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70. Geburtstag von Werner Lorant:Zwei Bundesliga-Legenden unter Campern

Werner Lorant wird 70

Werner Lorant auf dem Campingplatz am Waginger See

(Foto: Uwe Lein/dpa)

Die einstigen Fußballgrößen Werner Lorant und Dieter Eckstein leben mittlerweile am Waginger See. "Über 1860 brauchen wir uns nicht unterhalten", sagt der Ex-Coach beim Besuch zu seinem Geburtstag.

Als wären Außerirdische gelandet auf seinem Campingplatz. Wenn Andreas Barmbichler erzählt, vom "Erstkontakt mit einer Legende", dann klingt es so, als könne er selbst nicht so richtig glauben, was ihm da widerfahren ist. Dabei sind die zwei, die bei ihm gelandet sind, recht irdische Zeitgenossen: Werner Lorant und Dieter Eckstein, zwei Männer, die im Fußball viel verdient und viel verloren haben. Und die jetzt hier, auf einem Campingplatz in Oberbayern, eine neue Heimat gefunden haben.

"Denkst du dran, um 12 Uhr? Die Süddeutsche", sagt Barmbichler an einem Herbstvormittag ins Telefon. Er spricht mit Lorants Lebensgefährtin. "Mei, der Werner und das Telefon, die werden keine Freunde mehr", entschuldigt er sich. Er raucht eine Zigarette im holzgetäfelten Strandkurhaus, wo einst Alfons Schuhbeck kochte und die Miss Strandbad gekürt wurde. Längst hat der Campingplatz andere Attraktionen.

"Absturz! Lorant haust jetzt auf dem Campingplatz", titelte der Boulevard schon 2011 genüsslich. Die Schadenfreude schien groß zu sein. Schließlich ist Werner Lorant nicht irgendwer, sondern der wohl größte Schimpfer und Nörgler der Bundesligageschichte, Künstlername "Beinhart", eine der größten Figuren der Geschichte von 1860 München. Dem Bayern-Spieler Jupp Kapellmann griff er einst so fest in die Hoden, dass ihn ein Arzt behandeln musste. Als Trainer arbeitete er nach der Devise: "Ich wechsle nur aus, wenn sich einer ein Bein bricht." Und nun trainiert er mit dem ehemaligen Nationalspieler Dieter Eckstein hier die Kinder der Urlauber. "Fit & Fun for Everyone", steht auf den Autogrammkarten.

Aber: Dies ist keine Geschichte eines Absturzes. Es ist eher eine Geschichte über Freundschaft.

Lorant

Campingplatz statt Fußballplatz: Werner Lorant, bald 70, und Dieter Eckstein, 54, am Waginger See.

(Foto: Thomas Gröbner)

"Kann ein Werner Beinhart auch Kinder trainieren?"

Hinter dem Waginger See türmen sich die Chiemgauer Alpen, die Satellitenschüsseln der letzten Dauercamper haben sich wie Sonnenblumen in die Herbstsonne ausgerichtet. Ein polierter Wohnwagen schiebt sich unter dem Fenster von Lorants Wohnung über der Rezeption vorbei.

Wer sich mit Lorant und Eckstein treffen will, muss bei Barmbichler klingeln. Ihr Manager sei er nicht, sondern ein Freund. "Wir haben schon Herzklopfen gehabt", sagt er. "Kann ein Werner Beinhart auch Kinder trainieren?" Viele haben sich das gefragt, die Tribüne war im Sommer voll mit Eltern. Man kann sich vorstellen, dass manche besorgt aussahen. Früher pflegte Lorant zu sagen: "Die Spieler sollen das Maul halten und rennen." Aber Barmbichler ist zufrieden. "Zwei Fußballikonen auf den Campingplatz, das sind wahnsinnig gute Zugpferde."

Lorant kommt in blauen Gummilatschen, Jogginghose und einem T-Shirt von "Strandcamping Waging". Draußen scheint die Sonne, drinnen steigt der Rauch auf. Lorant qualmt die Discountmarke Tawa und brummt: "Das ist doch wie jeden Tag Urlaub hier." Die Gerüchte, dass er im Wohnwagen haust? "Wer so was schreibt, ist dumm. Aber das macht mir nichts aus."

Wer mit Lorant redet, der bekommt entweder eine wahre Geschichte - oder eine gute Geschichte. Das war schon in seiner Zeit als Trainer bei 1860 München so: "Wenn nix passiert ist - keiner rausgeschmissen, kein Spieler fremdgegangen - dann hab halt ich etwas geliefert." Was wäre aus ihm geworden, so ganz ohne Fußball? "Da wäre ich in eine Rakete eingestiegen, und ab die Post, irgendwo hoch."

Lorant scheint hier, unter Campern, endgültig ein neues Zuhause gefunden zu haben. 2010 wurde sein Haus in Dorfen, rund 50 Kilometer von München entfernt, zwangsversteigert. Der Gerichtsvollzieher ließ die Wohnung räumen. Seine Frau verließ ihn, Lorant grantelte in der Pro-7-Reality-Show "Die Alm", streichelte Kühe. Als er nicht mehr wusste wohin, da half ihm ein 1860-Fan aus der Patsche. "Der Fan, das war ich", sagt Barmbichler.

Er hat ihn früher angehimmelt, den Trainer von 1860 München, der die Löwen aus der Bayernliga in die Bundesliga führte. Jetzt seien sie Freunde. Lorant nennt ihn "Chef", wenn er nach einer Cola fragt.

"Es gibt einen Schatten, und der heißt Werner Lorant"

Als Barmbichler 2011 einen "Löwenstadl" in seinem Kurhaus eröffnete, da wünschte er sich Lorant als Ehrengast, es gab Bier und Glühwein. Lorant kam im Nadelstreifenanzug und lernte seine Lebensgefährtin kennen, mit der er nach Spanien zog, bevor er die 180-Quadratmeter-Wohnung bezog, die Barmbichler gerade frei hatte.

