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Hitzlspergers Coming-out:Ein Anfang ist gemacht

Thomas Hitzlsperger Coming-Out

Thomas Hitzlsperger: Coming-out gegen die Ignoranz

(Foto: dpa)

Das Coming-out von Thomas Hitzlsperger platzt mutig in eine Zeit zweier rivalisierender Fußballfraktionen. Einer neuen Generation von Verantwortlichen und Profis, die Macho-Spieler ablehnt, steht eine Retro-Gruppe gegenüber, die allem Neuen das Etikett "schwul" aufdrückt.

Thomas Hitzlsperger war schon immer ein ungewöhnlicher Fußballspieler. Er war das nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Sportlerbiografie, die ihn schon mit 18 Jahren von einem oberbayerischen Bauernhof zu Aston Villa nach England führte; er war es auch nicht nur wegen der gewaltigen Schusskraft im linken Bein und nicht nur, weil er ein mustergültiger Lerner war, der jedem neuen akademischen Ansatz des Spiels offen gegenüberstand.

Nach allem, was man damals über ihn wusste, war Hitzlsperger vor allem deshalb ein ungewöhnlicher Profi, weil er die üblichen Reflexe in der Branche immer aus einer gewissen Distanz betrachtet hat. Als er im vergangenen August sein Karriere-Ende mit erst 31 Jahren bekannt gab, hat er sich sogar gegen den Begriff "Karriere" verwahrt. Er klang ihm zu aufgeblasen, zu heroisch. Er hat das so gesehen, dass er sich einfach vom Spielbetrieb verabschiedet, ohne große Girlanden oder Heldengesänge. Er war halt ein Fußballprofi, und dann war er halt plötzlich keiner mehr.

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Homosexualität im Profifußball

Befreiung vom Tabu

Es ist ein bemerkenswerter Schritt: Thomas Hitzlsperger geht wenige Monate nach seinem Karriereende mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit. Doch das Klima für schwule Spieler wird sich nur ändern, wenn der Fußball selbst aufhört, Homosexualität an den Rand zu drängen.   Ein Kommentar von Kathrin Steinbichler

Das war und ist ein ausgesprochen ehrenwerter Ansatz, aber im Moment kann es Thomas Hitzlsperger drehen und wenden, wie er will: Er weiß, dass er jetzt erst mal eine Menge Schlagzeilen produzieren wird. Im Interview mit dem Wochenmagazin Zeit hat er seine Homosexualität öffentlich gemacht und ist fürs Erste nun doch geworden, was er nie sein wollte: eine Figur, die sie in der Fußball-Szene als historisch begreifen werden. Er ist der erste prominente deutsche Profifußballer, der sein Schwulsein öffentlich thematisiert.

"Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte", sagte Hitzlsperger der Zeit, für deren Online-Ausgabe er seit Jahren - übrigens inhaltlich und sprachlich anspruchsvolle - Kolumnen verfasst. Er habe das Gefühl, so Hitzlsperger, dass nun, nach dem Ende seiner Karriere, ein guter Moment für ein Coming-out gekommen sei.

Um die Dimension dieser Entscheidung zu verstehen, muss man sie in jene Branche einordnen, zu der Hitzlsperger bis zum vorigen August noch gehörte. Es ist eine Branche, die sich seit einiger Zeit mit zunehmender Neugier den sogenannten Tabuthemen widmet - wie Homosexualität oder Depression. Die Motive hinter dieser Neugier sind so disparat wie die Branche selbst, und der sensationslüsterne Teil der Branche (und auch: der Medien) hat bislang verhindert, dass Profis wie Hitzlsperger sich ein Coming-out in ihrer aktiven Zeit zugetraut haben.