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Meisterschaft des FC Liverpool:"Klopp hat in der Stadt schon Heldenstatus"

Jürgen Klopp: Wurde in Liverpool schon vor der Meisterschaft an Wänden verewigt

(Foto: Oli Scarff/AFP)

Dietmar Hamann hat sieben Jahre beim FC Liverpool gespielt und erzählt, was die erste Meisterschaft seit 30 Jahren für Verein, Fans und Stadt bedeutet - und was Jürgen Klopps Verdienst ist.

Interview von Tim Brack

Es gibt wenige deutsche Fußballer, deren Stollen in den englischen Fußballrasen so tiefe Abdrücke hinterlassen haben wie die von Dietmar Hamann. In der Premier League bestritt er 268 Spiele. Beim FC Liverpool, mit dem Jürgen Klopp nun nach 30 Jahren wieder die Meisterschaft geholt hat, hatte Hamann seine erfolgreichste Zeit auf der Insel. Enstanden sind Erfahrungen, über die er heute Vorträge hält. Er gewann bedeutende Titel wie die Champions League. Hamann weiß, wie wichtig Erfolge für Liverpools Fans sind, für den Verein und die Stadt. Auch heute beobachtet er den englischen Fußball weiterhin genau, unter anderem als Experte des TV-Senders Sky.

SZ: Herr Hamann, Sie haben mit Liverpool die Champions League gewonnen, zweimal den englischen Pokal und den Uefa-Cup. Den Meistertitel sucht man in Ihrer Sammlung vergeblich. Gibt es Wehmut deswegen?

Dietmar Hamann: Überhaupt nicht. Es war ja nicht klar, als ich da 1999 hinging, dass wir eine so erfolgreiche Zeit haben würden. Zuvor war Liverpool länger nicht unter den ersten Vier oder Fünf der Liga gewesen. Natürlich wären wir gerne Meister geworden, aber wir hatten nie diese Dichte im Kader, dass wir die großen Mannschaften hätten angreifen können.

2002 waren Sie trotzdem mal nah dran, Liverpool wurde Zweiter. War es damals schon ein Thema, dass es nach dem letzten Erfolg in der Saison 1989/90 endlich wieder klappen muss mit der Meisterschaft?

Dietmar Hamann, FC Liverpool

Dietmar Hamann küsst die Trophäe: 2005 gewann er mit Liverpool die Champions League

(Foto: imago)

Natürlich hatte die Meisterschaft einen sehr hohen Stellenwert, aber auch die Champions League, weil der Verein sich dort in den siebziger und achtziger Jahren seinen Namen gemacht hat. Der letzte Erfolg war 2002 schon 18 Jahre her (damals im Pokal der Landesmeister, Anm. d. Red), deswegen waren das die zwei Wettbewerbe, die man mal wieder holen wollte.

Die Königsklasse hat Liverpool vergangenes Jahr gewonnen, nun die Premier League. Sie waren sieben Jahre lang in Liverpool und kennen das Umfeld. Was bedeutet die Meisterschaft für Verein, Fans und Stadt?

Das ist der Titel, den jeder 30 Jahre herbeigesehnt hat. Viele Leute sind erleichtert, nach so langer Zeit wieder die beste Mannschaft Englands zu sein. Und dann ist da die Rivalität mit Manchester United, das in der Jagd nach den meisten Meisterschaften vorbeigezogen ist (Manchester hat 20 Titel, Liverpool steht nun bei 19, Anm. d. Red.). In Liverpool wurde das nicht so gerne gesehen. Das hat den Leuten schon gestunken.

Trainer Jürgen Klopp galt schon zuvor als Heilsbringer, jetzt ist er Meister. Muss ihm nun eine Statue vor dem Stadion errichtet werden wie die von Trainerlegende Bill Shankly?

Bill Shankly ist der Godfather dieser Liverpool-Dynastie. Es waren in der Vergangenheit immer wieder sehr erfolgreiche Trainer da. Die Champions League und die Liga zu gewinnen, das haben die wenigsten geschafft. Klopp wird verehrt, er hat in der Stadt schon Heldenstatus, ob er jetzt zwingend eine Statue braucht, sollen andere entscheiden. Die Wertschätzung, die er in Liverpool genießt, wird ihm durch nichts mehr zu nehmen sein.

Was hat er im Verein bewegt?

Er hat es geschafft, in rund fünf Jahren die Mannschaft auf den Kopf zu stellen. Der Kader hat den Marktwert verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht. Seine Mannschaft spielt hervorragenden Fußball und darüber hinaus sehr erfolgreichen. Das ist keine einfache Kombination, attraktiv zu spielen und erfolgreich zu sein. Er hat es geschafft, das ist in den letzten 20 oder 30 Jahren den wenigsten gelungen. Man kann ruhigen Gewissens sagen: Liverpool ist in den letzten drei Jahren das Nonplusultra.

Wie hat Klopp das ermöglicht?

Er hat einen sehr engen Draht zu den Spielern. Man sieht immer wieder, dass der Umgang unheimlich wichtig ist. Das ist auch bei den Bayern unter Hansi Flick zu beobachten. Wenn du dich als Trainer ein Stück weit zurücknimmst und die Leute wissen lässt, dass es die Spieler sind, die die Schlagzeilen verdienen, dann kommt das bei den Spielern sehr gut an. Ich glaube, Klopp hat zu seinen Spielern ein besonderes Verhältnis. Wenn angepfiffen wird, gehen die für ihn durchs Feuer.

