Kolumne "Dackel drauf" bei den Championships:Münchner Zuckerl am Olympiaberg

Lesezeit: 3 min

Kolumne "Dackel drauf" bei den Championships: Glänzende Aussichten: In München haben die Spiele von 1972 keine vor sich hin gammelnden Sportstätten hinterlassen. Sondern eine einzigartige Kulturlandschaft, in der sich oben das Zeltdach in den Himmel schwingt und unten der Walker mit den Hüften.

Glänzende Aussichten: In München haben die Spiele von 1972 keine vor sich hin gammelnden Sportstätten hinterlassen. Sondern eine einzigartige Kulturlandschaft, in der sich oben das Zeltdach in den Himmel schwingt und unten der Walker mit den Hüften.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Die European Championships bringen den Sport in den Olympiapark zurück, 50 Jahre nach München 1972? Ja, danke, nett von ihnen. Aber der Sport ist in Wahrheit längst da.

Von Claudio Catuogno

Am Abend vor der Eröffnungsfeier sind die Sportlerinnen und Sportler schon da. Kleiner Spaziergang durch den Olympiapark, an jeder Ecke wieder diese Münchner Leben-und-leben-lassen-Stimmung, das berühmte Stadiondach leuchtet in der untergehenden Sonne wie ein riesiges Glas Aperol Spritz. Im Biergarten beim See funkeln die Glühbirnen gegen die Dämmerung an. Hinter dem Graswall ist das Ploppen der Beachvolleybälle zu hören, vom Olympiaberg her ziehen, abgeschirmt unter ihren Kopfhörern, vereinzelte Läufer vorbei, und vor der Olympia-Eishalle rasen drei Kids auf geliehenen E-Rollern um die Wette.

Ist E-Rollerfahren Sport? Heute Abend ist es die Münchner Formel 1 auf zwei Rädern. Und Minigolf ist übrigens auch Sport, aber da hat der Kassierer den kleinen Platz gerade schon zugesperrt, der sich gegenüber dem Olympiaturm an die Indoorsoccer-Halle drängt.

Wer schon ein paar Mal bei Olympischen Spielen war, hätte etwas anderes erwartet, 24 Stunden vor dem Start so eines Sportgroßereignisses wie den European Championships. Zäune, Absperrgitter, Kontrollpunkte, Werbeschilder, kilometerlange Kabelkanäle, brummende Generatoren. Und vor allem keine ganz normalen Menschen, Menschen ohne Zugangsberechtigungskarten, in Sportklamotten und mit Bällen unter dem Arm. Aber das ist hier halt das sogenannte olympische Vermächtnis: In München haben die Spiele von 1972 keine vor sich hin gammelnden Sportstätten hinterlassen. Sondern eine einzigartige Kulturlandschaft, in der sich oben das Zeltdach in den Himmel schwingt und unten der Walker mit den Hüften wiegt.

Wäre das hier Olympia, würden einem jetzt aus genormten Verkaufscontainer genormte Menschen genormte olympische Burger anpreisen

Die European Championships bringen den Sport in den Olympiapark zurück, 50 Jahre nach München 1972? Ja, danke, nett von ihnen. Aber der Sport ist in Wahrheit längst da, jeden Tag, selbst an den froststarrendsten Winterabenden dampfen die Leute hier mit ihren Kulturbeuteln aus der Olympia-Schwimmhalle heraus und hasten über die breite Fußgängerbrücke der U-Bahn-Station "Olympiazentrum" entgegen.

Kolumne "Dackel drauf" bei den Championships: München leuchtet: Das Zentrum der Stadt ist hinter den Sportstätten zu sehen.

München leuchtet: Das Zentrum der Stadt ist hinter den Sportstätten zu sehen.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Auf der anderen Seite des Seeufers hämmern jetzt ein paar Schreiner an einem riesigen Herz aus Holz herum, das sie ohne erkennbaren Grund dort aufgestellt haben, beziehungsweise mit dem vielleicht besten Grund, ein Herz aus Holz aufzustellen: Es ist Kunst. Bunte Buchstaben, die an einer Schnur zwischen zwei Bäume gespannt sind, bilden den Schriftzug "Great Roof". Sie haben hier ja alles nach den berühmten Dächern benannt, "Back to the Roofs" ist das Motto, es gibt das "Kids Roof" und das "Tech Roof" und sogar das "Capri Roof", da leuchtet dann der echte Aperol Spritz in den Gläsern.

Wäre das hier Olympia, würden einem jetzt aus genormten Verkaufscontainern genormte Menschen genormte olympische Burger anpreisen, die man mit genormten Zahlungsmitteln erwerben müsste, auf den Verkaufstresen steht bei Olympia immer das Schild: "We are proud to accept only Visa".

Hier hat jetzt unter einem Baum ein "Espresso-Mobil" auf drei Rädern geparkt, die "Tropicana-Bar" verspricht auf einem quietschbunten Banner "Cocktails, Drinks & Sekt", ein LKW-Anhänger mit der Aufschrift "Münchner Zuckerl" bietet "Süsswaren und Crepes" an, und das alles passt in seiner verschrobenen Einfachheit ganz wunderbar zu den bunten Wegweisern, den Bühnen, von denen jetzt elf Tage lang Musik ertönen soll, und den kleinen Zelten, in denen sich jeder das "Munich 2022 Sportabzeichen" zusammensporteln kann.

Es reicht ein Spaziergang am Abend vor der Eröffnungsfeier, und dann hat man schon verstanden, dass diese Spiele vieles sind - aber zum Glück nicht Olympia

Es ist in den vergangenen Tagen und Wochen oft zu hören gewesen, dass die European Championships eine Art "Mini-Olympia" seien, und manche, die das beruflich wohl tun müssen, erzählen schon wieder, dass diese neun Europameisterschaften unter einem berühmten Dach der Ausgangspunkt für die nächste deutsche Olympiabewegung werden könnten. Aber es reicht ein Spaziergang am Abend vor der Eröffnungsfeier, und dann hat man schon verstanden, dass diese Spiele vieles sind - aber nicht Olympia.

Olympia hat München bloß zu dieser großartigen Bühne gemacht, vor 50 Jahren, aber das war ein Olympia, dem noch ein stolzer gestreifter Dackel namens Waldi als Maskottchen dienen durfte, ein Olympia, das es längst nicht mehr gibt.

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