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Flug-Affäre des Fifa-Chefs:Infantinos geheime Mission

FIFA weist Vorwürfe gegen Infantino zurück

Gianni Infantino, Präsident der Fifa, verwickelt sich immer mehr in Widersprüche.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Der Fifa-Chef begründete einen teuren Heimflug 2017 mit einer Lüge. Nun kursiert eine neue Version. Doch die macht es für den Weltverband noch schlimmer und dürfte Auslöser für eine neue Strafermittlung sein.

Von Thomas Kistner

Es gibt eine erstaunliche Volte in der Privatjet-Affäre um Gianni Infantino: Der Boss des Fußball-Weltverbandes soll damals, im April 2017, in geheimer Mission unterwegs gewesen sein. James Bond in kurzen Hosen? Die neueste Story, präsentiert von der Neuen Zürcher Zeitung mit Verweis auf "Fifa-interne" Papiere, liest sich auf den ersten Blick unterhaltsam - für Strafermittler birgt sie jedoch neue, jetzt noch spannendere Fragen.

Der Heimflug Surinam - Genf nach einer Karibik-Dienstreise hatte mehr als 200 000 Dollar gekostet und war von Infantinos Büro beim Compliance-Prüfer der Fifa, Tomas Vesel, per Mail mit einer Lüge begründet worden: Der Boss hätte ein wichtiges Treffen mit dem Uefa-Chef Aleksander Ceferin gehabt, dieses habe er wegen Verzögerungen des gebuchten Linienflugs nur per Privatjet erreichen können. Doch Ceferin weilte an jenem Tag gar nicht in der Schweiz, sondern weit weg in Armenien.

Ein Zweck der Reise sei offenbar gewesen, die Spitzen der Fifa-Ethikkammern umzubesetzen

Im Mai enthüllte die SZ diesen Vorgang, die Fifa pochte trotzdem darauf, der Flug sei "compliant" gewesen. Und sie schickte, als Infantino wegen einer anderen Causa - Geheimtreffen mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber - ins Visier eines Sonderstrafermittlers geriet, die Ethik-Anklägerin Claudia Maria Rojas in die Spur. Siehe da: Die Verwaltungsjuristin aus Kolumbien lieferte im Sommer einen glatten Freispruch für Infantino. Der habe in der Privatjet-Affäre nichts Falsches getan. Zur glatten Lüge gegenüber der Compliance-Aufsicht sagte sie dabei nichts.

Auch das könnte zum Problem werden. Nach Akteneinsicht teilt die NZZ nun mit: Der Ceferin-Termin sei eine "Notlüge" gewesen, weil Geheim-Missionar Infantino damals nicht den wahren Hintergrund seiner Aktivitäten verraten wollte: Ein Zweck der Reise sei offenbar gewesen, die Spitzen der Fifa-Ethikkammern umzubesetzen - hinterm Rücken der bei ihm in Ungnade gefallenen Cornel Borbely (Schweiz) und Hans-Joachim Eckert (München). Tatsächlich wurde im Mai 2017 das unbequeme Duo per Handstreich durch Rojas und den griechischen Richter Vassilis Skouris ersetzt. Rojas, die keine der Fifa-Verfahrenssprachen beherrscht und Infantino als "Super-Amiga" empfohlen wurde, wird seit Beginn skeptisch beäugt. Skouris hatte jüngst bei einer Ethik-Anhörung zur WM-2006-Affäre eine Schlüsselfigur für tot erklärt - eine erstaunliche Fehlinformation, wie sich herausstellte.

Laut NZZ könnte Infantino die damalige Karibik-Reise von Aruba über Guyana bis Surinam zu einem Treffen mit Rojas genutzt und Skouris gleich nach dem flotten Privatjet-Trip in Genf getroffen haben - um das nicht zu verraten, sei die "Notlüge" mit dem Ceferin-Treffen gebastelt worden. Die Fifa äußerte sich am Freitag weder auf SZ-Anfrage noch generell zu dieser Version.

Dabei ist sie äußerst heikel; nicht nur, weil sie eine Intrige des Fifa-Bosses beschreibt. Erstens bliebe auch eine "Notlüge" gegenüber den Aufsehern schlicht: Eine Lüge, der Fifa-Ethikcode ist da ziemlich klar. Zweitens hätte Rojas dann einen Ethikfall in eigener Sache für erledigt erklärt. Drittens würden sich die Indizien erhärten, dass Infantino sich seinerseits persönlich und mit riesigem Aufwand seiner unbequemen Ethik-Aufpasser entledigte, die just zu der Zeit sogar ermittelten. Eingeweihte Kreise bestätigten der SZ am Freitag: Chefermittler Borbely hatte damals "Untersuchungen in Zusammenhang mit Infantino" geführt, es ging um die Inthronisierung des (heute gesperrten) Afrika-Chefs Ahmad Ahmad, der Infantino die neue Generalsekretärin Fatma Samoura zugeführt hatte. Die Akten dieses laufenden Verfahrens seien auch Teil des Dossier gewesen, das Borbely damals der Nachfolgerin Rojas übergab.

Die Privatjet-Affäre wird absurd. Sie gehört strafrechtlich aufgeklärt. So, wie es Sonderermittler Stefan Keller schon gefordert hat.

© SZ/bkl/pps/cca/sonn
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