Lorant führt durch den "Löwenstadl". An der Wand hängen Bilder von früher. "Wo bin ich? Aha. Da hinten. Alles da. Da, Meister 1966. Der Winkler. Der Pacult. Alles ist da. Kenn ich alles. Da bin ich mit dem Wildmoser. Das ist wunderbar. Was willst du mehr? Über was sollte ich mich beschweren? So ist das. Passt doch."

Lorant war an den Rändern des Fußballs und im Mittelpunkt. Seinen Ruf als beinharter Verteidiger hat er sich in Dortmund, Essen und Frankfurt erarbeitet. Einem Spieler vom Wuppertaler SV soll er mit einem einzigen Tritt gegen das Knie zum Sportinvaliden gemacht haben. Als noch härterer Trainer wurde er bei 1860 berühmt, die Löwen führte er aus der Drittklassigkeit in die Bundesliga und 1997 in den Uefa-Cup, bis er 2001, nach fast zehn Jahren, von Präsident Karl-Heinz Wildmoser nach einem 1:5 gegen Bayern München entlassen wurde. "Über 1860, da brauchen wir uns nicht unterhalten", sagt Lorant, bevor er ausführlich über 1860 spricht. Die Zusammenfassung: "Mein Herz blutet nicht mehr."

Lorant tingelte durch die Türkei, Südkorea, Zypern und Iran ("Ein tolles Land, der Liter Benzin kostet nur fünf Cent"). Zuletzt hat er den TSV Waging, Bezirksliga, und den österreichischen Klub Union Hallein vor dem Abstieg gerettet.

Aber zur Geschichte des glücklichen Werner Lorant mit 70 gehört noch ein Kapitel. Dieter Eckstein kommt ins Lokal, im Trainingsanzug des Fußballgolf-Platzes, zu dessen Geschäftsführer Barmbichler ihn gemacht hat.

"Hey Großer", sagt Lorant. "Hey Chef", sagt Eckstein. Eckstein, 54, stürmte für Nürnberg, Frankfurt und Schalke, war Nationalspieler. Doch das Schicksal hat es nicht immer gut mit ihm gemeint: Während eines Benefizspiels brach Eckstein 2011 zusammen - Herzinfarkt. Seine Krankenakte reicht für zwei Leben: Herzstillstand und 14 Minuten klinisch tot, Hodenkrebs, Tumor an der Leber. Nach windigen Immobiliengeschäften kam die Insolvenz, die Scheidung. All die Schicksalsschläge hat er in einem Buch verarbeitet. Er hat es "Immer nach vorne" genannt. Heute ist er "voll verkabelt", er deutet auf die Brust, wo ein Herzschrittmacher sitzt.

Nach Ecksteins Herzinfarkt übernimmt Lorant das Kindertraining

"Bei Gewitter muss er aufpassen", sagt Lorant. "Aber jetzt wird er 100 Jahre alt." Als Eckstein 2011 der Herzinfarkt ins Koma riss, da musste das Kindertraining auf dem Campingplatz irgendwie weitergehen - und Lorant übernahm.

"Es gibt einen Schatten, und der heißt Werner Lorant", schreibt Eckstein in seiner Biografie. Schon bei seiner ersten Trainerstation beim Würzburger Vorortverein SV Heidingsfeld musste er feststellen, dass er immer an Lorant gemessen wurde, der vor ihm dort trainiert hatte. Nach einem Trainer Lorant ist halt jeder erst mal klein, auch wenn er für Nürnberg, Frankfurt und Schalke getroffen hat.

Lange ging es nicht gut, der Verein wollte Eckstein loswerden. Er beschreibt in seinem Buch Szenen wie in einem Mafia-Film: Treffpunkt vor einer Tankstelle, Verhandlungen, Geldbündel. 45 000 Mark, damit Eckstein weiterzieht. Eckstein wurde trotzdem Co-Trainer von Lorant in Hallein, im Salzburger Land, wieder im Schatten. Wie die Zusammenarbeit lief? "Ein Co-Trainer macht warm, den Rest mach ich. Klar, oder?" Eckstein lacht mit, raucht.

Sie bildeten eine Fahrgemeinschaft nach Hallein, nachdem Lorant bei einer Polizeikontrolle am Grenzübergang mit 1,1 Promille erwischt wurde. "Blöd gelaufen", sagt Barmbichler. Später übernahm Eckstein als Cheftrainer, Lorant war nach der erfolgreichen Mission Klassenerhalt gegangen. Nur vier Monate später entließ der Klub Dieter Eckstein.

Heute trainiert Eckstein einen kleinen Verein um die Ecke, den SV Laufen, Kreisklasse 4. Immer nach vorne. Noch eine Zigarette. Zwei Männer rauchen hier zusammen am Campingplatz, die durch die ganze Fußballwelt gereist sind, alles erlebt haben. Wer hat in seiner Karriere mehr Spiele gemacht?

Lorant: "Wer wohl?"

Eckstein: "Du, Werner. Aber du hast keine Länderspiele."

Lorant: "Brauch ich auch nicht!"

Draußen paddeln Schwäne im See, eine Camperin fährt über den Gehweg durchs Herbstlaub. "Absteigen", brüllt Werner Lorant, die Dame fällt fast vom Rad und schiebt weiter. Werner Lorant hat Nationalspieler angemotzt, Millionäre in kurzen Hosen, er hat Schiedsrichter zusammengefaltet und Journalisten. Und jetzt müssen sich die Camper in Acht nehmen.

© SZ vom 17.11.2018/jki
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