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Italiens Torwart Gigi Buffon:Wiege des italienischen Anarchismus

Gigi Buffon hatte noch nie Angst vor Pathos. Er kann reden wie ein Wasserfall, manchmal auch wie ein Buch. Nicht alles, was er von sich gibt, hat einen tieferen Sinn, nicht selten ist es schlicht krauses Zeug, manchmal faselt er sich auch um Kopf und Kragen. "Portierone" wird Buffon zu Hause genannt - Torwart- gigant. Das italienische Wort "Portiere" bezeichnet aber nicht nur den Torhüter, sondern auch den Portier. Und wie der geschwätzige Hausmeister in einem römischen Mietshaus quatscht Buffon manchmal einfach eine Menge Blech daher.

Wie vor ein paar Wochen, als er die Ermittlungen im Profi-Wettskandal mit der Bemerkung aufmischte, gegen Saisonende seien Absprachen für ein Unentschieden nichts Außergewöhnliches: "Besser zwei Verletzte als ein Toter." Ein selten dämlicher Satz für den Kapitän einer Nationalmannschaft, die beim letzten EM-Gruppenspiel gegen Irland darum zittern musste, dass Spanien und Kroatien sich nicht auf ein hohes Remis einigten - in diesem Fall wäre der Tote nämlich die Squadra Azzurra gewesen.

Noch schlimmer als Buffons Verbalgrätschen ist allerdings, was in der Heimat über ihn geredet wird. Der Gigant ist als Riesen-Wetter verschrien, bereits vor der WM 2006 musste er eine Zocker-Affäre klären. Jetzt geht es um Zahlungen an ein Wettbüro in Parma in Höhe von 1,6 Millionen Euro. Hausmeister Buffon weist jeden Verdacht von sich. Er kann unfassbar schlecht gelaunt sein, und wenn er in diesen Wochen mit der Presse redet, scheint er vor Wut fast zu platzen. Dann herrscht er sein Publikum an, er könne mit seinem Geld machen, was ihm passt. Er steigert sich in Brandreden hinein, deren konfusen Inhalt man in diesem Satz zusammenfassen könnte: Italien verdient mich eigentlich gar nicht.

Zum Zeugen dafür ruft er neuerdings den greisen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano heran. Der hatte ihn nach dem Auftaktspiel in der Kabine besucht und Buffon gratuliert. Immerhin trägt der Torwart den Verdienstorden "Ritter der Arbeit". Der Präsident schätzt mich, predigt Buffon jetzt den Journalisten. Und weil er gerade dabei ist, quatscht er sich ins Politisch-Historische: "Bei der Nationalhymne muss ich immer an meine beiden Urgroßväter denken, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind." Gut, dass Österreich sich nicht qualifiziert hat.

Italiens Commissario Tecnico Cesare Prandelli hat es geschafft, aus einem Haufen von Anarchos eine Mannschaft zu machen. Die kreativste, schillerndste und lustigste Mannschaft des Turniers. Keiner hat solche Typen wie Italien, keiner hat einen so sperrigen und glamourösen Kapitän wie Buffon. Der Trainer steht hinter ihm, wie er hinter dem Enfant terrible Balotelli steht, hinter dem Proll Cassano, dem genialischen Querkopf Pirlo und dem Garibaldi-Verschnitt Daniele De Rossi.

Doch auch im Mutterland der Individualisten ist dieser Schlussmann ein besonderes Exemplar. Seinen ältesten Sohn hat er Louis Thomas genannt, denn Thomas N'Kono, der legendäre Keeper von Kamerun, ist Gianluigi Buffons größtes Vorbild. Auch als Juve-Torwart stand er noch in der Fankurve seines Heimat- vereins Carrarese, inzwischen hat er, gemeinsam mit dem nicht minder knorrigen Stürmer Cristiano Lucarelli aus Livorno, den Klub von Carrara gekauft. Carrara gilt, wen wundert's, als Wiege des italienischen Anarchismus.

Weltmeister war er schon, Europameister will er jetzt, mit 34 Jahren, auch noch werden. Nur ein Italiener hat bisher beide Titel geholt: Dino Zoff, der Unerreichbare. Noch steht Buffon eine Stufe unter dem Alten. Aber er quatscht ihn garantiert an die Wand.