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Fußball-Weltverband:Weiteres Verfahren gegen Infantino gefordert

FIFA World Cup - UEFA Preliminary Draw

"Deutliche Anzeichen für ein strafbares Verhalten": Gianni Infantino, hier bei der Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen in Zürich.

(Foto: Handout/Reuters)

Der Schweizer Bundesanwalt Keller sieht "klare Hinweise" auf untreue Geschäftshandlungen des Fifa-Präsidenten. Es geht um eine Reise im Privat-Jet.

Von Thomas Kistner

Am Mittwoch hat der Fußball-Weltverband (Fifa) mal wieder kräftig auf die Pauke gehauen, er startet mit dem UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung eine Kooperation gegen Spielmanipulation. Zentrale Rolle spielt eine Integritäts-App der Fifa, und wie bedeutsam so ein Überwachungsteilchen gerade auch in Hinblick auf die Spitzenfunktionäre wäre, offenbarte schon tags darauf eine Mitteilung des Außerordentlichen Bundesanwalts Stefan Keller: Der Mann, der seit Herbst in der Schweiz eine Strafermittlung gegen Gianni Infantino im Kontext einer Justizbehinderung führt, will nun ein weiteres Verfahren gegen den Fifa-Präsidenten anstoßen. Diesmal geht es um "klare Hinweise" auf untreue Geschäftshandlungen innerhalb der Fifa. Die neue Causa soll ein weiterer außerordentlicher Staatsanwalt behandeln.

Der Schweizer Sonderermittler Keller erklärte in einem Pressetext am Donnerstag, er habe die Prüfung diverser Strafanzeigen gegen Infantino im Kontext einer Privatjet-Reise abgeschlossen: "Es gibt deutliche Anzeichen für ein strafbares Verhalten des Fifa-Präsidenten." Nach Befragungen und Recherchen erscheine ihm auch hier eine "Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung angezeigt". Damit legt Keller die Messlatte öffentlich hoch, den in seinem Vorverfahren erhobenen Verdacht gegen Infantino wird er weiterreichen. Er selbst, so Keller, sei für die Eröffnung eines solchen Strafverfahrens nicht zuständig. Im Kern ermittelt er zu drei nicht protokollierten Geheimtreffen Infantinos mit dem über diese Affäre gestolperten, ehemaligen Bundesanwalt Michael Lauber; es geht um Amtsgeheimnisverrat und Anstiftung dazu.

Die neuen Hinweise auf strafbare Aktivitäten des Fifa-Bosses beziehen sich auf einen Vorgang, den die SZ im Mai publik gemacht hat. Infantino hatte sich für den Heimflug von einer Dienstreise im April 2017 aus Surinam nach Genf einen Privatjet genehmigt - die Umbuchung vom vorgesehenen Linienflug auf das mehr als 200 000 Dollar teure Fluggerät hatte sein Assistent Mattias Grafström gegenüber dem zuständigen Compliance-Chef Tomas Vesel mit einem Gipfeltreffen des Fifa-Chefs mit Uefa-Präsident Aleksander Ceferin begründet. Diese Angabe, sechs Tage nach dem angeblichen Meeting, war frei erfunden: Ceferin weilte an besagtem Tag auf Staatsvisite in Armenien. Ein Gipfeltreffen mit Infantino hätte also nie stattfinden können.

Diese offenkundige Irreführung ihres Compliance-Chefs hat die Fifa nie bestritten, trotzdem behauptet sie, der Flug sei "compliant" gewesen. Zu diesem Befund kam im Sommer auch die Chefin des Ethik-Komitees, Claudia Maria Rojas. Die Kolumbianerin legte aber nie dar, wie sie diesen Fall behandelt und das Rätsel um eine per Mail dokumentierte, offenkundige Lüge aufgelöst haben will. Zudem hat die Fifa-Cheffahnderin, die in Cali sitzt und keine der drei Fifa-Amtssprachen Deutsch, Englisch und Französisch beherrscht, nicht einmal alle Beteiligten befragt.

Aber auch Compliance-Chef Vesel weist einen fragwürdigen Umgang mit Infantino auf: Das verrät ein Mailverkehr von Herbst 2016. Auch da ging es um einen Privatflug Infantinos, in Russland. Vesel gab ein Okay, aber sein Beschluss ging der Fifa-Spitze nicht weit genug. Grafström schickte eine von einem Infantino-nahen Juristen entworfene Formulierung zurück an Vesel mit der Order, diese in sein Urteil einzubauen. Vesel folgte brav.

Vesel wie Rojas streichen in ihren angeblich strikt unabhängigen Aufpasserjobs jeweils bis zu 300 000 Dollar aus Fifa-Geldern ein. Pro Jahr. Da werfen solche freihändigen Entscheidungen im Sinne des Bosses Fragen zu besagter Unabhängigkeit und damit zur Geschäftstreue auf. Dass Keller dies, nach monatelanger Prüfung, ebenso sieht, stellt die betroffenen Gremien für Ethik und für Compliance massiv in Frage.

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger, der jüngst bei einer Anhörung in einem anderen Ethik-Prozess auf die Befragung eines Kronzeugen drängte und dem dabei - fälschlicherweise - von den Fifa-Tugendwächtern gesagt wurde, dass dieser Zeuge verstorben sei, erklärte am Donnerstag: "Mit der Entscheidung des ermittelnden Sonderstaatsanwalts hat die Fifa-Ethikkommission endgültig ihre Glaubwürdigkeit verloren. Diese Leute müssen zurücktreten." Die Fifa wies Kellers Aussagen als "böswillig und diffamierend" zurück: Sie zeige dessen "extreme Voreingenommenheit".

© SZ/moe/fse/ska
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