Leo Neugebauer bei der Leichtathletik-WM:Genussvoll durch die Achterbahn

Leo Neugebauer bei der Leichtathletik-WM: Besondere Beziehung zum Publikum: Leo Neugebauer in Budapest.

Besondere Beziehung zum Publikum: Leo Neugebauer in Budapest.

(Foto: Axel Kohring/Beautiful Sports/Imago)

Leo Neugebauer beendet den zweitbesten Zehnkampf seiner Karriere auf Rang fünf. Er selbst freut sich über das Ergebnis - doch die Medaillenträume des Verbandes bleiben auch am vorletzten WM-Tag unerfüllt.

Von Johannes Knuth, Budapest

Eine Sache falle ihm immer wieder an Leo Neugebauer auf, hat Jim Garnham neulich gesagt, jener Trainer, der den deutschen Zehnkämpfer seit 2020 am College in Austin, Texas, zum Weltklasseathleten geformt hat. Natürlich könne Neugebauer sich in seiner Konzentration verkriechen, wenn es gefordert sei. Und als Neugebauer unter der Woche über die Sporttasche samt seiner Spikes sprach, die am Münchner Flughafen gestrandet war, wirkte er geradezu aufgebracht. Aber sonst? Ein Lächeln, sagte Garnham, fast immer und überall.

Selbst als Neugebauer in Budapest während des Stabhochsprungs noch nicht auf der Matte gelandet war, zeigte er schon Richtung Publikum, wo sein rund zwei Dutzend Personen großer Fanklub saß, mit Trommeln, Rasseln und in schwarzen T-Shirts, was sich bei gefühlten 48 Grad am Samstagnachmittag als bedingt vorteilhaft erwies. Er erfüllte vielen Fans sogar im Stadion die Wünsche nach Selfies, statt abzuwinken (oder in Thomas-Müller-Manier ein Gespräch mit seinem Reisepass zu simulieren). "Ich versuche, immer ich selbst zu sein", sagte Neugebauer, die lockere Trainingsatmosphäre sei Teil eines größeren Plans: "Wenn ich es wie im Training mache, wird es auch ein Top-Zehnkampf."

Leo Neugebauer bei der Leichtathletik-WM: Noch nicht unten angekommen, hat Leo Neugebauer schon seinen Fanklub auf der Tribüne geunden.

Noch nicht unten angekommen, hat Leo Neugebauer schon seinen Fanklub auf der Tribüne geunden.

(Foto: Stefan Mayer/Eibner/Imago)

Es war schon ein ordentlicher Stresstest, dem Neugebauers Gemüt in den zwei Tagen dieses Zehnkampfs bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften unterzogen wurde. Nach Tag eins hatte er das Klassement angeführt, sogar mit 25 Punkten mehr als bei seinem deutschen Rekord (8836 Punkte), mit dem er sich Anfang Juni in Texas ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit katapultiert hatte. Die Flammen der Hoffnung erhielten nun erst recht Nahrung, zumal das deutsche Team auch am vorletzten Tag dem Medaillenspiegel fernblieb. Nur: Konnte man Platz fünf und 8645 Punkte im Endklassement, den zweitbesten Zehnkampf in Neugebauers Vita, nach einer Achterbahnfahrt am zweiten Tag ernsthaft als Enttäuschung auslegen? In einem Feld, in dem es fast eines weiteren Rekords benötigt hätte, um als Dritter einzulaufen hinter den Kanadiern Pierce Lepage (8909) und Damian Warner (8804)?

Der erste Tag hatte zunächst weniger Neugebauers Frohsinn, sondern seine Stimmbänder strapaziert. 10,69 Sekunden über 100 Meter waren die Ouvertüre zu einem krachenden Satz: Neugebauer setzte 8,00 Meter in die Weitsprunggrube, stieß die Kugel 17,04 Meter weit, gefolgt von Freudenschreien, Freudensprints und Tänzen. 2,02 Meter im Hochsprung entlockten ihm zumindest ein Tänzchen, 47,99 Sekunden über 400 Meter stimmten ihn zufrieden, auch wenn Neugebauer da schon etwas überrascht wirkte, dass ihn die Kräfte früher verlassen hatten als gedacht.

