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Fußball-WM:Uruguays Abwehrkünstler stoppen Ronaldo

  • Uruguay erreicht durch ein 2:1 gegen Portugal das Viertelfinale der WM 2018, Edinson Cavani trifft doppelt.
  • Für Cristiano Ronaldo ist das Turnier nun vorbei - genau wie für Lionel Messi.
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Das Kinnbärtchen ist so gut wie ab. Am Tag des Abschieds des Argentiniers Lionel Messi hat auch Cristiano Ronaldo, der sich in Russland die Haare unter der Unterlippe sprießen ließ, um das Glück zu zwingen, die Weltmeisterschaft in Russland verlassen. In einem aufwühlenden Achtelfinale von Sotschi zerschellte der Europameister von 2016 an einer Mannschaft, die sich zusammengefunden hat, um dem Begriff "Mentalität" eine neue Dimension zu geben. Das Team von Oscar Washington Tabárez, 71, besiegte Portugal mit 2:1 (1:0) - und trifft nun im Viertelfinale auf Frankreich. Für Uruguay, ein Land mit nicht mal 3,5 Millionen Einwohnern ist es das siebte Viertelfinale der Geschichte. Spieler des Abends war Edinson Cavani, der Angreifer erzielte beide Treffer.

Es habe keinen Sinn, vorzuempfinden, wie ein Spiel laufen könnte, hatte Tabárez, der Trainer Uruguays, am Vorabend der Partie gesagt. Es komme dann ja doch anders, als man denkt. Wer weiß, ob er insgeheim doch darüber sinninerte, wie es laufen könnte: In jedem Fall konnte er sich kaum darüber beschweren, was sich ereignete. Ronaldo, der sich sein Ziegenbärtchens stehen lassen wollte, solange Portugal gewinne, versuchte die Uruguayer nach sechs Minuten in Alarmstimmung zu versetzen, doch seinen 18-Meter-Schuss parierte Torwart Fernando Muslera. Dann zeigte Uruguay, was Präzision ist.

Edinson Cavani schlug von der rechten Außenlinie einen 40-Meter-Pass auf Luis Suárez, der sich nahe der linken Außenlinie befand, sich erst in Schussposition zu bringen versuchte, aber dann doch eine harte Flanke an den Fünfmeterraum schlug. Dort war Paris-St.-Germain-Stürmer Cavani längst angekommen - und rammte den Ball zum 1:0 mit einem überwältigenden Kopfstoß in den rechten Winkel (7. Minute).

Ronaldo sieht sich einer Kaskade an Gegenspielern gegenüber

Was folgte, hatte man sich sehr wohl vorstellen können. Denn die uruguayische Mannschaft spielte so, wie es in den Büchern steht. Mit kompromissloser Hingabe, maximaler Konzentration, völliger Aufopferung und einem rührenden Grad an Solidarität. Allein wie Luis Suárez und vor allem Edinson Cavani ihre defensiven Kollegen unterstützten, war eine Ode an die Arbeit. Die Portugiesen, denen das Spiel ohne Ball weit besser liegt als das mit Ball, suchten ohne Unterlass nach Sollbruchstellen im Defensivverbund der Uruguayer. Doch sie fanden sie nicht. Stattdessen prüfte Suárez den portugiesischen Schlussmann Rui Patrício (22.). Ansonsten waren in der ersten Halbzeit wenige Chancen zu verzeichnen. Schon gar nicht von Ronaldo, der sich, wenn er denn mal den Ball hatte, einer Kaskade an Gegenspielern gegenübersah - und gar nicht in die Verlegenheit kam, seinen bislang vier Toren noch einen weiteren Treffer hinzuzufügen.

Nach der Pause schien sich zunächst nichts zu ändern. Aber der erste Anflug von Konfusion in der uruguayischen Abwehr führte zu einem Eckstoß, der kurz ausgeführt wurde: Der Dortmunder Raphael Guerreiro flankte den Ball genau auf den Kopf von Innenverteidiger Pepe, der gegen die Laufrichtung von Torwart Muslera zielte - und den Ausgleich erzielte. Doch die Seele dieser uruguayischen Mannschaft ist gegen Rückschläge bestens imprägniert.

Nur sieben Minuten nach Pepes Tor jagte Torwart Muslera einen Abstoß in die gegnerische Hälfte, Rodrigo Bentancur leitete ihn weiter auf Cavani, der einer eigentlich schmucklosen Sequenz einen wundervollen Glanz verlieh: Er traf aus 16 Metern mit dem Innenrist ins Tor; Torwart Muslera flog vergeblich in Richtung des linken Pfostens.

Portugals Trainer Fernando Santos brachte den Altmeister des phantasievollen Dribblings, Quaresma, um die unvermeidliche Belagerung des uruguayischen Strafraums um ein wenig Eingebungskraft zu erweitern. Richtig Gefahr aber gab es erst, als Muslera einen Flankenball fallen ließ - und Bernardo Silva aus fünfzehn Metern übers Tor zielte. In der 71. Minute musste Uruguay einen Schock verdauen, der weit größer war als der zwischenzeitliche Ausgleichstreffer: Cavani musste verletzungsbedingt raus (für ihn kam Stuani), der Angreifer hat eine Wadenverletzung erlitten. Wie schwer die Verletzung ist, wird erst am Sonntag bekannt sein. Ronaldo hatte seinen bis dahin bemerkenswertesten Auftritt: Er stützte Cavani auf seinem Weg vom Spielfeld.

Was dann geschah, war eine Abwehrschlacht in Reinform. Ein heroischer Kampf gegen die Uhr, gegen immer häufiger werdenden Hereingaben, gegen das Schwinden der eigenen Kräfte.

Doch die Uruguayer sind Meister des Schützengraben-Fußballs, und er ließ den ganzen finalen Furor der Portugiesen in Melancholie ersterben.

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