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TSV 1860 München:Das ganze 1860-Chaos auf einen Blick

1860 Muenchen v Jahn Regensburg - 2. Bundesliga Playoff Leg 2

Es ist zum Verzweifeln, mal wieder: ein 1860-Fan im Stadion.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Der TSV 1860 München spielt nun in der Regionalliga. Wie konnte der Verein so tief fallen? Eine Vierteljahrhundert-Chronik.

Von Johannes Kirchmeier, Christoph Leischwitz, Markus Schäflein und Philipp Schneider

1992/1993

Aufstieg, Teil 1: Der neue Präsident Karl-Heinz Wildmoser reißt den Aufstiegs-Spezialisten Werner Lorant aus einem Vertrag mit Borussia Fulda, wohin er wechseln wollte und wo der damals schon mit einem Beinhart-Image versehene Westfale eigentlich hätte Trainer werden sollen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten - Sechzig startet mit zwei Remis - dominieren die Löwen die Hin-und hangeln sich durch die Rückrunde. Am Ende der Saison feiern Spieler, Fans und Lorant den direkten Wiederaufstieg. Geschäftsführer Helmuth Reuscher pilgert nach Altötting.

1993/1994

Aufstieg, Teil 2: Das einzige Tor durch Peter Pacult fällt in der dritten Spielminute - 87 Minuten Warten bis zum Wunder also. Dann aber ist der 1:0-Erfolg in Meppen perfekt, und damit der erste Durchmarsch einer deutschen Mannschaft von der dritten in die erste Liga. Kettenraucher Lorant steht beim Schlusspfiff neben dem Torpfosten, dann flieht er vor den platzstürmenden Fans. Nächtliche Ankunft am Flughafen: Handfeuerwerk. Der Marienplatz in Blau und Weiß. Nach dem Rausch verlängert 1860 Lorants Vertrag bis 1997 - bei einem Monatsgehalt von 25 000 Mark. Komplett harmonisch verläuft aber nicht einmal diese Saison: Wildmoser droht mit dem Rücktritt, weil die zwischenzeitlich unzufriedenen Fans den Einsatz von Thomas Ziemer fordern.

1994/1995

Alles wieder gut? Mitnichten. Die Fans sind unzufrieden, weil der Verein einen schleichenden Abschied aus dem Grünwalder Stadion einleitet, das nicht bundesligatauglich ist. "Die Sechziger können nicht mehr in einem Stadion spielen, wo die Damen keine Toiletten finden", findet auch Wildmoser. Am 30. Mai 1995 beschließen die Mitglieder den Umzug ins Olympiastadion, das verhasst ist, weil dort die Bayern spielen. Der zum sportlichen Leiter degradierte Helmut Schmitz kündigt nach sechs Jahren zum Saisonende, Sven Jäger wird Geschäftsführer. Bis zum ersten Liga-Sieg müssen die Fans bis zum zehnten Spieltag warten, dann folgt die Watschn-Affäre: Thomas Seeliger soll Peter Pacult einen "Ösi-Arsch" genannt haben, woraufhin dieser ihm eine geschallert haben soll. Beide werden suspendiert. Schmitz findet, das eigentlich Schlimme sei, dass die Sache öffentlich wurde. Immerhin: Der Klassenverbleib gelingt am drittletzten Spieltag.

1995/1996

Wildmoser fühlt sich bestätigt: 13 500 Dauerkarten, so viele wie nie zuvor, wurden für die erste Saison im Olympiastadion verkauft. Auch die Sponsoren lassen sich nicht lumpen. Der Ausrüster kommt nun aus den USA, "weil die uns weltweit vermarkten", wie Wildmoser sagt. Sportlich brechen goldene Zeiten an, die Mannschaft qualifiziert sich für den UI-Cup und wird Hallenmeister. Wären da nur nicht die Bedenken Wildmosers, dass sein Verein von Scientology unterwandert wird, was zu juristischen Scharmützeln führt.

1996/1997

Die Sechziger scheinen sich allmählich als feste Größe zu etablieren: Dank des DFB-Pokalsiegs des VfB Stuttgart erreicht Lorants Team den Uefa-Pokal. Trotzdem endet auch diese Saison unrühmlich. Nach der sogenannten "Feten-Affäre" muss Kapitän Manfred Schwabl den Verein verlassen. Er gilt als Drahtzieher eines Boykotts gegen Wildmosers Saison-Abschlussfeier. In der Folge wird die Affäre auch dem Geschäftsführer Jäger zum Verhängnis, dem im Urlaub telefonisch seine Beurlaubung mitgeteilt wird. Ihm folgt Rainer Falkenhain nach, der aus Frankfurt kommt.

1997/1998

Der Held gerät in die Bredouille: Sechzig scheidet in der zweiten Runde des Uefa-Pokals gegen Rapid Wien aus, am Ende der Hinrunde häufen sich die Niederlagen, "Lorant raus", ist vermehrt zu lesen und zu hören. Doch Präsident Wildmoser hält an ihm fest. Und bleibt auch gegen interne Widersacher hart. Vizepräsident Erich Meidert tritt zurück ("Ich ahnte nicht, dass Demokratie hier nicht stattfindet"), Geschäftsführer Falkenhain ist nach wenigen Monaten schon wieder weg.

1998/1999

Die Löwen verlieren die letzten vier Spiele der Saison und sind trotzdem nicht abstiegsgefährdet - es gab schon sorgenreichere Zeiten. Doch die Zukunft ist ungewiss: Die Vereine und die Stadt können sich nicht auf den Umbau des Olympiastadions einigen, einige Nostalgiker fordern die Rückkehr ins Grünwalder, realistischer erscheint aber ein neues Stadion, und zwar zunächst in Riem. Aus irgendeinem Grund kündigt Wildmoser den Sieg in beiden Derbys an. Ausgerechnet Jens Jeremies, gerade erst von Sechzig zu Bayern gewechselt, bringt die Roten im Hinspiel auf die Siegerstraße. Im Rückspiel folgt ein 1:1.

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