Bundestrainer Joachim Löw:Ein Zeitpunkt, der alle überrascht

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Seit 15 Jahren ist Joachim Löw Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft - nun kündigt er für diesen Sommer seinen Rücktritt an. Bleibt die Frage: Wer folgt ihm nach?

Von Sebastian Fischer

Als Joachim Löw am vergangenen Wochenende in München auf der Tribüne saß, als einer der wenigen Beobachter des 4:2 zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund im Stadion, da ließ er sich nichts anmerken. In der Halbzeit sprach er im Sky-Interview noch mal über eine mögliche Rückkehr von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng in die Nationalmannschaft. Er gab ihnen für den Fall einer Nominierung für die Europameisterschaft, über die er im Mai entscheiden werde, eine Einsatzgarantie, das war dann die Neuigkeit des Abends. Und es hätte natürlich dem Anlass unangemessen beiläufig geklungen, wäre er bereits auf seine Gedanken zu einer anderen Entscheidung eingegangen. Ach so, übrigens: Von Sommer an übernimmt dann jemand anders.

Löw, 61 Jahre alt und die vergangenen 15 davon Bundestrainer, habe darum gebeten, seinen ursprünglich bis zur WM 2022 laufenden Vertrag unmittelbar mit Abschluss der EM 2021 zu beenden, das teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Dienstag mit. Der Verband habe dem zugestimmt. "Ich gehe diesen Schritt ganz bewusst, voller Stolz und mit riesiger Dankbarkeit, gleichzeitig aber weiterhin mit einer ungebrochen großen Motivation, was das bevorstehende EM-Turnier angeht", so ließ sich Löw in der Mitteilung zitieren. Und so oft über seinen Rücktritt spekuliert worden war, so rege schon Nachfolger diskutiert wurden, so überraschend kam der Zeitpunkt der Bekanntgabe dieser Entscheidung.

In zwei ausführlichen Interviews mit dem Kicker und der "Sportschau" hatte Löw sich zuletzt nach ein paar Monaten Bedenkzeit im Winter zurückgemeldet. Es war eine Art Regierungserklärung, die geradezu kämpferisch klang. Er hatte plausibel über eine mögliche Unterbrechung des Generationenumbruchs in der Nationalelf gesprochen, wogegen er sich zuvor noch eher gewehrt hatte. Er erweckte den Eindruck eines Trainers, der sich einsichtig zeigt mit der stetig wachsenden Kritik an seinen Entscheidungen und seine Schlüsse daraus gezogen hat. Dass dies allerdings auch seinen zukünftigen Rückzug bedeutete, das musste man sich dazu denken. Und so eigenwillig, wie die Abfolge seiner Aussagen nun dasteht, war es wiederum ein typischer Entschluss für ihn.

Wer wird Löws Nachfolger? Flick sieht keinen Grund, den FC Bayern zu verlassen

Nach dem bislang letzten Länderspiel, dem erschreckend schwachen 0:6 in Spanien im November, war er angeblich von DFB-Präsident Fritz Keller gefragt worden, ob er sich einen Rücktritt nach der EM vorstellen könne. Damals verneinte Löw das noch. Er habe im Gespräch mit dem DFB-Präsidium keine sportliche Analyse der Niederlage vorgelegt, sondern vielmehr angesprochen, dass ihn die Außendarstellung des Verbands gestört habe, sagte er dazu dem Kicker - und meinte damit auch, wie die Diskussion um seine Person im DFB in die Öffentlichkeit getragen worden war. "Zurzeit ist Ruhe eingekehrt", sagte Löw. Aber das blende er aus, um sich auf die sportlichen Aufgaben zu konzentrieren. So wie er es in den Jahren zuvor, seit dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018, stets auszublenden schien, dass ein Ende seiner Trainerzeit beim DFB für viele längst plausibler war als deren Verlängerung. So wie er als Trainer immer stur wirkte, damit bis zum WM-Titel 2014 den größtmöglichen Erfolg feierte, doch danach weniger gewann und schließlich weniger Argumente auf seiner Seite hatte.

"Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung von Joachim Löw", so lässt sich nun Keller in der Mitteilung am Dienstag zitieren. Sein Bedauern, "dass sich nach der Euro unsere Wege beruflich voneinander trennen", erklärte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Doch auch Bierhoff hatte zuletzt die Fragen nach möglichen Nachfolgern Löws nicht abgelehnt. "Absolut", sagte er zum Beispiel, traue er Löws langjährigem Assistenten und Bayern-Trainer Hansi Flick den Job zu.

Wenn es um den künftigen Bundestrainer geht, sind seit Wochen auch zwei andere Namen im Gespräch. Zum einen Jürgen Klopp, der erfolgreichste deutsche Trainer der vergangenen Jahre, der zuletzt beim FC Liverpool ausnahmsweise Spiele in Serie verlor. Klopp sagte allerdings am Dienstag, er werde "im oder nach diesem Sommer nicht als möglicher Bundestrainer zur Verfügung stehen. Ich habe ja einen Job".

Der andere ist Ralf Rangnick. Anders als Klopp hat der frühere Coach und Sportdirektor von RB Leipzig gerade keinen Job. "Grundsätzlich ist das Amt des Bundestrainers für keinen deutschen Trainer ein Amt, das ihn nicht interessiert", sagte er kürzlich. Flick wiederum sagte jüngst, er sehe keinen Grund, über etwas anderes nachzudenken als den Job beim FC Bayern. Das wird eher nichts daran ändern, dass er in den kommenden Tagen noch ein paar Mal danach gefragt werden wird.

Schon im vergangenen Sommer, als Flick mit dem FC Bayern die Champions League gewann, war oft der Vergleich mit seinem langjährigen Vorgesetzten angestellt worden. "Hansi wächst gerade in diese Jogi-Rolle rein", sagte etwa der frühere Nationalspieler Per Mertesacker, 2014 Weltmeister unter Löw und Flick. Über Rangnick, 62, würde dagegen wahrscheinlich niemand sagen, dass er zum Jogi werden könnte. Vor allem würde er das wohl selbst ablehnen.

Rangnicks Art, den Fußball zu interpretieren und zu vermitteln, käme einem stilistischen Kurswechsel beim DFB gleich, den manche augenscheinlich begrüßen würden. Es dauerte nur zwei Stunden nach Löws Rücktrittserklärung, da nannte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus Rangnick seinen "großen Favoriten" für die Stelle.

Zuletzt kämpfte Löw noch um den jungen Münchner Jamal Musiala

Am Dienstag ging es jedoch sogar Matthäus, der sich zuletzt zum Chefkritiker Löws aufgeschwungen hatte, auch darum, den Bundestrainer zu loben. Löw habe eine "enorm erfolgreiche Ära geprägt", sagte auch Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern, der sich zuletzt mit Kritik am DFB ebenfalls nicht gerade zurückgehalten hatte.

Tatsächlich gibt es junge Menschen, die sich eine Nationalmannschaft ohne den Trainer Löw fast gar nicht mehr vorstellen können. Wenn Ende März die nächsten Länderspiele anstehen, WM-Qualifikation gegen Island, Rumänien und Nordmazedonien, dann wird Löw in Jamal Musiala, 18, vom FC Bayern einen Debütanten nominieren, der drei Jahre alt war, als Löw nach der WM 2006 den Bundestrainerjob übernahm. Dass er um den gebürtigen Stuttgarter kämpfte, der sich auch für eine Nationalmannschaftskarriere im Team Englands hätte entscheiden können, und ihn in einem persönlichen Gespräch in München vom DFB überzeugte, das war jüngst ein Anlass dafür gewesen, zu dem Löw ausnahmsweise mal wieder uneingeschränktes Lob erfuhr.

"Herr Löw" habe ihm "einen sehr klaren Weg für mich in der Nationalmannschaft aufgezeigt", sagte Musiala. Den Weg, der Talente wie ihn und den deutschen Fußball in die Zukunft führen soll, bestimmt bald jedoch ein anderer.

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