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FC Bayern:Das Ende der Unantastbarkeit

Holstein Kiel v Bayern Muenchen - DFB Cup: Second Round

Hansi Flick (li.) und Joshua Kimmich: Ein möglicher Titel ist schon futsch

(Foto: Getty Images)

Der FC Bayern konnte 2020 jeden erdenklichen Titel gewinnen, nun besiegelt das Scheitern im DFB-Pokal einen Abwärtstrend. Besorgniserregend ist die Niederlage vor allem, weil sie nicht überraschend zustande kam.

Von Sebastian Fischer

Der Nationalspieler Niklas Süle ist auf dem Fußballplatz normalerweise ein ruhiger Vertreter. Trotz seiner imposanten Statur, 1,95 Meter Körpergröße, gleicht seine Anmutung der eines sanften Riesen. Selten erhebt er laut das Wort, in Momenten des Jubels sieht man ihn oft eher schmunzeln, auch wenn er sich ärgert bleibt er bei sich. Am Mittwochabend, es lief die 69. Spielminute in der DFB-Pokalpartie bei Holstein Kiel, der Schnee wehte fast waagerecht durchs Stadion, sah man Süle vor Frust schimpfen und brüllen.

Es gibt so viele Bilder und Szenen, die von diesem 7:8 nach Elfmeterschießen beim Zweitligisten an einem kalten Januarabend im Gedächtnis bleiben, dass es schwer fällt, eine Auswahl zu treffen: Trainer Hansi Flick, wie er sich nach dem Kieler Ausgleichstor zum 2:2 in der Nachspielzeit der 90 regulären Minuten vor Fassungslosigkeit fast die Mütze vom Kopf zog; Torwart Manuel Neuer, wie er nach dem Elfmeterschießen in grimmigen Gedanken und den Blick gesenkt gleich Richtung Kabine stapfte, während hinter ihm die Kieler jubelten, die dem Welttorhüter bei sechs Elfmetern keine Chance gelassen hatten. Oder Thomas Müller, wie er sich im ARD-Interview mit einer Reporterin zankte, wofür er sich tags darauf entschuldigte. Sie hatte nach der Stimmung in der Kabine gefragt. "Ja, Sie lachen jetzt hier", blaffte Müller zurück, "nee, ich lache nicht", sagte sie. "Natürlich haben Sie gelacht! Was denken Sie denn, wie die Stimmung ist!?"

Doch der schimpfende, alleingelassene Innenverteidiger Süle, als der FC Bayern mal wieder eine Torchance zugelassen hatte, er selbst über den Ball trat und nur mit Glück kein weiteres Gegentor fiel, war wohl der Moment, der den größtmöglichen Kontrast zum Normalzustand veranschaulichte. Und das ist es ja, was dieser Abend war: Das Ende von Monaten der wie normal gewordenen Triumphe, unterbrochen zwar von vielen Gegentoren, aber meist sehr verschmerzbaren Punktverlusten; das Ende der Unantastbarkeit des Triple-Siegers.

"Wir haben gesagt, wir müssen die Mitte absichern", sagt Flick - doch es geschieht nicht

"Abhaken, es ist nichts passiert", hatte Hansi Flick noch am Tag vor dem Spiel gesagt, in Anbetracht der zweiten Saisonniederlage des Tabellenführers in der Bundesliga, einem 2:3 bei Borussia Mönchengladbach am vergangenen Freitag. In der Pressekonferenz nach der Niederlage in Kiel sagte er: "Es gibt jetzt keine Entschuldigungen mehr." Müller sagte: "Es ist sicherlich nicht gerade die beste Phase des FC Bayern."

Die Münchner haben im Jahr 2020 jeden möglichen Titel gewonnen, im Februar kann bei der Klub-WM in Katar nachträglich sogar noch einer hinzukommen. Doch nun, nach dem erst dritten Pflichtspiel 2021, hat die Mannschaft nicht nur die Möglichkeit verspielt, diesem Erfolg wieder nahezukommen. Dadurch, dass nicht einmal das Achtelfinale erreicht wurde im DFB-Pokal, fehlen den Bayern jetzt viele Millionen Euro an Einnahmen, was in Pandemiezeiten größere Löcher in den Etat schlägt als gewöhnlich. Dem Rekordmeister unterlief das erste Zweitrunden-Aus seit der Niederlage gegen den 1. FC Magdeburg im Jahr 2000. Gut möglich, dass Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Ehrenpräsident Uli Hoeneß sich daran erinnert fühlten, als sie auf der kleinen Tribüne in der Kälte froren, noch so ein Bild des Abends: Auf seinem Platz hinter Rummenigge hatte Hoeneß seinen Mundschutz so hoch und die Mütze so tief gezogen, dass man ihn kaum erkannte. Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic, Vorstandsmitglied und Sportvorstand, spielten damals in Magdeburg noch mit.

