Affäre im spanischen Fußball:"Ich kann die nicht leiden"

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Affäre im spanischen Fußball: Luis Rubiales, Präsident des spanischen Fußballverbandes.

Luis Rubiales, Präsident des spanischen Fußballverbandes.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

In einem privaten Chat soll der spanische Verbandschef Luis Rubiales dem FC Sevilla Unheil gewünscht haben - just an dem Tag, an dem sich die Andalusier bei Real Madrid vom Schiedsrichter massiv betrogen fühlten.

Von Javier Cáceres

Der seit Monaten in der Kritik stehende Präsident des spanischen Fußballverbandes RFEF, Luis Rubiales, gerät neuerlich unter Druck. Die spanische Online-Zeitung El Confidencial veröffentlichte am Dienstag Auszüge aus privaten Chats, in denen sich Rubiales despektierlich über die Erstligisten FC Villarreal, FC Sevilla und FC Valencia äußerte. Es seien "in dieser Reihenfolge" die Klubs, die er am wenigsten leiden könne, schrieb Rubiales angeblich an seinen Vater. Die drei Klubs forderten in einem gemeinsamen Kommuniqué eine öffentliche Entschuldigung von Rubiales.

Für besonderes Aufsehen sorgte eine Nachricht, die Rubiales am 18. Januar 2020 ebenfalls an seinen Vater geschrieben haben soll und die sich, wörtlich übersetzt, kryptisch liest: "Wollen wir doch mal sehen, ob wir diese palangana bürsten, ich kann die nicht leiden." Palangana ("Waschschüssel") ist der verächtliche Spitzname des FC Sevilla, der auf die weißen Trikots der Mannschaft anspielt; das Wort "bürsten" ist ein überaus gängiges, tendenziell vulgäres Synonym für das Wort "beischlafen". Im Deutsch-Spanisch-Lexikon des Pons-Verlages findet man unter "bürsten" auch ein Wort mit dem Anfangsbuchstaben "F".

Pikanterie entwickelt die Geschichte weniger aus Gründen der Umgangssprache, die Rubiales pflegt, sondern vor allem aus dem Umstand, dass er als Verbandschef auch der Boss der spanischen Schiedsrichter ist. Und siehe: An jenem 18. Januar fühlte sich der FC Sevilla nach dem Spiel bei Real Madrid so dermaßen unfreiwillig durchgebürstet, dass dem Sportdirektor Monchi der Kamm schwoll, obschon er seit sehr vielen Jahren ein sehr glattes Haupt hat.

Der Grund: Beim Stand von 0:0 hatte seinerzeit der Schiedsrichter ein völlig legales Tor von Sevillas Stürmer Luuk de Jong aberkannt. Der Videoschiedsrichter hatte den Kopfballtreffer des Niederländers zurückpfiffen, weil er zuvor eine Aktion gesehen hatte, die er sehr exklusiv als Foul an einem Abwehrspieler Real Madrids bewertete.

De Jong traf später zum zwischenzeitlichen Ausgleich; bei der Anbahnung touchierte Vorbereiter Munir den Ball mit der Hand, es gab Diskussionen, am Ende wurde der Treffer für legal erklärt. "Wenn das Tor nicht anerkannt worden wäre, dann hätte ich die Mannschaft vom Platz geholt", sagte Manager Monchi seinerzeit nach der Partie. Sie endete mit einem 2:1-Sieg für den späteren Meister Real Madrid.

Dass nun schriftliche Whatsapp-Dialoge die Runde machen, in dem sich Rubiales herablassend über den FC Sevilla äußert, passt in das Bild, das sie vor allem in der andalusischen Hauptstadt vom Verbandschef haben. Seit Jahren hat man mehr oder weniger offene Differenzen über kleinere und größere Themen. In der Mitteilung, die Sevilla mit Valencia und Villarreal veröffentlichte, heißt es, dass die öffentlich gewordenen Äußerungen "inakzeptabel" seien. Es sei "nicht hinnehmbar", dass sich der Verbandschef "so beleidigend, mit solcher Abneigung und Arroganz" ausdrücke, weil er als Verbandschef über die Interessen aller Vereine wachen müsse.

"Sevilla, Valencia und Villarreal verurteilen die Kränkung und die Respektlosigkeit", die Rubiales "gegenüber unseren Institutionen, aber vor allem gegenüber unseren Anhängern" gezeigt habe, schreiben die Vereine. Sie seien auch "höchst besorgt ob der möglichen Konsequenzen, die diese Haltung für unsere Klubs haben kann; sein Verhalten trägt nicht zur Transparenz des Wettbewerbs bei". Von Rubiales lag zunächst keine Reaktion vor.

Rubiales bestreitet alle Vorwürfe und spricht von einer "Kampagne" gegen ihn

Rubiales, der seit 2018 an der Spitze des spanischen Verbandes steht und zuvor der Spielergewerkschaft AFE vorstand, hatte in den vergangenen Monaten wiederholt mit Veröffentlichungen von Privatkorrespondenz zu kämpfen. Unter anderem wurden Dialoge öffentlich, die er mit dem FC-Barcelona-Profi Gerard Piqué führte. Dabei ging es um die Austragung des spanischen Supercups in Saudi-Arabien, unter anderem um die Aufteilung der Millionenprämien unter den Teilnehmern. Für den Fall interessiert sich gerade Spaniens Antikorruptions-Staatsanwaltschaft. Rubiales wurde zudem vorgeworfen, auf Kosten des Verbandes ein Luxus-Appartement in Madrid zu beziehen; auch soll er Lustreisen mit seiner Freundin in New York als Dienstreisen abgerechnet haben.

Mitte September wurde ein weiterer heikler Fall bekannt: Juan Rubiales, der sein Kabinettschef war und sein leiblicher Onkel ist, wurde bei der Staatsanwaltschaft in Spanien vorstellig - und warf dem Neffen Luis vor, im August 2020 ein als Arbeitsklausur deklariertes Treffen im andalusischen Salobreña mit der Kreditkarte des Verbandes bezahlt zu haben, unter anderem war aus den Rechnungsposten die Teilnahme von mehreren jungen Frauen abzulesen, die nicht dem Verband angehörten. Der Verband bestritt gegenüber der Zeitung El Pais, was reflexhaft gemutmaßt worden war: dass es sich um Prostituierte handelte. Rubiales hat jedes Fehlverhalten bestritten und spricht von einer "Kampagne", die von Unbekannten gegen ihn orchestriert worden sei.

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