bedeckt München

RB Leipzig:Hadern wegen zwei Tausendprozentigen

Wolfsburg - RB Leipzig / 16.01.2021 Wolfsburg, 16.01.2021, Volkswagen Arena, Fussball, DFL, Bundesliga, VfL Wolfsburg v

Erst ein Gegentor unglücklich abgefälscht, dann glücklich getroffen: Willi Orban erzielt für Leipzig den 2:2-Ausgleich gegen den VfL Wolfsburg.

(Foto: Roger Petzsche /Picture Point LE/imago)

Wolfsburg und Leipzig liefern sich beim 2:2 eine wilde Auseinandersetzung - mit einem "echten" Stürmer auf dem Platz wäre für RB wohl mehr drin gewesen. Doch Trainer Nagelsmann setzt auf eine andere Taktik.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Als der Tag schon halb zur Nacht geworden war, da standen sie immer noch unten auf dem Rasen, eingepackt in dicke Thermomäntel und mit interessierten Blicken füreinander. Julian Nagelsmann, der Trainer von RB Leipzig, und Oliver Glasner, sein Pendant vom VfL Wolfsburg, schweiften ab in die Grundtiefen der Fußballanalyse. Und so standen sie minutenlang in der klirrenden Kälte, sie gestikulierten, sie philosophierten, laut Glasner muss es sich um ein wirklich bereicherndes Gespräch gehandelt haben.

Bei all dieser Harmonie fiel auf der Pressekonferenz hinterher umso mehr auf, dass sich die beiden in einem entscheidenden Punkt uneins waren: Für Glasner war das 2:2-Unentschieden in der heimischen Arena "gerecht"; Nagelsmann hingegen sprach von einem verpassten Sieg für seine Leipziger. Abschließend lässt sich nicht beantworten, wessen Interpretation der Partie die richtige war, zu widersprüchlich war das Geschehen auf dem Platz.

Einerseits war da die leichte optische Überlegenheit der Leipziger, da waren auch die "zwei tausendprozentigen Chancen", die Nagelsmann in der zweiten Hälfte bei den Seinen verorten durfte, zusätzlich zu kleinen Vorteilen in Statistiken wie Ballbesitz- und Zweikampfquote. Andererseits waren da auch die sehr strukturierten Wolfsburger, die sich ihre Gegentore nur aufgrund kolossaler Aussetzer fingen und selbst einen herrlich vorgetragen Angriff ins Ziel brachten. Und da waren auch wieder jene Leipziger, die einfach nicht gegen Mannschaften aus der Top-sechs-Riege der Liga gewinnen können. Was in jedem Fall feststand: Es war eine wilde Auseinandersetzung zweier Teams, die auf ihre Weise eigentlich gerne Kontrolle über den Gegner ausüben.

Nagelsmann ließ Mittelstürmer Sörloth die gesamte Spielzeit auf der Bank - trotz dessen Tor gegen Dortmund

Aufseiten der Leipziger war ein wenig überraschend, dass Nagelsmann seinen Mittelstürmer Alexander Sörloth die gesamte Spieldauer auf der Bank beließ, obwohl der wuchtige Norweger in der Vorwoche bei der 1:3-Niederlage gegen Borussia Dortmund seinen ersten Bundesliga-Treffer erzielt hatte. Ganz vorn spielte stattdessen der filigrane Emil Forsberg, der eigentlich im Mittelfeld zuhause ist und von seinem Trainer zuletzt immer wieder mal als "falsche Neun" aufgeboten wurde. Einem falschen Neuner obliegt die Aufgabe, sich überall herumzutreiben, er soll die Verteidiger permanent nerven und bloß nicht zu lange am gegnerischen Sechzehner campieren. Als solcher Stürmertypus trat Forsberg jedoch nur in der vierten Minute in Erscheinung, als er auf der linken Seite einen Steilpass empfing und den Ball mit viel Gefühl ins Zentrum passte - dort stand sein Angreiferkollege Nordi Mukiele mutterseelenallein für den Treffer zur 1:0-Führung bereit.