Vielleicht trimmte er sein Halbzeitfazit auch deshalb auf britisches Understatement. 4640 Punkte, 30 mehr als der erste Verfolger Lepage, "da kann man echt gar nicht unzufrieden sein". Andererseits hatte sein Trainer schon vor dem Wettkampf gesagt, dass Neugebauer die acht respektive 17 Meter im Training schon oft aufgeführt habe, und so hinterließ der Deutsche am ersten Tag beizeiten den Eindruck, als arbeite er da eine To-do-Liste im Schichtdienst ab. (Doha-Weltmeister Niklas Kaul war kurz zuvor mit einer Fußverletzung ausgestiegen.)

Am Samstagmorgen, dem zweiten Tag, schien die Gemeinde zu spüren, dass da etwas Besonderes in der heißen Luft lag. Als der Moderator vor dem Stadion in Budapest einen deutschen Besucher herausgriff, sagte der, dass er selbstverständlich auf Neugebauers Triumph hoffe - leider habe er bloß Tickets für die Session am Vormittag ergattern können. Ob der Moderator vielleicht noch ein paar Karten für die Entscheidung am Abend auftreiben könne? Konnte er leider nicht.

Die meisten anderen Zehnkämpfer hätte es bei Neugebauers Hürden-Unfall wohl aus dem Rennen geschleudert

Und dann, vor den 110 Meter Hürden und nachdem das Kampfgericht Neugebauer nach einem abgebrochenen Start verwarnt hatte, schien auf einmal sämtliches Selbstvertrauen entwichen zu sein, wie aus einem zuvor prall gefüllten Ballon. Er zog die letzten Schritte vor der ersten Hürde zu lang, trat mit dem Fuß voll ins erste Hindernis, und als er sich halbwegs gefangen hatte, kollidierte der Fuß schon mit der zweiten. Jeden, der nicht zufällig rund zwei Meter groß und über 100 Kilogramm schwer ist, hätte es da wohl aus dem Rennen geschleudert.

Es war Neugebauers größter Triumph in diesem Moment, dass er nach 14,75 Sekunden das Ziel erreichte, mehr als eine halbe Sekunde langsamer als erhofft. Der Schreck steckte ihm beim Diskuswurf, einer seiner großen Stärken am zweiten Tag, jedenfalls noch in den Knochen. Erst im letzten Versuch flatterte der Diskus auf 47,63 Meter, mehr als sieben Meter weniger als bei seinem Rekordwettkampf in Austin - 200 fest eingebuchte Punkte, einfach verdampft.

Lepage bog Richtung Weltmeistertitel ab (50,98 Meter), Warner, Lindon Victor aus Grenada und der Este Karel Tilga machten Boden gut. Jetzt konnte Neugebauer die Medaillen kaum noch gewinnen, es kamen zwei seiner schwächsten Disziplinen - die anderen mussten sie verlieren.

5,10 Meter mit dem Stab waren der erste gelungene Auftritt des zweiten Tages, aber Warner (4,90) und Victor (4,80) vergeudeten kaum Punkte. Neugebauer schob noch eine Bestleistung im Speer hinterher, 57,95 Meter, er federte zur Stadionmusik durch den Innenraum. Doch bald hatten ihn die anderen wieder aus den Medaillenrängen geschubst, mit Würfen weit über 60 Meter. Neugebauer musste Warner nun über die 1500 Meter um acht oder Victor um knapp 13 Sekunden distanzieren, und von hinten kam noch Tilga, der sehr flotte Este. 4:43,39 Minuten, das war Saisonbestleistung, aber Victor war noch ein bisschen schneller, sicherte sich mit 8756 Zählern samt Landesrekord Bronze, und auch Tilga (8681) schob sich noch vorbei. (Manuel Eitel vom SSV Ulm wurde mit 8191 Punkten Elfter.)

Am Ende ging es Neugebauer wohl so wie den anderen fünftplatzierten Kollegen in Budapest, wie Geher Christopher Linke und Hochspringer Tobias Potye; oder auch wie Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye, die mit 18,97 Metern Zehnte wurde: Für sie alle war die Präsenz mehr oder weniger knapp neben den Weltbesten eine gute Nachricht, für ihren Verband schon weniger. Oder in Neugebauers ersten Worten am ARD-Mikrofon: "Fantastisch. Es hat soviel Spaß gemacht."

Spaß haben, bei sich bleiben, nebenbei schon Weltklasse sein, das heißt ja auch: Die richtig spaßigen Zeiten kommen wohl erst noch, zumindest für den 23-Jährigen in Diensten der Texas "Longhorns".

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