Fans bei der Fußball-WM:"Global Village at its best"

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Fans bei der Fußball-WM: Die Wüste lebt? Auf diesem Bild sicher nicht, doch die Fans haben es sich dann tatsächlich gemütlich gemacht zwischen den Containern.

Die Wüste lebt? Auf diesem Bild sicher nicht, doch die Fans haben es sich dann tatsächlich gemütlich gemacht zwischen den Containern.

(Foto: Jon Gambrell/AP)

Tausende Fans in Wellblechcontainern, draußen in der Wüste vor Doha: Hat das noch etwas mit WM-Stimmung zu tun? Eine Spurensuche vor dem "Sultanchef-Grill".

Von Claudio Catuogno, al-Masrouhiya

La Pelota Siempre al Diez. Den Ball immer auf die Zehn. Jetzt hat es dieser Fußballsinnspruch aus der Maradona-Zeit bis nach al-Masrouhiya geschafft, in den grauen Staub vor einem hellblauen Wohncontainer, 13 Kilometer nördlich von Doha. "La Pelota Siempre al Diez" steht auf dem Rand eines silbernen Matebechers, in den Becher gießt Tomas aus Córdoba, Zentralargentinien, warmes Wasser aus einer Thermoskanne, rührt um, trinkt einen Schluck. Die Mittagssonne brennt aus dem katarischen Himmel, aber im Schatten des Containers kann man es aushalten. "Das Spiel ist heute erst um zehn Uhr am Abend", sagt Tomas. "Da sitzen wir hier jetzt noch eine Weile und machen nichts."

Hinter Tomas und seinem Kumpel Agustín fällt der Blick in die Wellblechkiste, die hier für zwölf Tage ihre WM-Unterkunft ist, zwei Betten, ein kleines Bad, 250 Dollar die Nacht für beide. "Nicht billig, aber okay." Der Shuttlebus zur Metrostation ist gratis, die Metro ist gratis, "und das Essen ist auch okay". Im "Sultanchef-Grill"-Container gibt es Fleisch vom Spieß, im "Hawn"-Container gibt es Traditional Qatari Cuisine, im "La Pergola"-Container gibt es Penne Chicken Alfredo, im Supermarktzelt gibt es sowieso alles, außer Matetee. Und Musik machen die Mexikaner.

Wenn die Argentinier ihrer Nationalelf zu einer WM hinterherreisen - sie tun das grundsätzlich zu Zehntausenden -, dann kommt immer der Matebecher in den Koffer. Die Mexikaner haben da deutlich mehr Übergepäck. Ihre Sombreros können sie im Zweifel auf dem Kopf transportieren, auch mal zwei oder drei übereinander, ihre koffergroßen Boxen ziehen sie jetzt hinter sich her durch den Staub, Mariachi-Klänge unter der katarischen Sonne.

Wenn Marokko oder Tunesien gespielt haben, war die Stimmung besonders gut

Fernando, Antonio, Francisco und Arturo sammeln sich im Schatten vor dem Check-out-Container, Mexiko ist ausgeschieden, sie fliegen heute zurück nach Tijuana an der kalifornischen Grenze. Und, wie war's? Zwei Wochen im Container? "In Ordnung", sagt Fernando, die anderen nicken. Abends haben sie sich immer auf den Sitzsäcken vor der zentralen Leinwand versammelt, "wir haben viele Leute getroffen", sagt Arturo. Wenn Marokko oder Tunesien gespielt haben, war die Stimmung besonders gut. "Wir hatten auch interessante Gespräche mit den Saudis."

