Fußball in Italien Aufbau Fernost bei Inter Mailand

Steven Zhang ist jetzt der neue Boss bei Inter Mailand - die Fans müssen sich daran erst noch gewöhnen.

(Foto: AP)
  • An diesem Abend spielt Inter Mailand ums Weiterkommen in der Champions League.
  • Der Klub ist mittlerweile in Händen von Chinesen - ein 27-Jähriger ist der neue Boss.
  • Dass er bislang noch keinerlei Erfahrung im Fußball-Geschäft hat, verwirrt die Anhänger.
Von Thomas Hürner

Die Globalisierung hat mittlerweile auch den einstigen Lieblingstreffpunkt für die mächtigen und einflussreichen Männer in Italien erfasst: den Fußball. Silvio Berlusconi, ehemals Ministerpräsident und Besitzer des AC Mailand, und Massimo Moratti, Ölmagnat und Familienerbe von Lokalrivale Internazionale - einfach weggespült vom Fußballkapitalismus. Wo sie wirkten, wirken längst andere. Gehalten haben sich auf den Ehrentribünen der Stadien Italiens noch die Industriellenfamilie Agnelli in Turin, Filmmogul Aurelio De Laurentiis in Neapel oder Enrico Preziosi, Chef des gleichnamigen Spielwarenherstellers, beim CFC Genua.

Doch die Zeitenwende im Calcio ist eingeläutet, neuerdings versinnbildlicht sie ein junger Chinese, der inzwischen neben den übriggebliebenen Herren auf den Logenplätzen sitzt: Steven Zhang, 27, seit Ende Oktober offiziell Präsident bei den "Nerazzurri" von Inter Mailand. Inoffiziell ist er sogar schon ein bisschen länger federführend, weil sein Vorgänger Erick Thohir sich schon lange nicht mehr in Mailand hat blicken lassen. Neben Milan ist auch Inter längst ein Spielzeug von Investoren.

Um das Geschäftliche zu vertiefen, wurde Steven von seinem Vater Zhang Jindong nach Mailand geschickt, als dieser mit seiner Einzelhandelsfirma im Sommer 2016 die Mehrheitsanteile an Inter erworben hatte. Der Filius sollte zunächst repräsentative Aufgaben übernehmen, den Dialog mit den skeptischen Tifosi und Medien suchen. Denn die Vorbehalte gegenüber dem unbekannten Jungmanager aus Fernost sind groß: ein Neuling in der Fußballbranche, der kein Italienisch spricht und noch weniger über die Eigenarten im Calcio weiß.

Also mühte er sich, Zugehörigkeit zu demonstrieren, vor allem über die sozialen Netzwerke. Sein neuer Sportwagen? Glänzt in den Vereinsfarben Schwarz-Blau. Die neuerliche Jubel-Provokation von Ex-Inter-Trainer José Mourinho im Stadion des Erzrivalen Juventus? Gefällt ihm. Emotional aufgeladene Sätze, die seine tiefe Verbundenheit zum Klub zeigen sollen: "Wenn ich die Augen schließe", sagt er etwa in einem Vereinsvideo, "dann sehe ich eine Stadt voller Geschichte, die fortgeschrieben werden muss. Ich bin bereit. Seid ihr es auch?"

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Inter hat Jahre des Durchschnitts hinter sich und befindet sich seit dem größten Erfolg der Klubgeschichte, dem Triple-Sieg 2010, in einer permanenten Krise. Missmanagement, finanzielle Probleme, personelle Querelen, blamable Auftritte auf dem Rasen - die To-Do-Liste von Steven Zhang war lang, sie ist es eigentlich immer noch. Ein paar Punkte konnte er aber inzwischen abarbeiten.

Sportlich läuft es inzwischen wieder besser, in der Liga steht der Klub trotz eines 0:1 gegen Juve am vergangenen Freitag noch auf Platz drei, zum ersten Mal seit 2012 konnte man sich in der vergangenen Spielzeit für die Champions League qualifizieren. Und wenn an diesem Abend im Heimspiel gegen PSV Eindhoven ein Punktgewinn steht und Tottenham beim FC Barcelona verliert, dann reicht es in Gruppe B sogar noch fürs Achtelfinale.

Die Rückkehr zu den Großen des Kontinents wird dem Klub aber ausgerechnet von der Uefa erschwert. Inter unterliegt einem sogenannten Settlement Agreement mit dem europäischen Fußballverband, weil man gegen die Regularien des Financial Fairplay (FFP) verstoßen hatte. Mit diesem dürfen die Mailänder zwar weiter in europäischen Wettbewerben mitspielen, sie müssen dafür aber Auflagen erfüllen.

Spielberechtigungen darf der Klub etwa nur an 22 statt 25 Profis verteilen, das große Problem ist aber ein anderes: Inter konnte seinen Jahresumsatz massiv steigern, um fast 100 Millionen Euro seit 2016. Doch obwohl man deutlich mehr Geld zur Verfügung hat und die Regularien des FFP (eine schwarze Null in den Bilanzen) inzwischen erfüllt, darf der Traditionsklub nicht mehr Geld für Spieler ausgeben als noch vor zwei Jahren. Heißt: Inter musste eine Vereinbarung der sportlichen Stagnation eingehen und kann diese trotz eines Milliardenunternehmens im Rücken nur mit Tricks umgehen.