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Fußball auf Färöer:"Wenn sie es schaffen, wird das ein nationaler Feiertag"

Fishing boats in Klaksvik harbour and views of Klaksvik the second largest town in the Faroes Bord; Klaksvik

Klaksvík. Schön da.

(Foto: imago/robertharding)

Erstmals kann heute mit KÍ Klaksvík ein Verein aus Färöer die Gruppenphase der Europa League erreichen. Was ist da los? Anruf beim Fußballblogger Kasper Neesgaard.

Interview von Jonas Beckenkamp

Kasper Neesgaard, 22, betreibt seit acht Jahren den Twitter-Account "Færøsk fodbold", wo er auf Englisch von fußballerischen Groß -und Kleintaten aus Färöer berichtet. Im vergangenen Sommer schnellten seine Follower-Zahlen in die Höhe, weil wegen Corona nirgends mehr Fußball gespielt wurde - außer in der "Betrideildin", der ersten färöischen Liga. Die Welt lechzte nach Fußball und Neesgaard berichtete. Über leere Stadien, Torschützen und Aufstellungen. Und über KÍ Klaksvík, einen Verein aus dem zweitgrößten Örtchen des Landes. Der steht an diesem Abend vor dem größten Erfolg in der Historie des färöischen Fußballs: Im Playoffspiel gegen den irischen Klub Dundalk kann erstmals überhaupt eine Mannschaft aus Färöer die Gruppenphase der Europa League erreichen.

SZ: Herr Neesgaard, erst pflügt Klaksvík durch die Quali des Europapokals, dann trifft mit dem Bielefelder Jóan Símun Edmundsson der erste Färinger in der Bundesliga - und jetzt ist die Gruppenphase der Europa League möglich. Was ist da los?

Kasper Neesgaard: Es ist wirklich unfassbar. Die Menschen sind vollkommen elektrisiert. Sogar die Gegner aus der heimischen Liga freuen sich für Klaksvík. Natürlich weiß jeder, dass der Klub auch gegen Dundalk der Außenseiter ist, aber eben nicht so sehr wie sonst. Es ist eine historische Chance!

Bei den aktuellen Erfolgen lässt sich die ewige Underdog-Nummer der Färöer aber kaum noch aufecht erhalten...

Naja, eigentlich gefällt uns diese Rolle ganz gut. Das passt zu unserer Mentalität. Die Stärke der Mannschaft von KÍ Klaksvík ist ihre Arbeitermentalität, die sich auch auf dem Platz niederschlägt. Sie spielt physischen, gut organisierten Fußball - und vorne drin ist ein großer Norweger der Mann, der die Bälle sichert.

Kasper Neesgaard

Kasper Neesgaard weiß vieles, wenn nicht alles über den Fußball auf Färöer - sein Hund vermutlich auch.

(Foto: privat)

Sie bezeichnen das Spiel gegen Dundalk in Dublin als größte Partie der färöischen Fußballgeschichte - dabei gab es doch schon Siege des Nationalteams gegen Österreich oder Griechenland?

Die Nationalmannschaft ist mindestens ebenso wichtig. Sie steht ja zum Beispiel auch in der Nations League gerade bei zwei Siegen in zwei Spielen gegen Malta und Andorra. Aber wenn KÍ heute Abend in die Gruppenphase einzieht, dann ist das definitiv der größte Moment des Klubfußballs hier.

Die Sensation nahm ihren Lauf mit einem 6:1 gegen den früheren Europapokalsieger Dinamo Tiflis in der vorigen Qualifikationsrunde. Sind seitdem überhaupt alle wieder nüchtern?

Gerade so. Das Spiel fand in der Hauptstadt Tórshavn statt, weil das Stadion in Klaksvík nicht den Uefa-Standards für die Europa League entspricht. In Klaksvík leben etwa 5000 Menschen. Sie müssen sich vorstellen: 600 davon empfingen das Team nachts bei seiner Rückkehr in der heimischen Arena mit Bengalos, Lärm und Gesängen. Es war Ausnahmezustand.

Was passiert an diesem Abend beim Spiel gegen Dundalk, das ja in Dublin stattfindet? Gibt es Public Viewing in Klaksvík?

Na klar, der Bürgermeister und der Klub haben eine Leinwand direkt am Stadion organisiert. Auf Facebook haben gleich wieder 600 Menschen zugesagt, dass sie kommen. Es soll sogar aufhören zu regnen heute Abend!

Was ist KÍ Klaksvík eigentlich für ein Verein? Man hört, er gilt als das "Liverpool Färöers"...

Das ist so ein Running Gag, ja. Es ist ein Traditionsklub, dessen Erfolge schon ein wenig zurücklagen, ehe sie vergangene Saison nach 20 Jahren endlich wieder Meister wurden. Im Grunde haben sie Jahr für Jahr gute Chancen auf die Meisterschaft, aber es dauerte zuletzt eine halbe Ewigkeit bis zum nächsten Titel. Fast so lange wie beim FC Liverpool (der 2020 nach 30 Jahren Warten erstmals wieder englischer Champion wurde, Anm. d. Red.).

Ist auf Färöer wirklich jeder stolz auf die Erfolgsserie von KÍ oder gibt es auch rivalisierende Fans, die die Nase rümpfen?

Die größte Rivalität besteht zum Klub HB aus Tórshavn. Sie hat eine lange Geschichte, dieses Duell ist unser Clásico, wenn man so will. Aber tatsächlich freuen sich jetzt sogar HB-Anhänger. Wobei es auch Stimmen gibt, die ein finanzielles Ungleichgewicht befürchten, wenn KÍ mit all dem Geld aus der Europa League die heimische Liga dominiert.

Klaksvík ist das Zentrum des Fischfangs auf den Inseln. Woher kommt diese große Fußballbegeiserung dort?

Man will sich ein wenig loslösen von den großen Brüdern in Tórshavn, wo die Klubs HB und B36 vieles dominieren. In Klaksvík gab es immer schon eine Kultur der Eigenständigkeit. Jetzt investieren zum Beispiel Firmen aus dem Ort in den Fußballverein. Die Abgrenzung zur Hauptstadt hat auch im Sport ein Feuer entfacht.

Dem Klischee nach versammeln sich in jeder Mannschaft aus Färöer Fischereiarbeiter, Schreiner oder Kassierer, also Menschen mit normalen Berufen - wieviel daran stimmt?

Fast alles! Das ist auch weiterhin so. Im Team von KÍ spielen nur fünf echte Profis, der Rest hat ganz normale Jobs. Aber natürlich hat sich auch hier der Fußball professionalisiert. Es gibt mittlerweile Trainer und Spieler aus dem Ausland hier. In Tórshavn arbeitet zum Beispiel der frühere deutsche U21-Nationalspieler Kevin Schindler als Co-Trainer.

Was passiert, wenn Klaksvík es heute Abend packt?

Wenn ich dran denke, muss ich direkt grinsen. Wenn sie es schaffen, wird das ein nationaler Feiertag. Der Bürgermeister hat angekündigt, sich dafür einzusetzen, ich zähle auf ihn.

© SZ.de/sonn
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