch mit Graffitis dekoriert, auf denen Losungen zu lesen sind wie: "Respektiere die Rechte der Frauen". Auch auf der Männertoilette. Unter dem Nacktbild der Marilyn Monroe.

In diesem Klima hat jede Nische, die von Frauen erobert wird, ihre Bedeutung. Zum Beispiel jene, die Marta erobert hat, eine Nische namens Fußball. Erstmals wurde in Brasilien eine Frauen-WM vom Medienkonglomerat Globo im Free-TV gezeigt, die Quoten waren erschlagend gut. Am Sonntag gab es gar einen Rekord, die Quote lag bei über 30 Prozent. Und war so gut wie die der Männer, als diese am Samstag Peru bei der Copa América mit 5:0 schlugen.

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"Die Frauen füllen das emotionale Vakuum, das die Männer hinterlassen haben. Die Brasilianer haben sich in den letzten Jahren von der Nationalelf der Männer abgewendet", sagt Soraya Belushi, Leiterin der Kulturbeilage der Zeitung O Dia, die 2018 in Russland eine der wenigen Journalistinnen war, die von der WM der Männer berichteten. Zu viel Ärger machen die Männer, zu viel Geld regiert das Geschäft. Völlig neu ist das Phänomen nicht. "Temos uma Marta e um morto", wortspielte das Land 2016, zu Deutsch: "Wir haben eine Marta und einen Toten", in Anspielung auf die Nummer 10 der Frauen, Marta, und ihr männliches, schon damals dem Glamour zugewandten Neymar. In einer Hinsicht ist Marta dem teuersten Stürmer der Welt voraus. Sie hat ihre Fußabdrücke bereits auf dem Walk of Fame des Estádio Maracanã verewigt. Wie Pelé, "O Rei", der König, mit dem sie den Adelstitel teilt. An der Fassade des Maracanã prangt ein überlebensgroßes Poster, das "Rainha Marta" gewidmet ist, "Königin Marta". Weil sie fast alles abgeräumt hat, was abzuräumen ist.

Sechs Mal wurde sie als Weltfußballerin ausgezeichnet, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi kommen jeweils auf fünf Titel. Marta hat vor allem 17 Tore bei Weltmeisterschaften erzielt; der Rekordträger der Männer, der frühere DFB-Stürmer Miroslav Klose, kam auf 16. Ihre 17 Tore, sagte Marta, seien Tore für die Gleichberechtigung. Nachdem sie gegen Australien ihr 16. Tor geschossen hatte, deutete sie auf ihren Stiefel, der mit einem Symbol verziert war, das für Gleichbehandlung stand, ein rosa und ein blaues Rechteck, das auch ein Hinweis darauf war, dass sie sich mit möglichen Sponsoren verkracht hatte. Die wollten ihr erheblich weniger zahlen als männlichen Kollegen. "Alle sagten danach: Die will wie Messi und Ronaldo leben. Nein! Ich will, dass alle nach ihren Fähigkeiten anerkannt werden", sagte sie am Sonntag, nach dem weltweiten Gewitter über die Frage, ob der Vergleich statthaft ist.

Inzwischen unterhalten sogar der Vatikan und Real Madrid Frauen-Fußballmannschaften

Vielleicht gibt es andere Vergleiche, die statthafter sind: Zum Beispiel mit Pelé, der einst etwas Ähnliches gemacht hatte wie Marta. Vor dem Finale von Mexiko 1970, wo er seinen dritten WM-Titel holte, band er sich die Schnürsenkel aufreizend lange zu, weil er wusste, dass die Kameras auf ihn gerichtet waren. Jedoch nicht, um ein gesellschaftliches Anliegen zu unterbreiten, etwa, um auf die Lage der Schwarzen in Brasilien hinzuweisen. Sondern um bei seinem Ausrüster ein paar Dollar mehr abzuzweigen. Clever und bahnbrechend, in der Logik des Marktes, die Marta nutzt, um ihre Botschaft der Emanzipation zu platzieren, sogar wenn sie mit Schlitz im Kleid für die Vogue posiert.