Klub-WM und Katar 2022 Eine gespaltene Fußballwelt

So ein schönes Stück: Fifa-Präsident Gianni Infantino poliert die WM-Trophäe noch mal eigenhändig auf Hochglanz, bevor die Endrunde endgültig entwertet wird.

(Foto: Marcelo Machado de Melo/imago)

Gegen den Widerstand aus Europa drückt Fifa-Präsident Infantino seine Wünsche beim Council-Treffen durch - eine reformierte Klub-WM sowie eine WM-Aufstockung. Doch das Triumphgefühl, das er dabei verspürt, ist trügerisch.

Von Thomas Kistner

Ob Gianni Infantino gar nicht anders konnte? Ein Grinsen auf dem Gesicht, das Kinn ausdauernd in die Höhe gereckt, breitete er die Arme aus, stützte sie auf die Hüften, er wippte und kreiselte im Stuhl hinter dem Konfererenztisch im Fifa-Tagungshotel in Miami. Als er dann von seinem kürzlich abgelieferten Sozial-Referat für die G20-Weltführer schwärmte und auch noch Donald Trump zitierte - "Make America great again!" -, da bestand kurzzeitig die Gefahr, dass der Boss des Fußball-Weltverbandes direkt durch die Decke starten würde. Immer weiter hinauf in jene elysischen Gefilde, die einem wie ihm doch ohne Frage zustehen.

Das pittoreske Triumphgefühl des Fifa-Patrons am Freitagnachmittag Ortszeit speiste sich aus dem Umstand, dass sein Council eine Aufblähung der WM 2022 in Katar auf 48 Teams befürwortet hatte - und dass sein von der Fifa-Entwicklungshilfe abhängiges Gefolge aus Vanuatu, Burundi und von den Turks&Caicos-Inseln die Vorstandskollegen aus Europa niedergestimmt hatte, als es um eine reformierte Klub-WM mit 24 Mannschaften ging. Dieses Format soll nun Mitte 2021 als Pilot-Projekt starten, es ging erwartungsgemäß ebenso durch wie die Katar-Aufstockung.

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Die Fifa hat kein Druckmittel, um die europäischen Klubs in einen Wettbewerb zu zwingen

Es gibt dabei nur ein erhebliches Problem: Die europäischen Klubs wollen nicht mitmachen bei Infantinos Nacht-und-Nebel-Projekt. Das hatten sie ihm, in einem Schreiben über ihre Klubvereinigung ECA, vor dem Miami-Meeting noch einmal klargemacht. Und so erklärten sie am Freitagabend, während Infantino im edlen Strandressort Ritz Carlton seine präsidialen Glücksgefühle auslebte, erneut explizit, dass ihnen das neue Format gestohlen bleiben könne. "Wir werden nicht an dieser neuen Klub-WM im Jahr 2021 teilnehmen", teilte ECA-Sprecher David Frommer am Freitagabend auf SZ-Anfrage mit: "Was neue Wettbewerbe angeht, werden wir diese überhaupt erst im Jahr 2024 prüfen, wenn der aktuell laufende Match-Kalender beendet ist." Frommer machte klar, dass die ECA "diesen Entscheid nicht akzeptiert und weiter die Position vertritt, die wir schon vor dem Treffen mit einem Brief klargemacht haben".

Tatsächlich hatte die ECA sogar eine Art Brandbrief an den Fifa-Boss geschickt, in dem sie nicht nur dessen Projekte, sondern auch Infantinos autokratischen Geschäftsstil rügte - von Intransparenz und mangelnder Governance war darin die Rede. Insofern hat das Treffen in Miami nicht die große Verbrüderung der Fußballwelt gezeigt, wie Infantino es hernach in seiner Pressekonferenz darstellte, sondern eher das Gegenteil. Bei ihrer Sitzung Ende März in Amsterdam, so ECA-Sprecher Frommer, werde die europäische Klubvereinigung eine "genaue Beurteilung" des Fifa-Entscheids vornehmen. Eine juristische Handhabe gibt es für den Weltverband ohnehin nicht, um europäische Klubs in einen Wettbewerb zu zwingen.

Und dies schon gar nicht, nachdem sich auch der Kontinentalverband, die Europa-Union Uefa, klar gegen das Format ausgesprochen hat und diese Haltung weiterhin entschlossen gegenüber dem Weltverband Fifa vertreten will.

Eine dubios wirkende Machbarkeitsstudie der Fifa

Hingegen hat Infantino angekündigt, dass die Fifa schon ab kommendem Montag die wirtschaftlichen Bewertungen für das neue Format in Angriff nehmen wolle; nur darum geht es im Fußballreich des Autokraten. Allerdings wäre eine Klub-WM ohne Beteiligung der Spitzenteams aus Europa weder eine Weltmeisterschaft, noch ökonomisch attraktiv für marktführende TV-Anstalten und Sponsoren.

Auf der Rasierklinge reitet der Mann an der Fifa-Spitze auch mit seiner Katar-Ausweitung auf 48 Teilnehmer. Brav wurde eine eher dubios wirkende Machbarkeitsstudie abgenickt, in welcher die Fifa - entgegen ganz anderslautender Erkenntnisse früherer Studien - plötzlich einen Zugewinn an Qualität darin erkennt, wenn künftig auch Teams von Honduras bis Usbekistan dabei sind. Es braucht wenig Fantasie, um sich die Hintergründe einer solchen von der Fifa bestellten Expertise vorzustellen. Echte Fortschritte wurden in Miami nicht mitgeteilt. Eine der vielen völlig ungeklärten Schlüsselfragen zu diesem von 64 auf 80 Spiele aufgepumpten Winter-Event 2022 ist, wer den dringend benötigten Co-Gastgeber abgeben soll.

"Mein Eindruck ist, dass die politische Lage es völlig offen lässt, ob es zu einer Erweiterung der WM in Katar kommt", sagte DFB-Präsident und Council-Mitglied Reinhard Grindel der dpa. Nicht mal Infantino selbst wusste Substantielles zu erzählen. Er schwadronierte also von all den fußballverrückten Menschen zwischen Oman und Kuwait, in Bahrain, Saudi-Arabien und den Emiraten - aber klar, den letzten Entscheid muss im Juni der Fifa-Kongress in Paris treffen. Bis dahin gilt der Infantinosche Zweisatz: "Wenn es passiert: fantastisch. Wenn es nicht passiert: fantastisch." Derzeit erscheint die letztere Option als die deutlich wahrscheinlichere.

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