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Bundesliga:Die Mannschaft der Stunde heißt SC Freiburg

Die Krise zum Start ist vergessen: Freiburg reist mit einer Erfolgsserie nach München, weil das Team sich selbst hilft - und Trainer Streich laute und leise Töne anschlagen kann.

Von Christoph Ruf, Freiburg

Christian Streich hat ein besonderes Verhältnis zum FC Bayern. Als Teenager war er Fan der Roten, es ist nicht auszuschließen, dass er damals sogar eine Jeans-Kutte mit Münchner Vereinslogo sein Eigen nannte. Und im November 2018 bat er Manuel Neuer noch auf dem Rasen um dessen Trikot - für seinen Sohn Carlos. Ob Streich sich trauen würde, den Nationaltorwart diesmal erneut anzusprechen, ist fraglich. Denn in München herrscht Reizklima: Neuer hat zuletzt in zehn Ligaspielen in Serie mindestens ein Gegentor kassiert, und gerade ist er mit den Bayern bei Holstein Kiel im Elfmeterschießen aus dem DFB-Pokal geflogen.

Der Devotionalienjäger Streich hingegen trainiert aktuell die Mannschaft der Stunde: Fünf Mal hintereinander siegte Freiburg, 4:1, 3:1 und 5:0 lauteten die jüngsten drei Ergebnisse. 23 erwirtschaftete Punkte aus 15 Ligaspielen sind eine so reiche Ernte, dass selbst notorische Schwarzseher wie der Trainer nicht mehr gar so arg betonen, dass es mal wieder nur gegen den Abstieg gehe. Streich hat das jüngst natürlich anders formuliert, defensiver - und kryptischer. Es gebe die "große Möglichkeit, etwas zu befestigen, wo es dann für die anderen nicht so einfach wird, dieses Fundament wieder löchrig zu machen. Wir können jetzt etwas stark machen in diesem Spiel", sagte Streich. Anschließend siegte der SC 5:0 gegen Köln.

Waldschmidt, Koch, Schwolow - drei Stammspieler sind gegangen

Dass zum Sonntagsspiel nun also das Team der Stunde nach München kommt, ist umso überraschender, weil der SC mit gravierendem Handicap in die Saison startete: Die Nationalspieler Luca Waldschmidt (Benfica Lissabon) und Robin Koch (Leeds United) gingen ebenso wie Stammtorwart Alexander Schwolow (Hertha BSC). 35 Millionen Euro brachte das ein, wovon nur etwas mehr als ein Drittel reinvestiert wurde. Folglich misslang der Start: Nur sechs Punkte hatte Freiburg nach dem achten Spieltag, der mit einem gruseligen 1:3 gegen Mainz bestritten wurde.

Zugleich aber brachte Mainz die Wende, keine Partie mehr wurde seither verloren. Es soll diverse Male laut geworden sein im Besprechungsraum. Und was passiert, wenn dieser Trainer wütend wird, hat Mittelfeldspieler Vincenzo Grifo jüngst einer SWR-Reporterin leise angedeutet: "Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht erleben." Deutliche Worte scheinen aber besonders die Profis untereinander ausgetauscht zu haben, es sind wohl auch solche Selbstheilungsreflexe, die das Team wieder stark werden ließen. So hat der neue Stürmer Ermedin Demirovic bestätigt, dass er bei einem gemeinsamen Spaziergang wertvolle Tipps von einem Kollegen bekommen habe, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte: von Nils Petersen, der von Demirovic einstweilen auf die Bank verdrängt wurde.

Zentralspieler Santamaria steht stellvertretend für die Entwicklung

Doch bei allem Lob für die sozialen Talente der Freiburger Profis, in erster Linie ist der Höhenflug das Ergebnis harten, soliden Handwerks. Wenn die begabten Individualisten zuhauf das Weite suchen, bleibt nur die Stärkung des Kollektivs - mit energischer, offensiver Ausrichtung, was einen konzeptionellen Kontrast zu den Aussagen bietet, die beispielsweise der Kölner Trainer Markus Gisdol nach dem 0:5 in Freiburg tätigte: "Wenn du gut verteidigst, machst du meist auch offensiv ein gutes Spiel", sagte Gisdol - und beschrieb damit das Gegenteil dessen, was sie in Freiburg für richtig halten. Ecken und Freistöße sind dort derzeit eine starke Waffe, solche Standards werden bis zum Erbrechen geübt, offensive Spielzüge sowieso.

Die Entwicklung von Baptiste Santamaria in der Zentrale steht stellvertretend für diese Freiburger. Der Franzose, der im September von SCO Angers kam, brauchte einige Wochen, bis er selbstbewusster auftrat und die geforderten Laufwege verinnerlicht hatte. Überraschen konnte das nur Beobachter, die vom Freiburger Rekordeinkauf (die Rede ist von zehn Millionen Euro Ablöse) Wunderdinge erwarteten. Santamaria aber kam in eine Mannschaft, die Spiel um Spiel verlor - jetzt zählt er zu den Impulsgebern. Der 25-Jährige bringt ein, was Streich sich erhoffte: Fleiß, Robustheit, Spielverständnis. Das Scharnier zwischen Mittelfeld und Sturm funktioniert endlich: "Santa ist ein großer Kämpfer. Er jammert nicht rum oder zweifelt nicht, wenn es nicht läuft", sagte Streich jüngst: "Irgendwann habe ich ihn gefragt: Ist es vielleicht zu viel?" Doch Santamaria waren die vielen Einzel-Videositzungen nicht zu viel. Er wollte immer mehr wissen. Das, findet Streich, "sagt alles über ihn".

Italiens Nationalspieler Grifo gönnt sich gerade keine Pausen

Eine Beobachtung aus der Woche vor dem 5:0 gegen Köln sagt wiederum viel über den längst dienstältesten Trainer der Bundesliga, der seit 2011 Freiburgs Profis coacht. Immer wieder merkt man dem 55-Jährigen an, dass er bei allem überschäumenden Temperament eine pädagogische Begabung hat. Als Nicolas Höfler eine schier grotesk schwache Phase durchlief, in der er über Wochen in jedem Spiel mindestens ein Gegentor verschuldete, beließ Streich ihn im Team und setzte sich dem Vorwurf aus, dass das Leistungsprinzip für seinen Lieblingsspieler nur eingeschränkt gelte. Doch er behielt Recht: Höfler ist wieder in der Spur.

Vincenzo Grifo, der an guten Tagen Antreiber und Ideengeber im SC-Spiel ist, hat seit Wochen nur noch solche guten Tage. Dabei ist er einer der anspruchsvollsten Fälle im Kader. Früher kam es immer mal vor, dass der gebürtige Pforzheimer nicht gar so vehement seinem Gegenspieler nachhetzte, wie Streich das gerne sieht. Das war meist dann, wenn Grifo von Erfolgserlebnissen wie der jüngsten Länderspielreise mit Italiens Nationalteam zurückkehrte, bei der er zwei Treffer gegen Estland erzielte. Im Moment jedoch gönnt sich Grifo nach der Rückkehr in den Liga-Alltag keine kreativen Pausen. Beim Trainer kommt das ziemlich gut an - wenn Grifo, wie beim Fünfnull gegen Köln, entkräftet ausgewechselt wird, wird er von Streichs Umarmungen schier erdrückt.

© SZ/hoe/mok/and
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