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Homosexualität im Profisport:"Die Kurven sind bereit"

Ist Thomas Hitzlsperger für sie wirklich der Türöffner, wie es jetzt viele erwarten? Oder hat er nur - wertvoll genug! - das Gartentor geöffnet, die Haustür ist aber noch zu? Und was fehlt jetzt eigentlich noch, damit auch diese letzte Strecke des Weges gegangen werden kann?

Die Frage, wo genau das Problem liegt, führt mitten hinein ins Macho-Milieu des Fußballs. Und die ersten, die dabei stets als Normalitätsverhinderer genannt werden, sind die Fans. "Unkalkulierbar" wäre deren Reaktion auf offen schwule Profis, befürchtet sogar der Nationalmannschafts-Kapitän Philipp Lahm, der sich ansonsten vorbildlich wie kaum ein anderer für Toleranz in allen Lebensbereichen einsetzt.

Und Belege für homophobe Tendenzen in den Kurven gibt es ja tatsächlich jede Menge, etwa Plakate oder Gesänge, mit denen Akteure auf dem Platz als "Schwuchteln" beschimpft werden. Wenn ein TV-Sender am Stadioneingang eine Umfrage macht, finden sich immer auch Fans, die Homosexuelle "eklig", "krank" und im eigenen Team überhaupt undenkbar finden.

Homosexuelle Fußballfans, die sich Woche für Woche auf den Tribünen selbst ein Bild von der heterosexuellen Mehrheit machen können, wehren sich allerdings gegen das Bild vom ewig gestrigen Fan. Dirk Brüllau, der Sprecher eines Netzwerks schwul-lesbischer Fanklubs, sagt etwa: "Es ärgert mich, dass in der Diskussion um Homophobie nur den Fans der Schwarze Peter zugesteckt wird." Patrik Maas, der beim 1. FC Köln den Fanklub "Andersrum rut-wiess" mitgegründet hat, glaubt ebenfalls, dass "die Kurven bereit sind" für ein Coming-out: "Fußballfans sind keine Neandertaler. Das Problem besteht im Sport selbst." Und auch Renate Reinartz vom Fanklub "Andersrum auf Schalke" hat den Eindruck gewonnen, dass "eher von Verbandsseite eine große Unsicherheit im Umgang mit Homophobie vorhanden ist".

Thomas Hitzlsperger "Hitzlsperger ist ein echtes Vorbild"
Homosexueller Ex-Fußballer Urban

"Hitzlsperger ist ein echtes Vorbild"

Marcus Urban beendete einst seine Karriere, weil er sich als Homosexueller im Profifußball ausgegrenzt gefühlt hatte. Im Interview lobt er das Coming-out des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger - und erwartet, dass ihm weitere Profis folgen werden.   Von Benedikt Warmbrunn

Im internationalen Vergleich hat der Deutsche Fußball-Bund viel unternommen: Tagungen mitorganisiert, Erklärungen initiiert und sogar eine Broschüre herausgegeben zur Bewusstseinsbildung an der Basis, wo oft sehr alte Männer mit sehr großen Berührungsängsten die ehrenamtliche Verbandsarbeit leiten. Aber den Profifußball mit seiner Heldenverklärung und seinen medialen und wirtschaftlichen Verflechtungen hat der DFB dadurch noch nicht von seinen Reflexen befreit.

Dirk Brüllau etwa weist darauf hin, "dass ein Spieler durch Sponsorenverträge eine Einnahmequelle hat, die sehr von der Außendarstellung abhängt". Er glaubt: "Die Spieler fürchten, bei einem Coming-out ihre Sponsorenverträge zu verlieren." Dass homosexuelle Sportler in den Marketing-Abteilungen großer Firmen eher durchs Raster fallen, darauf hat zum Beispiel die lesbische Fechterin Imke Duplitzer schon oft verwiesen. "Ein schwuler Fußballer bekommt, wenn er sich outet, vor allem Probleme mit dem Marktwert", glaubt auch Patrik Maas. Weshalb es den meisten Vereinen wohl ganz recht ist, wenn sich die Frage für sie gar nicht erst stellt.

Wie schwulenfeindlich ist der Fußball? Thomas Hitzlsperger hat sich da keine abschließende Meinung bilden können. "Schwer zu sagen", sagt er. "Im Fußball gibt es ja keine bekannten Homosexuellen."