Carlo Cottarelli und Inter:Die Liebe soll wieder italienisch werden

Inter vs Crotone

Inter-Fans hatten es nicht leicht mit ihren Klub in der Vergangenheit.

(Foto: Matteo Bazzi/dpa)

Die Fans von Inter Mailand wollen sich ihren Verein von den Chinesen zurückholen, mit Crowdfunding und dem FC Bayern als Vorbild. Der Revolutionsführer: ein Beinahe-Premierminister mit Sinn für Sentimentalität im Fußball.

Von Oliver Meiler, Rom

Wenn ein Zahlenmensch von Liebe spricht, von Sehnsüchten und Passionen, hört man schon mal genauer hin. Verwegene Träume wirken dann gleich viel wahrscheinlicher. Carlo Cottarelli aus Cremona bei Mailand, lange Zeit Direktor beim Internationalen Währungsfonds in Washington, ist ein ausgewiesener "Uomo dei numeri". Der berühmte Ökonom ist sogar der Prototyp eines nervig peniblen Rechners und Buchhalters, wenigstens in Italien.

Vor drei Jahren wäre Cottarelli beinahe italienischer Premierminister geworden - wegen seines Klarblicks in der chronischen Düsternis staatlicher Schulden und Defizite. Die Berufung sollte den Politikern Beine machen, die sich damals nach den Parlamentswahlen lange nicht auf eine Regierungskoalition einigen konnten. Cottarelli reiste im Zug nach Rom, zog einen kleinen Rollkoffer hinter sich her und lächelte neckisch in die Fernsehkameras. Danach einigten sich die Politiker sehr schnell doch noch. Cottarelli war erleichtert: Er wollte den Job ohnehin nicht. Mit 67 Jahren hat er jetzt etwas mehr Zeit für die ganz großen Sentimentalitäten im Leben.

Carlo Cottarelli und Inter: Carlo Cottarelli zieht seinen Rollkoffer durch Rom - Premierminister musste er dann nicht werden.

Carlo Cottarelli zieht seinen Rollkoffer durch Rom - Premierminister musste er dann nicht werden.

(Foto: Francesco Ammendola/AFP)

"Die erste Liebe vergisst man bekanntlich nie", sagte Cottarelli neulich bei einer Versammlung von Gleichgesinnten. "Die Liebe zu seinem Fußballverein aber, die vergeht nie." Das sind die Kategorien, es geht gerade um alles: Herz gegen Business.

Das Volk der Interisti, der Fans des Football Club Internazionale Milano, will sich seinen 1908 gegründeten Verein mit einem gigantischen Crowdfunding zurückholen. Angeführt von Carlo Cottarelli, Inter-Anhänger seit er neun Jahre alt ist. Abkaufen wollen sie den Klub den Chinesen von Suning und dem Investmentfonds Oaktree aus Kalifornien, die je ein Stück vom Vereine besitzen, obwohl sie seine Geschichte, die gloriose und manchmal nicht so ruhmreiche, die Geschichte der "pazza Inter", des "verrückten Inter", kaum kennen.

Jedenfalls spüren sie die Geschichte nicht, wie das frühere Besitzer taten, solche mit Wurzeln in Mailand, mit dem Herzen am richtigen Ort und einem locker sitzenden Geldbeutel. Bei Inter war das zuletzt Massimo Moratti gewesen, ein Erdölindustrieller, Fan und Mäzen. Jedes Jahr pumpte er Dutzende Millionen aus der eigenen Tasche in den Verein, ohne Aussicht auf Rendite. L'amore! Doch nun regieren den Fußball ja mehr und mehr Herrschaften, Fonds und zuweilen Staaten mit eher unlauteren und unsentimentalen Motiven, überall in Europa, neuerdings auch in Newcastle upon Tyne.

Die Prominenz ist mobilisiert, nun braucht es noch ein paar Hunderttausend Fans

Bei Inter träumen sie davon, die Spirale zurückzudrehen. Cottarelli führt das Projekt InterSpac als Präsident an, als Garant für "no bullshit". Gelingt es, wäre es eine Premiere für Italien, eine kleine Revolution, vielleicht auch eine Vorlage für andere ähnliche Projekte. Spac steht für "Special Purpose Acquisition Company", ein so genanntes Akquisitionszweckunternehmen. Ziel von InterSpac ist es, möglichst viele Anhänger zu finden, die bereit sind, einmalig einen Betrag zwischen 500 und 1000 Euro zu investieren und damit zu Aktionären des Vereins zu werden, sobald die Spac dann mal an der Börse zugelassen sein wird.

Machen einige Hunderttausend mit, ließe sich eine Summe von mehreren hundert Millionen Euro auftreiben, je nach Schätzung 180 bis 360 Millionen. Vielleicht aber auch viel mehr, wer weiß. Inter, so glaubt man zumindest bei Inter, zählt allein in Italien sieben Millionen Anhänger, weltweit sollen es 25 Millionen sein. Es sind auch viele prominente Italiener dabei, alle wurden mobilisiert für die Causa: Startenor Andrea Bocelli zum Beispiel, der emilianische Rocker Luciano Ligabue, Regisseur Gabriele Salvatores, Moderator Paolo Bonolis, Fernsehtalker Enrico Mentana, überhaupt eine Menge Journalisten und Chefredakteure.

