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Robert Lewandowski:Vielleicht nicht Weltklasse genug

TSG 1899 Hoffenheim v FC Bayern Muenchen - Bundesliga; Lewandowski

Gleichzeitig umstritten und unumstritten: Robert Lewandowski.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)
  • Robert Lewandowski kann gegen Borussia Dortmund sein 200. Bundesligator erzielen.
  • Nur vier Stürmer in der Liga Geschichte - Gerd Müller, Klaus Fischer, Jupp Heynckes und Manfred Burgsmüller - haben mehr Treffer erzielt als der Pole.
  • Trotzdem gibt es bei Lewandowski immer noch eine Debatte darüber, wie gut er wirklich ist.

Es war, als hätten sie alle den Yeti gesehen. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Ehrfurcht raunten sie seinen Namen, und sie schienen sich sicher zu sein: Ja, die Erscheinung war echt gewesen, sie hatten sie zwar nicht zu fassen gekriegt, aber sie waren doch nahe genug an der Erscheinung dran gewesen, um ihre Echtheit bestätigen zu können. Als Lewandowski ins Spiel gekommen sei, habe sich das Spiel verändert, sagte der eine Heidenheimer, und der nächste sagte, ja, gut, diesen Lewandowski, den habe man halt nicht mehr verteidigen können. Von Ferne sahen sie diesen Lewandowski dann sogar auf der anderen Seite der Interview Zone stehen, wo er offenbar sogar Sachen sagte.

"Mit seinen Einwechslungen zur Pause ist Niko all in gegangen", sagte Heidenheims Trainer Frank Schmidt nach dem yetihaft unwirklichen 4:5 im Pokal-Viertelfinale beim FC Bayern. Man habe "sofort gespürt, dass jetzt noch mehr Qualität auf dem Platz ist". Vom Kollegen Niko Kovac war das übrigens eine recht praktische Idee, all in zu gehen, weil seine hochfavorisierte Elf in diesem Wettbewerb ansonsten wohl blamabel all out gegangen wäre.

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1:2 stand's zur Pause gegen den kessen Zweitligisten, aber dann kam eben der Yeti ins Spiel. Eine schlaue Kopfballvorlage auf Müller: 2:2. Ein schlauer Laufweg nach Müllers Vorlage, Vollstreckung inklusive: 3:2. Und dann, fünf Minuten vor Schluss, dieser Elfmeter zum 5:4, ganz entspannt verwandelt, obwohl dieses Pokalspiel erkennbar auf Krawall gebürstet war. Aber Lewandowski war stärker als dieses Spiel.

Lewandowski hat nur 45 Minuten gespielt, aber sie haben gereicht, um zum Mann des Abends zu werden. Dazu lassen sich zwei, nein: drei Dinge anmerken. Erstens: Für Lewandowski ist es natürlich cool, ein Mann des Abends zu sein.

Zweitens: Es ist aber irgendwie auch sein Job.

Drittens: Es war übrigens nur gegen Heidenheim.

Lewandowski, 30, schafft es, gleichzeitig eine umstrittene und eine nicht umstrittene Figur zu sein. Nicht umstritten ist, dass er ein sehr großer, sehr kompletter Bundesliga-Stürmer ist, dessen Namen die Gegenspieler mit einer Mischung aus Erstaunen und Ehrfurcht raunen. Umstritten ist, ob er auch so gut ist, wie er sich selber manchmal sieht: ob er also der Weltfußballer ist, der in den einschlägigen Rankings offenkundig nur aufgrund von Fehlern in der Rechen-Software von Messi und Ronaldo überholt wird.

Tatsächlich weiß man das ja immer noch nicht so genau: Ist Lewandowski ein Stürmer vom Format Marco van Bastens, und prägt er nur deshalb kein großes Weltturnier, weil er nicht für eine ganz große Nation stürmt? Oder ist er halt doch nur ein halber van Basten, weil es ihm beispielsweise auch nicht verboten wäre, für seinen Verein Bayern München mal die Champions League zu entscheiden?

Am Wochenende könnte Robert Lewandowski immerhin ein wenig historisch werden. 199 Bundesligatore hat er geschossen, ein einziges Tor fehlt ihm noch, um in den sagenhaften Zweihunderter-Kreis vorzustoßen, der bisher vier Liga-Legenden vorbehalten ist: dem unerreichten, unerreichbaren Gerd Müller; dem robusten, technisch versierten Fallrückzieher-Erfinder Klaus Fischer, der auch 2019 noch ein Supermittelstürmer wäre; dem sündhaft schnellen Jupp Heynckes, der heute ebenfalls noch mitkicken könnte und dann vermutlich von Jupp Heynckes trainiert würde; und dem rasend raffinierten Manni "Manfred" Burgsmüller, der mit den Jahren immer jünger wurde und mitunter aus Lücken auftauchte, die sich ihrer Lückenhaftigkeit selbst gar nicht bewusst waren.

Die Torjäger der Bundesliga

1. Gerd Müller (8/1965-11/1978) 365

2. Klaus Fischer (9/1968-6/1987) 268

3. Jupp Heynckes (8/1965-4/1978) 220

4. Manfred Burgsmüller (8/1974-8/1989) 213

5. Robert Lewandowski (seit 9/2010) 199

6. Claudio Pizarro (seit 9/1999) 195

7. Ulf Kirsten (8/1990-3/2002)182

8. Stefan Kuntz (8/1983-5/1999) 179

9. Dieter Müller (8/1973-12/1985), Klaus Allofs (10/1976-5/1092) 177

11. Mario Gomez (seit 9/2005) 169

12. Hannes Löhr (9/1964-8/1977) 166

13. Karl-H. Rummenigge (9/1974-5/1984) 162

14. Bernd Hölzenbein (4/1968-4/1981)160

15. Fritz Walter (8/1983-5/1994) 157

16. Thomas Allofs (4/1979-3/1992) 148

17. Stefan Kießling (9/2004-5/2017) 144

18. Bernd Nickel (3/1968-4/1983) 138

19. Uwe Seeler (8/1963-3/1972) 137

20. Horst Hrubesch (8/1975-10/1985) 136

Es wäre eine schräge Pointe, wenn Lewandowski das historische Tor ausgerechnet gegen Borussia Dortmund schießen würde; gegen jenen Klub, der seine Qualitäten als Erstes durchschaute und ihn 2010 von Lech Posen in die Bundesliga holte. Wobei, als Erstes hatte diese Qualitäten schon Lewandowski selbst durchschaut.

Als Lewandowski noch in der zweiten polnischen Liga spielte, raunte ihm der frühere polnische Nationalstürmer Cezary Kucharski zu, dass er, der damals 19 Jahre alte Lewandowski, das Potenzial habe, einmal einer der besten Stürmer der Welt zu werden, vielleicht sogar der beste. Lewandowski glaubte ihm, Kucharski wurde sein Berater, gemeinsam entwickelten sie zwei Lebensthemen: Lewandowski wollte als Fußballer immer besser werden. Und er sollte irgendwann so gut sein, dass er einen Vertrag bei Real Madrid bekommt.