Klopp hat natürlich nicht die schlechtesten Spieler zur Verfügung ...

Ja, aber er hat sie auch weiterentwickelt. Ein Mo Salah hat in Chelsea nicht wirklich funktioniert, in Rom hatte er eine gute Zeit, seine Leistungexplosion in Liverpool war so trotzdem nicht zu erwarten. Bei Sadio Mané wusste man, dass er ein außergewöhnlicher Spieler ist, der ebenso den nächsten Schritt gemacht hat. Im Zusammenspiel mit Roberto Firmino passt das einfach. Das letzte Puzzleteil war Virgil van Dijk.

Inwiefern?

Die Defensive war in den letzten zehn Jahren immer die Achillesferse von Liverpool. Mit van Dijk wurde die Verteidigung von einer der anfälligsten zu einer der sattelfestesten. Ich habe selten gesehen, dass ein Spieler verpflichtet wurde, der so einen Unterschied macht. Gefühlt macht er alles im zweiten Gang. Er muss fast nie grätschen. Er regelt das alles mit seinem Stellungsspiel, seiner Schnelligkeit und seinen körperlichen Attributen. Dann ist er noch ein außergewöhnlicher Spieleröffner. Einen Innenverteidiger mit dieser Klasse habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Der Engländer würde sagen: He ticks all boxes.

Wer sticht noch heraus?

Du hast mit Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold zwei außergewöhnliche Außenverteidiger, die unheimlich talentiert und in jungen Jahren schon sehr weit sind. Das ist einfach eine richtig gute Mannschaft. Da ist es schwer, einen herauszuheben, weil alle hervorragend spielen und hervorragend harmonieren. Das ist Klopps Verdienst.

Und das nehmen auch die Fans wahr, gerade die Anhänger machen den Mythos von Liverpool aus. Können Sie das näher beschreiben?

Es ist ein Verein, der schon immer ein spezielles Verhältnis zu den Fans hatte. Es sind viele kleine Fußballwunder an der Anfield Road passiert, wie das Rückspiel im Champions-League-Halbfinale gegen Barcelona im vergangen Jahr, in dem man nach einem 0:3 im Hinspiel weitergekommen ist. Viele dieser Spiele wären ohne die Fans nicht so geendet, wie sie geendet sind. Wenn 45 000 "You'll never walk alone" singen, hat das in der Vergangenheit mit Sicherheit die ein oder andere Mannschaft im Tunnel so eingeschüchtert, dass Spiele möglicherweise schon vorher gewonnen wurden.

Sie durften Ihren Champions-League-Sieg 2005 noch mit einer Bustour durch die Stadt feiern. Wie war das damals?

Das bleibendste Erlebnis war die Ankunft zu Hause. Es heißt, es hätten eine Million Leute auf den Straßen gestanden, von fünf Monaten bis 95 Jahre alt, zum Teil mit Tränen in den Augen. Die Stadt definiert sich größtenteils über die Musik, die Beatles und den Fußball. Ein solcher Titelgewinn gibt den Leuten ein unheimliches Selbstwertgefühl. So viele glückliche Leute zu sehen, das war einfach wunderschön. Es haben sich sogar einige blaue Trikots von Everton-Fans (der Stadtrivale, Anm. d. Red.) dazu verirrt. Sie haben vielleicht nicht mitgefeiert, doch da war Anerkennung für die andere Mannschaft der Stadt, die in diesem Jahr die beste Mannschaft Europas war.

Gibt es Anekdoten, die Sie ohne Bedenken erzählen können?

Wir haben nach jeder Champions-League-Runde, bei der wir zu Hause weitergekommen sind, in der Bar des Sir Thomas Hotels gefeiert. Das haben wir am Tag nach dem Finale auch gemacht. Das ist dann schon besonders, wenn du mit John Aldridge, Ian Rush, John Barnes, Kenny Dalglish dicht gedrängt an der Bar bist. Irgendwann wurde dann "You'll never walk alone" angestimmt und du stehst im Kreis absoluter Legenden. Spieler wie Dalglish und Rush, die eine Ära geprägt haben. Als ich da dann stand, war ich ein Stück weit verlegen. Nach dem Champions-League-Sieg hat ein kleiner Teil von mir gesagt, wir gehören jetzt dazu. Es war ja der erste nach 1984.

Sie haben auch mit dem FC Bayern viele Erfolge erlebt. Wurden die Titel in England unterschiedlich begossen? Oder hieß es einfach: Whiskey statt Weißbier?

Bei Bayern hattest du immer größere Gruppen, die mitgereist sind. Da waren es dann 150 oder 200 Leute mit ViPs und allem drumherum. In Liverpool wurde das kleiner gehalten. Da wurde strikt getrennt, wer mit der Mannschaft feiert und wer nicht. Wir hatten in Liverpool natürlich einige, die gut feiern konnten und in München auch. Wer nicht gut feiern kann, der braucht keinen Titel zu holen.

Und wo würden Sie sich da einordnen?

Ich bin schon immer gern mitgegangen. Der erste im Bett war ich nicht.

© SZ.de/ska

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