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Fußball-WM:Frankreich erreicht eine neue Euphorie-Stufe

Doppeltorschütze Kylian Mbappe (2.v.r.) feiert mit seinen Mitspielern.

(Foto: AFP)
  • Nach lauen Gruppenspielen zeigt Frankreich ein famoses Achtelfinale gegen Argentinien.
  • Beim 4:3 zeigt die Mannschaft von Didier Deschamps alle Qualitäten, die man bei einer Weltmeisterschaft braucht.
  • Vor allem Kylian Mbappé überragt - und ruft einen historischen Vergleich hervor.

Von Martin Schneider, Kasan

In Badelatschen kam Kylian Mbappé zur Pressekonferenz, und wahrscheinlich wäre er in denen auch noch Nicolas Tagliafico oder Javier Mascherano oder irgendeinem anderen Argentinier davongelaufen. 19 Jahre ist Mbappé alt, er hat nun drei Tore in Russland geschossen, zwei davon beim 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale. Als ihn ein französischer Journalist fragte, ob er nach dem WM-Titel Frankreichs zweite Trophäe des Jahres 1998 sei, seinem Geburtsjahr da lachte Mbappé. Ein anderer Journalist verglich ihn direkt mit Pelé - der war nämlich 1958 der letzte Teenager, der zwei Tore in einem K.o.-Runden-Spiel einer Weltmeisterschaft schoss. Mbappé fühlte sich geschmeichelt. Er sagte aber dann, dass man schon im Rahmen bleiben sollte. Ein Pelé sei er nicht.

Frankreich, so ist das nun aber trotzdem, ist nach diesem 4:3 im Achtelfinale gegen Argentinien auf der Euphorie-Stufe "Pelé-Vergleich" angekommen. Und Mbappé ist dafür hauptverantwortlich.

Nach den lauen Gruppenpartien haben die Franzosen erstmals einen Sturm von einem Spiel abgeliefert und gezeigt, warum sie vor der WM unter "Favoriten" gelistet waren. "Ich freue mich, ich bin stolz", sagte Frankreichs Trainer Didier Deschamps, in der Heimat hatten sie nach dem müden Unentschieden gegen Dänemark schon mit dem Grummeln begonnen. Nun hat Frankreich in den Turniermodus geschaltet, die Équipe nimmt Tempo auf. Das wird sie im Viertelfinale gegen die betonharten Uruguayer auch brauchen.

Mbappés Höchstgeschwindigkeit: 32,4 Kilometer pro Stunde

Aber schon gegen Argentinien zeigte Deschamps' Mannschaft, die jüngste des Turniers, alle Qualitäten, die man bei so einer Weltmeisterschaft braucht. Sie ging in Führung, sie drehte einen Rückstand, sie war stark ohne Ball und für eine kurze, entscheidende Zeit war sie auch stark mit Ball. Sie hat zwei, drei überragende Spieler - und vor allem einen Mbappé.

32,4 Kilometer pro Stunde gab die Fifa später als dessen Höchstgeschwindigkeit an, wahrscheinlich erzielt bei seinem 70-Meter-Sprint in der zehnten Minute, als er einfach mit dem Ball durch die ganze Hälfte der Argentinier an allen vorbei sprintete, nur aufgehalten von Marcos Rojo, der sich ihm schlicht in den Weg und dann verzweifelt in den Rücken warf. Den Elfmeter versenkte Antoine Griezmann. "Wir wussten, dass sie schnelle Spieler haben", sagte Argentiniens Trainer Jorge Sampaoli später. "Wir haben diese Situationen analysiert, aber es ist was anderes, das auf einem Bildschirm zu sehen und dann auf dem Platz zu erleben. Fußball ist nicht Fußball auf Video."

Argentinien tat Frankreich zunächst den Gefallen, kontern zu dürfen, schon vor Griezmanns Elfmeter traf der Stürmer von Atlético Madrid per Freistoß die Latte, kurz nach dem Führungstor gab es noch einen Freistoß von Paul Pogba - dann verwaltete Frankreich zunächst nur noch. "Wir hätten ein zweites Tor erzielen müssen", sagte Deschamps. Mit zwei Torschüssen erzielte Argentinien zwei Tore. N'Golo Kanté und Pogba störten Angel Di Maria nicht, Gabriel Mercado fälschte einen Messi-Schuss ab, und plötzlich lag Frankreich hinten.

"Ich bin froh, dass er Franzose ist", sagt Deschamps

Ausgerechnet Messi, der bis zu diesem Zeitpunkt, eigentlich nicht stattfand. "Wir haben schon die Pässe zu ihm verhindert", sagte Deschamps zur ersten Halbzeit. "Aber man kann ihn nicht völlig ausschalten." Frankreich war aber nah dran, Messi blieb nahezu wirkungslos über das ganze Spiel. Doch noch erstaunlicher war, wie die junge Mannschaft auf den Rückstand reagierte, der nur neun Minuten lang währte. Frankreich schaltete um auf Angriffs- und Ballbesitzfußball. Pogba ging voran - die Argentinier schafften es nicht, die französischen Konter zu unterbinden und die französische Ballzirkulation aufzuhalten.

Einer, der neben Mbappé glänzte, war Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart, in der Bundesliga Innenverteidiger, im Nationalteam rechts in der Viererkette. Auch das kann der 22-Jährige ziemlich gut, schon in der ersten Halbzeit brachte er zwei gefährliche Flanken auf Giroud, 57 Prozent aller französischen Angriffe liefen über seine rechte Seite. Vor seinem Tor zum 2:2 schnitt er den Ball wie ein Tennisspieler beim Aufschlag, dieser drehte sich um sich selbst wie ein Planet auf der Umlaufbahn und sauste mit der Wucht eines Himmelskörpers ins Netz. Als die französischen Fans am Flughafen von Kasan in die Flieger nach Moskau stiegen, sah man Menschen im Pavard-Trikot. Falls der VfB Stuttgart dieses Talent nicht halten können wird - das Schmerzensgeld dürfte hoch sein.

Nach Pavards Ausgleich erledigte Mbappé den Rest. "Ich bin froh, dass er Franzose ist. Er hat all sein Talent in so einem wichtigen Spiel gezeigt, aber er hat noch Raum für Verbesserung", sagte Deschamps. Wo dieser Raum für Verbesserung liegt, ist allerdings schwer vorstellbar. Beim 3:2 reagierte er wie in jeder Situation schneller als die argentinische Abwehr, beim 4:2 lief er wieder auf seiner rechten Seite durch.

Als Deschamps nach den möglichen Viertelfinalgegnern gefragt wurde, sagte er dem Journalisten: "Können Sie das nicht morgen fragen? Wir haben gerade Argentinien besiegt." Der Weltmeister-Kapitän von 1998 ist in der Heimat nicht unumstritten. Die Kritik an den schwachen Gruppenspielen hat ihn offensichtlich getroffen - er wollte wenigstens ein paar Stunden lang seinen größten Sieg seit dem EM-Halbfinale 2016 genießen.

© SZ vom 01.07.2018/chge
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