So viel Raum haben die Wolfsburger ihrem Gegner wohl in der gesamten Saison noch nicht geboten, sie verteidigten fortan aber wieder diszipliniert und waren in der ersten Hälfte auch die Mannschaft, bei der am ehesten eine verbindende Offensividee zu erkennen war. "Der Druck von Wolfsburg wurde größer", räumte auch Nagelsmann ein, der in der 22. Minute bestaunen durfte, wie sich ein echter Neuner den Strafraum zu eigen machen kann: Nach einer scharfen Flanke von Mittelfeldmann Yannick Gerhardt traf Wout Weghorst per Flugkopfball, es war der elfte Saisontreffer des 1,97 Meter großen Stürmers.

Die Wolfsburger ließen in der Folge nicht ab von ihrem temperamentvollen Spiel, zeigten "eine richtig, richtig gute erste Halbzeit", wie Glasner sagte - und heimsten dafür auch den verdienten Lohn ein: Mittelfeldspieler Renato Steffen traf in der 35. Minute aus der Distanz zur 2:1-Führung, der Ball wurde von Leipzigs Verteidiger Willi Orban erheblich abgefälscht.

Dass für Leipzig nicht mehr raussprang, war auch eine Sache der fehlenden Angreifer

Nagelsmann, der die Qualitäten Weghorsts "in der Box" anerkennend hervorhob, verzichtete seinerseits jedoch auch in der zweiten Hälfte auf einen physisch imposanten Angreifer. Aus Mangel an Effizienz wurde die Idee mit Forsberg bereits zur Halbzeit beendet; der Schwede musste für Christopher Nkunku das Feld räumen, der ebenfalls im Mittelfeld sozialisiert wurde und als Sturmspitze gegen die hochgewachsene Wolfsburger Innenverteidigung um John Anthony Brooks und Maxime Lacroix eine Fehlbesetzung darstellte.

Sörloth weilte währenddessen auf der Bank neben Sturmkollege Yussuf Poulsen, der immerhin in den Schlussminuten eingewechselt wurde. Leipzig spielte dennoch mit der "maximalen Schärfe", wie Nagelsmann sagte, es gab in der zweiten Hälfte auch wunderbarste Gelegenheiten, etwa nach Schüssen von Amadou Haidara (83.), Angeliño (84.); einmal kratze Wolfsburgs Mittelfeldmann Josuha Guilavogui einen Abschluss von Dani Olmo von der Linie (67.). Der Treffer zum 2:2-Ausgleich war jedoch eine ziemlich krumme Nummer: Nach einem Freistoß grätschte Haidara den Ball in Richtung Wolfsburger Tor, er kullerte vorbei an allen Männern in Grün, Torwart Casteels ließ nach vorne prallen - direkt vor die Füße von Orban, der diese Einladung dankend annahm (54.).

Dass letztlich nicht mehr raussprang, war für Nagelsmann eine "Sache der Chancenverwertung", vielleicht war es aber auch eine Sache der fehlenden Stürmer. Glasner resümierte, dass seine Mannschaft inzwischen "in vielen Phasen" gegen die Spitzenteams der Liga mithalten könne. Wolfsburg sei diese Saison "sehr, sehr gut", sagte auch Nagelsmann, "das haben sie in dieser Saison gezeigt." Und schon waren sich die beiden wieder einig.

© SZ/and/bek
Zur SZ-Startseite
Werder Bremen - FC Augsburg

Werder gegen Augsburg
:Ein Spiel wie ein Steinbruch

Meist sieht es so aus, als würde jedes Team hoffen, dass dem Gegner noch weniger einfällt als einem selbst. Am Ende einer bemerkenswert qualitätsarmen Partie findet Bremen noch irgendwie den Weg zum Tor.

Von Ralf Wiegand

Lesen Sie mehr zum Thema