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Interview mit Jürgen Klopp:"Mit Nuri war es nicht einfach"

SZ: Was hat sich mit der Meisterfeier bei Ihnen persönlich verändert?

Klopp: Ich kann jetzt die Fanlieder von Anfang bis Ende mitsingen. Es wird jetzt Leute geben, die sagen: Ach ja, in Mainz war der Klopp auch so mittendrin. Ich freue mich auch total, wenn es gut läuft in Mainz und verfolge das sehr. Aber jetzt bin ich hierher nach Dortmund gekommen und ich muss sagen: Das hat etwas von Sich-neu-verlieben. Wenn ich mir diese Bilder ansehe, von der Übergabe der Meisterschale: Genau so müssen solche Bilder aussehen! Diese Gesichtsausdrücke der Jungs! Mich erinnert das an Bilder vom AC Mailand, wenn die die Champions League gewonnen haben, diese Gesichtsausdrücke von völligem Glück. Jetzt haben unsere Jungs auch solche Bilder von sich selbst. Hach, das ist Wahnsinn.

SZ: Sie selbst waren in vorderster Front dabei. Es gibt diese Szene, wo sie den Schlachtruf "Bambule, Randale, Dortmund die Schale!" brüllen.

Klopp: Das kann man wohl sagen. Aber ich weiß vor allem: Die Bindung der Jungs an Borussia ist durch dieses Erlebnis ins Unglaubliche gestiegen. Die wissen jetzt endgültig: Es gibt keine zwanzig anderen Vereine, bei denen du sowas erleben kannst. Da standen am Sonntag 40000 Leute den ganzen Tag hinter der Bühne. Die haben nichts gesehen, aber für die war es eben das Entscheidende, dabei gewesen zu sein. Die waren total gut drauf. Wenn du das Glück an dem Tag eingesammelt hättest und es in die Welt rausgeschossen hättest, dann hätte noch ganz China gegrinst.

SZ: Ihr Spielgestalter Nuri Sahin hat wie verrückt mitgefeiert, hat immer wieder "Wir sind alle Dortmunder Jungs" gesungen - aber er geht jetzt trotzdem zu Real Madrid. Ganz so weit scheint es mit der Identifikation doch nicht zu gehen.

Klopp: Mit Nuri war es nicht einfach. Fast alle Argumente, die ich ihm nennen konnte, hatte er selbst schon für sich durchdacht. Er hat tief drinnen die Vorstellung, mal eine tragende Rolle bei Real, Barcelona oder Manchester United spielen zu wollen. Und er wollte sich nicht eines Tages sagen müssen, dass er die Chance dazu nicht ergriffen hat. Ich persönlich habe nicht die Angst, ich könnte woanders etwas verpassen. Ich ticke da anders. Aber man muss akzeptieren, dass es für Nuri ein Kindheitstraum ist. Wir haben bis zur letzten Minute gedacht, dass er sich für uns entscheidet.

SZ: Nebenbei verdient man in Madrid wesentlich mehr als in Dortmund.

Klopp: Das stimmt wahrscheinlich, aber bei Nuri glaube ich nicht, dass das ein wesentlicher Antrieb war. Wir bewerfen ja unsere Spieler auch nicht mit Erdnüssen, statt sie zu bezahlen.

SZ: Ihr Vorstandschef Hans-Joachim Watzke hat Sahin mit auf den Weg gegeben, Dortmund würde ihn sofort zurückholen, falls er es nicht schafft bei Real Madrid. Passt so etwas in Ihr Konzept?

Klopp: Nuri ist unser Junge. Natürlich würden wir ihn zurückholen. Aber ich wünsche ihm jetzt erstmal, dass er sich durchsetzt, und traue ihm das auch zu. Es ist jetzt die Rede davon, ihn in einem halben Jahr oder einem Jahr wieder hier zu haben. So etwas halte ich für Unsinn. Aber er ist 22 Jahre. Natürlich würden wir ihn zurückholen, wenn sich der Mythos Madrid für ihn dann doch als kleiner herausstellt als gedacht.

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