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Harte Kritik des Bayern-Präsidenten:Hoeneß fordert Neuausrichtung der Fifa

Auf einer Tagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche in Hamburg findet Uli Hoeneß deutliche Worte für den Fußball-Weltverband, Franz Beckenbauer und den früheren DFB-Präsident Theo Zwanziger. Der Bayern-Boss appelliert an England, Frankreich und Deutschland, bei der Fifa für mehr Rechtsstaatlichkeit zu sorgen.

Sebastian Krass, Hamburg

Uli Hoeneß hat erneut scharfe Kritik an den Zuständen im Weltfußballverband Fifa geübt. "Viele Entscheidungen in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren sind nicht mit rechten Dingen zugegangen", sagte der Präsident des FC Bayern auf einer Tagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche in Hamburg. Hoeneß forderte die europäischen Fußballverbände, namentlich den Deutschen Fußball-Bund (DFB), auf, eine Neuausrichtung der Fifa anzustoßen. Zugleich kritisierte er die Deutschen Theo Zwanziger und Franz Beckenbauer für ihre Rolle im Weltverband.

Uli Hoeneß

Deutliche Kritik an der Fifa: Uli Hoeneß fordert mehr Rechtsstaatlichkeit.

(Foto: dpa)

"Wenn die europäischen Verbände sich endlich zusammensetzen, könnte sich was ändern", sagte Hoeneß. Schließlich kämen 80 oder 90 Prozent der Milliardenumsätze der Fifa aus dem europäischen Fußballmarkt. Er appellierte an "England, Frankreich und Deutschland, auch mal auf politischer Ebene dafür zu sorgen, dass die Fifa-Verantwortlichen nach unseren rechtsstaatlichen Vorstellungen ihre Geschäfte machen". Hoeneß adressierte dies auch namentlich an den neuen DFB-Chef Wolfgang Niersbach.

Er berichtete von einer Begebenheit am Rande des Champions-League-Finales 2011. "Da hat der englische Sportminister Karl-Heinz Rummenigge (Vorstandschef des FC Bayern, d. Red.) gesucht und dann zu ihm gesagt: Ich habe die Schnauze voll, wir werden den Sumpf austrocknen." Seitdem habe er aber nichts mehr davon gehört, sagte Hoeneß.

Notfalls gar ein WM-Boykott

Im Extremfall hält Hoeneß selbst einen WM-Boykott der großen Nationen für bedenkenswert. Wenn Deutschland nicht mehr bei der WM anträte, argumentierte er, würden die deutschen Fernsehsender nur noch einen Bruchteil des Geldes für die Übertragungsrechte zahlen, und das würde die Fifa empfindlich treffen. Auch die Idee einer Gegen-WM von Fifa-kritischen Verbänden wies Hoeneß nicht zurück, betonte aber, dass es sich dabei um eine persönliche Meinungsäußerung handele.

Die Rolle von Theo Zwanziger, der im Exekutivkomitee der Fifa sitzt, bewertet Hoeneß kritisch. Der ehemalige DFB-Präsident verfolge in diesem höchsten Gremium des Weltverbandes zwar "hehre Absichten, aber er hat nicht mehr den DFB hinter sich, deshalb fehlt ihm die Macht. Ich habe gehört, dass wir von ihm nicht allzu viel erwarten müssen".

Und Hoeneß wurde noch deutlicher: "Unser Doktor Theo Zwanziger hat keine Chance, die haben ihn umgarnt, und er lässt sich beschmusen." Zur Frage, ob Zwanziger eine lame duck, also quasi handlungsunfähig, sei, sagte Hoeneß: "Das möchte ich so nicht sagen. Aber für ihn ist es ja schon ein Problem, lame duck zu übersetzen, weil er kein Englisch kann."

Zwanzigers Vorgänger bei der Fifa war Franz Beckenbauer, der auch vor Hoeneß als Präsident des FC Bayern amtierte. Zu Beckenbauers Rolle im Weltverband sagte Hoeneß: "Der Franz wird einiges wissen, aber er ist noch in der Muschel." Damit spielte Hoeneß darauf an, dass das Netzwerk Recherche zuvor der Fifa die "Verschlossene Auster" verliehen hatte, eine ironisch gemeinte Auszeichnung für den "Informationsblockierer des Jahres".

Die Fifa hatte es abgelehnt, einen Vertreter zu der Verleihung zu entsenden. Um mehr Transparenz in der Fifa zu schaffen, fordert Hoeneß die Einsetzung einer Art Aufsichtsrat. "Da gehören keine Leute aus dem Sport rein, sondern Leute aus Wirtschaftsprüfungsunternehmen oder Generaldirektoren von großen Konzernen", sagte er.

Die Hoffnung auf den von ihm schon mehrmals geforderten Abtritt des Fifa-Präsidenten Blatter hat Hoeneß vorerst aufgegeben. "Er ist ja gerade bis 2015 wiedergewählt worden", klagte Hoeneß. "Aber ich hoffe, dass er nicht mit 78 oder 80 noch einmal antritt." Blatter ist heute 72 Jahre alt. Auf den Hinweis hin, dass Blatter es ja vielleicht machen werde wie sein Vorgänger Joao Havelange, der noch mit 82 Jahren Fifa-Präsident war, rief Hoeneß: "Gott bewahre!"

Wenn man Blatters Amtszeit Revue passieren lasse, falle auf, dass schon oft "aus größten Freunden die größten Feinde geworden sind. Wenn man keinen Dreck am Stecken hat, passiert so etwas nicht". Zu Blatters angeblichen Ambitionen auf einen Nobelpreis sagte Hoeneß: "Wenn der den Friedens-Nobelpreis bekommt, werde ich Generaldirektor der Metropolitan Opera in New York."

© SZ vom 02.06.2012/jbe

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