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Den Inter-Ball haben sie schon, jetzt wollen sie noch Inter: Carlo Cottarelli (links) und der Anwalt Giacomo Alemani.

(Foto: Claudio Furlan/LaPresse/Imago)

Im Sommer haben die Promotoren eine Umfrage bei 100 000 Interisti durchgeführt, achtzig Prozent sagten sofort zu. Viele fragten schon nach der Bankverbindung. "Was gibt es denn Schöneres, als Besitzer des Klubs zu sein, den man liebt", sagt Cottarelli. "Selbst wenn man nur einen Ziegelstein davon besitzt." Die Umfrage habe auch gezeigt, dass das unselige Klischee des eigensinnigen, ganz auf seine Vorteile konzentrierten Italieners überholt sei.

Als Vorbild des beteiligten Fans dient in Mailand der FC Bayern München und die deutsche Regel des "50 Prozent plus 1". Mit dem Beispiel des FC Barcelona, das sich auch anführen ließe, wirbt es sich gerade nicht so gut. Auch Real Madrid nennt Cottarelli nie. Immer nur Bayern. Cottarelli wäre nicht Cottarelli, würde er bei aller Leidenschaft, die ihn gerade bewohnt, nicht auch ständig an die Probleme erinnern. Bayerns Konstrukt, sagt er dann, stehe auf drei soliden Finanzpfeilern, den 3 A's, die zusammen 25 Prozent des Kapitals halten und eine Menge Stabilität ausstrahlen: Audi, Adidas, Allianz.

"Se non ora quando?", fragen sie. Wann, wenn nicht jetzt?

Solche Pfeiler hätte man natürlich auch gerne. InterSpac fragte schon bei Massimo Moratti nach, doch der sagte dankend ab: Seen that, done that. Angefragt haben sie auch Leonardo Del Vecchio, den größten Sonnenbrillenhersteller der Welt und reichsten Bürger des Landes, 86 Jahre alt. Doch obschon der ein glühender Interista ist, mochte er sich nicht für das Abenteuer gewinnen lassen. Del Vecchio kauft sich gerade massiv bei der Geschäftsbank Mediobanca und bei der Versicherungsgesellschaft Generali ein, das ist wohl sicherer. Und so sucht man weiter, für den Bayern-Mix.

Schafft es InterSpac zum Beispiel, 275 Millionen Euro aus den Einlagen der Fans einzusammeln, könnte man dafür das Minderheitspaket von Oaktree übernehmen - so heißt jener kalifornische Investmentfonds, der Suning jüngst mit einem Kredit in dieser Höhe und zu horrenden neun Prozent Zinsen ausgeholfen hat. Cottarelli aber peilt mehr an, nämlich die Kontrolle über den Verein, so die Besitzer dann verkaufen würden. Im November soll die Offerte stehen. Die Familie Zhang von der Suning Holdings Group, einer Vertriebsgesellschaft für Elektronik und Medien aus Nanjing, ist schon informiert, und wahrscheinlich ist sie empfänglich.

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Ist womöglich bereit, Inter wieder zu verkaufen: Steven Zhang.

(Foto: Lars Baron/Reuters)

Seit Beginn der Pandemie hat der Konzern Schulden und Sorgen, und die sind so groß, dass sie ihren Fußballverein in China aufgelöst haben, obwohl der gerade erst Meister geworden war. Die Zhangs wollten auch Inter bereits loswerden, im vergangenen Winter. Das Vorhaben scheiterte nur, weil die Chinesen eine Milliarde Euro gefordert hatten, dafür fand sich kein Käufer. Inter wurde dann trotz der Wirren im Verein italienischer Meister - viele bekannte Profis erhielten jedoch zuletzt ihre Löhne nicht mehr ausbezahlt.

Am Ende der Saison ließ Suning dann die wichtigsten und teuersten Spieler ziehen, Romelu Lukaku (zu Chelsea) und Achraf Hakimi (nach Paris). Meistertrainer Antonio Conte wollte unter den neuen, dürftiger ausgestatteten Verhältnissen gar nicht mehr weitermachen. Vielleicht war das ein Fehler, Inter hält sich sportlich bisher ganz gut. Doch die finanzielle Lage bleibt prekär: 2022 müssen 375 Millionen Euro refinanziert werden.

"Se non ora quando?", lautet das Motto von InterSpac, es steht wie eine Leuchtreklame über Mailand. Wann, wenn nicht jetzt?

Die Gazzetta dello Sport ist skeptisch. "Das Projekt hört sich verlockend an, wie eine sentimentale Verführung, seine Umsetzung ist aber höchst unwahrscheinlich", schreibt die Mailänder Sportzeitung. Die deutsche Bundesliga, die da als Vorlage diene, sei insgesamt viel nachhaltiger organisiert als die italienische Serie A, in Deutschland existierten die Regeln außerdem schon. Und Italien ist Italien.

Aber Carlo Cottarelli sagt: "Wenn etwas unmöglich zu sein scheint, dann ist es möglich." Diese Macht der ewigen Liebe.

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