Besorgniserregend ist die Niederlage aus Münchner Sicht auch deshalb, weil ihr Zustandekommen nicht überraschend, sondern geradezu vorhersehbar war. "Das 1:1, das sind Dinge, die wir angesprochen haben, die wir auch trainiert haben", sagte Flick: "Das ist ein Muster, das wir in vielen Gegentoren öfters gesehen haben." Nach einem langen Pass sprintete mal wieder ein Stürmer auf Torwart Neuer zu. "Wir haben gesagt, wir müssen die Mitte absichern", bei Pässen in die Tiefe im Rücken des Gegners sein, erklärte Flick. Doch das geschah nicht, ähnlich wie bei vielen der 24 Gegentore nach 15 Spielen in der Bundesliga.

Bastian Schweinsteiger nennt es "unnötig", wie hoch die Viererkette des FC Bayern verteidigt

Die Debatte geht nun auch deshalb tiefer, weil Kritik an Flicks Taktik von prominenter Stelle kam. "Unnötig", nannte es ARD-Experte Bastian Schweinsteiger, dass die Viererkette so hoch verteidige. "Das hat nichts mit hoch stehender Kette zu tun", entgegnete Flick in der Pressekonferenz. "Wir haben halt unsere Spielidee", sagte er, den Gegner unter Druck zu setzen. Deren Einführung war eine seiner wichtigsten Maßnahmen, grundlegend für das Erfolgsjahr 2020. Auf Nachfrage, ob über Korrekturen an dieser Idee nachdenke, sagte Flick: "Wir haben nicht nur Plan A." Gut erkennbar war Plan B zuletzt aber nicht.

Flick wirkt in diesen Tagen wie ein Trainer, der um die Problematik der brenzligen Situation weiß, dass seiner Allesgewinner-Mannschaft gerade so einiges zum souveränen Gewinnen fehlt. Vielleicht auch, weil sie eben schon alles gewonnen hat. Kritik an der Motivation der Spieler wehrt er ab, es seien oft "Kleinigkeiten", die er auch am Mittwoch benannte, der Spielaufbau, der letzte Pass. Kleinigkeiten, die eine Allesgewinner-Taktik aber nicht verträgt.

Es macht die Situation noch komplizierter, dass den Eindrücken gegen Kiel zufolge die Mittel wohl eher begrenzt sind, kurzfristig etwas zu ändern. Der Spielrhythmus jedenfalls bleibt auch jetzt - mit vier möglichen DFB-Pokalspielen weniger - so hoch, dass für Taktik-Nachhilfe die Zeit fehlt. Am Sonntag ist der SC Freiburg zu Gast, mit fünf Siegen in Serie der aktuell formstärkste Bundesligist. Und die Ergänzungsspieler, denen er eine Chance gab, bestätigten eher ihre unglücklichen Eindrücke. Für den zuletzt formschwachen Rechtsverteidiger Benjamin Pavard begann Oktober-Zugang Bouna Sarr, der entscheidend am ersten Gegentor beteiligt war, ansonsten oft wie verloren dem Geschehen hinterherlief, selten auf der Höhe der Verteidigungslinie in der Viererkette war und ohne Akzent nach vorne blieb.

Und Marc Roca, der Zweite aus dem Quartett, das Sportvorstand Salihamidzic kurz vor Transferschluss zur Kaderergänzung holte, ist nun vorerst nicht nur der Mittelfeldspieler, dem das Münchner Tempo noch zu hoch ist. Er ist nun auch der Fehlschütze eines entscheidenden Elfmeters. Mutig nahm er sich als Sechster den Ball, dann vergab er mit einem Schuss in die rechte Ecke. Er blinzelte im Schneegestöber, fluchte auf Spanisch, das zeigten die Fernsehbilder. Zu hören war nur Kieler Jubel.

© SZ/ska
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