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Hertha BSC:Und nun ein Köfferchen mit Zigarren

Hertha BSC - 1. FC Köln

"Die Jungs haben gezeigt, dass sie eine Mannschaft sind", sagt Trainer Par Dardai über seinen verschworenen Zirkel: "Man kann sie wieder lieben."

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Acht Spiele ohne Niederlage, aufatmen im Berliner Westend: Das 0:0 gegen den weiterhin abstiegsgefährdeten 1. FC Köln sichert Herthas Klassenverbleib. Darf Trainer Dardai weitermachen?

Von Javier Cáceres, Berlin

Niemand hatte gesagt, dass es schön werden würde. Auch wenn sich Hertha BSC und der 1. FC Köln am Samstag zu erstklassigen Fußball verabredet hatten - es stand zu erwarten, was am Ende auch geboten wurde: Fußball, der im übertragenen Sinn alles andere war als erstklassig, und eine Partie, die auch noch torlos blieb. Den Berlinern war's am Ende recht, aus nachvollziehbaren Gründen: Durch das 0:0 blieben sie trotz einer von unzähligen Pannen, Widrigkeiten, Corona-Isolation und Verwerfungen geprägten Saison in der Bundesliga. Die Kölner wiederum beendeten den Spieltag zwar auf einem Abstiegsplatz, sie dürfen in der kommenden Woche aber - wie Arminia Bielefeld und Werder Bremen - immerhin noch ein Finale bestreiten, gegen den Absteiger FC Schalke 04.

Für Herthas Trainer Pal Dardai, der im Januar Bruno Labbadia abgelöst hatte, gab es eine Köfferchen mit dicken Zigarren aus Kuba, die er bei einem guten Glas Rotwein genießen wollte. Und auch teilen, mit Mitgliedern der Führung, mit seinen Spielern. "Ich bin stolz", sagte Dardai. Erleichtert war er selbstredend auch.

Den Karren eines Fußballprojekts, das vor gar nicht einmal so langer Zeit als "das spannendstes Europas" umschrieben worden war, wieder aus dem Dreck gezogen zu haben, war nicht selbstverständlich. Schon 2015 war er als Trainer eingesprungen und hatte die Hertha aus der Not gerettet, nun hat er es wieder geschafft. Ob es dazu führt, dass der Ungar, immerhin Herthas Rekordspieler und Publikumsliebling, auch in der kommenden Saison Trainer ist? Das blieb auch am Samstag ungewiss, zur neuen Spielzeit kommt ein neuer Manager an die Spree: Fredi Bobic von Eintracht Frankfurt. "Ich bin Herthaner, aber das ist kein Wunschkonzert", sagte Dardai auf die Frage, ob er gerne länger Cheftrainer bei Hertha bleiben wolle. "Ich lebe und liebe diese Stadt, da war es wichtig, mich nicht zu blamieren", fügte der Ungar hinzu.

Die Akademie rettet das Investoren-Projekt

Klar ist, dass Dardai bei Hertha angestellt bleiben wird. Im Zweifelsfall gehe er wieder zurück in die Nachwuchsabteilung, die ihn stolz macht: Sie trug viel dazu bei, dass Hertha in der Liga überlebt und einen neuen Anlauf unternehmen kann, ein Big City Club zu werden. Am Samstag musste Dardai gegen die Kölner auf zehn gestandene Profis verzichten, darunter eine Reihe Spieler, die mit den rund 300 Millionen Euro gekauft worden waren, die das Investmentunternehmen Tennor von Lars Windhorst in den Klub gepumpt hatte. Auf der Tribüne saßen teure, aber derzeit verletzte Führungskräfte wie Cunha, Sami Khedira oder Jhon Córdoba, in der Startelf standen drei selbst ausgebildete Akademie-Kräfte - unter ihnen Stürmer Jessic Ngankam, der am Mittwoch auf Schalke den Siegtreffer zum 2:1 erzielt hatte. Später wurde auch Jonas Michelbrink eingewechselt, der gute Ansätze zeigte, aber am Ende fast einen Elfmeter fabrizierte. In der 89. Minute berührte er Shkiri im Strafraum, Referee Aytekin aber verzichtete auf einen Pfiff. Kölns Trainer Friedhelm Funkel lamentierte nicht - und befand nicht nur, dass "das 0:0 absolut in Ordnung" gehe. Er war auch überzeugt davon, dass das ein "ganz, ganz wichtiger Punkt war." Man werde sich "jetzt auf unser Endspiel gegen Schalke 04 sehr gut vorbereiten."

Ein solches Final-Szenario umgangen zu haben, war für die Berliner mehr als ein Grund zur Freude. Nach dem Ende der Partie formten sie auf dem Rasen wieder einen Kreis, in jüngster Zeit war das nach jedem Spiel der Fall gewesen - auch Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls, das in den ersten Monaten gefehlt hatte. "Die Jungs haben sich geändert, sie haben gezeigt, dass sie eine Mannschaft sind. Man kann sie wieder lieben", sagte Dardai.

Zuletzt legte sein Team eine Serie von acht Spielen ohne Niederlage hin. Das ist beachtlich, aber nicht genug, um eine - nicht offiziell bestätigte - Klausel zu erfüllen, die seinen Vertrag automatisch um ein Jahr verlängert hätte. Der Kicker hatte zu Beginn der laufenden Amtszeit berichtet, dass Dardai Trainer bleiben würde, wenn seine Mannschaft bis Saisonende 24 Punkte sammelte. Hertha ist in den Spielen unter Dardai auf 18 Punkte gekommen - obschon zuletzt fünf Partien in 12 Tagen durchgepeitscht werden mussten, wegen der zweiwöchigen Corona-Quarantäne. Die Berliner können also bei einem Sieg in Hoffenheim maximal 21 Zähler erreichen. Dardai interessierte das aber nur am Rande: "Meine Jungs haben Respekt verdient, dass sie den Klassenerhalt schon am vorletzten Spieltag geschafft haben. Jetzt wollen wir auch weiter ungeschlagen bleiben."

Und die Kölner? Sie können den Klassenerhalt nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Ihr größter Gegner dürfte aber nicht Schalke sein, sondern ihr Karma: Im vergangenen Jahr trugen sie nicht wenig dazu bei, dass Funkels Ex-Klub Fortuna Düsseldorf abstieg. Denn die Kölner gingen am letzten Spieltag mit 1:6 unter - ausgerechnet in Bremen, wo Abstiegsrivale Werder nun Kölns Intimfeind Borussia Mönchengladbach erwartet.

© SZ/bkl/grö
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