Es sind viel weniger Fans zu dieser WM gereist als zu früheren, darüber können auch die Rekordmeldungen der Fifa nicht hinwegtäuschen, vor allem weniger aus Europa. Und trotzdem sind es viele - dafür, dass diese WM de facto in einer einzigen Stadt stattfindet, in Doha. Wo kriegt man all diese Fans untergebracht? Zum Beispiel auf drei Kreuzfahrtschiffen, die in der Nähe des Stadions 974 im Hafen liegen, aber auch in Wüstenzelten, in einem Trailer-Park, und eben hier, im Zafaran Fan Village. Vor der WM waren die Fotos um die Welt gegangen: Eine trostlose Containerstadt im glühenden Nirgendwo - und das soll noch etwas mit Fußballstimmung zu tun haben?

Wenn man dann aber rausfährt nach al-Masrouhiya, ist es alles andere als trostlos. Auf dem Hauptweg, von dem rechts und links die Containerstraßen abgehen, ist Kunstrasen ausgelegt. Vor einem Zelt paffen ein paar Marokkaner an der Shisha-Pfeife. Die Mexikaner haben die Boxen an. Ein bisschen ist es wie auf einem riesigen Campingplatz an der Adria, nur ohne Adria, ohne Alkohol - und ohne Deutsche.

Vor dem "Sultanchef" sitzt immerhin Shubham im brandneuen Deutschland-Trikot: "I'm supporting Germany", sagt er, "Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, very good players." Shubham ist zusammen mit Saransh, Sarthak und Sahibnoor nach Doha geflogen, angehende Ärzte aus Amritsar im indischen Bundesstaat Punjab. Portugal gegen Uruguay, einmal im Leben Cristiano Ronaldo sehen, das war der Plan. Das Fancamp, sagen sie, habe ihre Erwartungen übertroffen. Sahibnoor, den sein Turban als Sikh ausweist, findet: "Das ist hier ein Global Village at its best." Deutsche? "Sechs oder sieben haben wir gesehen."

Als er hörte, dass die Fifa ihre WM als klimaneutral labelt, hat Tammo aus Halle nur den Kopf geschüttelt

Eine letzte Runde also noch durch die Containerblöcke. In einem Sitzsack: ein Mann Anfang fünfzig, rotes Trikot, vielleicht Tunesien? Es ist dann allerdings Tammo aus Halle, angereist mit Kumpel Olaf. Das rote Shirt ist das Corona-Shirt des Halleschen FC, Aufschrift: "#Krisenmeister HFC". Mehr so aus einer Laune heraus haben sich die beiden um Tickets beworben, für alle drei Vorrundenspiele bekamen sie welche. Also zwei Wochen Urlaub in Doha. Im Container? "Das war ja nur zum Schlafen."

Die Kritik zu Hause, das Thema Menschenrechte. Sie haben beschlossen, das weitgehend auszublenden, ist ja Urlaub. Was aber nicht heißt, dass sich die Allesfahrer aus Halle keine Gedanken machen. In jedem Container brummt eine Klimaanlage, sogar die U-Bahn-Tunnel sind hier beleuchtet. "Strom sparen tun die hier nicht." Als er gelesen hat, dass die Fifa ihre WM als "klimaneutral" labelt, hat Tammo nur den Kopf geschüttelt. Und die toten Arbeiter aus Nepal und Bangladesch? Tammo sagt, darüber habe er viel gelesen, auch mit Freunden geredet.

Das soll natürlich nichts entschuldigen, aber: "Warum kommen die Leute aus Bangladesch hierher?", fragt Tammo aus Halle (Saale) in einem Sitzsack im Zafaran Fan Village, "weil sie bei sich zu Hause noch viel weniger verdienen. Und warum verdienen sie da noch viel weniger? Weil wir in Deutschland weiter T-Shirts aus Bangladesch für drei Euro kaufen wollen."

Was ist richtig, was ist falsch, was ist schwarz, was ist weiß? Manche Gewissheit der Leute zu Hause wirkt hier in der Hitze von al-Masrouhiya schon ein bisschen weniger gewiss. Außer einer natürlich, der Ball muss auf die Zehn. Das gilt bei den Argentiniern auch bei dieser Weltmeisterschaft.

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