Fußball in den USA Kurz vor der Eruption

Begeisterte Stars, steigende Zuschauerzahlen: In den USA erfreut sich Fußball immer größerer Beliebtheit. Gründe dafür gibt es viele, sogar das Image als weiche Sportart hilft.

Von C. Eberts und J. Schmieder

Nach den Spielen sitzt Thierry Henry plötzlich nicht mehr allein mit Trainer und Mannschaft in der Kabine. Da sind Reporter dabei, Fernsehkameras und Mikrofone, der Franzose sitzt mit nacktem Oberkörper inmitten der Journalisten und beantwortet bereitwillig ihre Fragen. "So etwas habe ich in Europa nicht erlebt", sagt der Weltmeister von 1998 ungläubig, doch er ist nun Teil des Spektakels: Die USA entdeckt den Fußball als Massenphänomen. Und Henry, der ehemals abgeschottete Klassestürmer vom FC Barcelona, sitzt mittendrin.

Thierry Henry von den New York Red Bulls beim Playoff-Spiel gegen die San Jose Earthquakes.

(Foto: REUTERS)

Die Red Bulls New York sind das Paradebeispiel für den Aufschwung des Fußballs in den USA. Jahrelang fand der Sport in der Metropole fast nicht statt, nun kämpft Fußball mit Hockey um Platz vier in der Liste der beliebtesten Sportarten hinter Baseball, Basketball und American Football. In dieser Saison hatten die Red Bulls einen Schnitt von 18.441 Zuschauern, das Eishockeyteam der New York Rangers kommt auf 17.950 - die New York Islanders gar nur auf 12.045.

"Da gibt es einen unglaublichen Aufschwung", sagt Dietmar Beiersdorfer, der bei Red Bull als Sportdirektor für die Fußballprojekte in New York, Salzburg und Leipzig verantwortlich ist. Für 200 Millionen Dollar hat der Konzern auf der New-Jersey-Seite des Hudson ein Stadion hingestellt, dazu Spieler wie Henry oder den Jamaikaner Dane Richards verpflichtet. Damit die Reporter den Boom weiter ins Land tragen, öffnet der Klub nach manchen Heimspielen auch mal die Kabinentür. Beiersdorfer sagt: "Fußball steht in New York kurz vor der Eruption."

In New York ist Fußball der Sport der Avantgarde geworden. Noch vor wenigen Jahren trafen sich die Wall-Street-Broker und Marketingstrategen in erlesenen Privatklubs, um Squash zu spielen und danach Geschäfte zu machen. "Heute gibt es zahlreiche Fußballfelder in Manhattan, wo die Menschen nach Feierabend in Hobbyligen kicken und danach bei einem Bier mit potentiellen Kunden sprechen", sagt Ian Hirschfield. Er ist so einer, der an der Wall Street arbeitet und nun statt Squash lieber Fußball mit Blick auf die Skyline von Manhattan spielt.

Die Major League Soccer (MLS) hat diesen Trend erkannt und vermarktet den Sport als familientaugliche Unterhaltung. Das Image als - im Gegensatz zu Eishockey und American Football - weiche Sportart kommt dem Fußball mittlerweile zugute. Eltern sehen ihre Kinder lieber auf dem Fußballplatz herumtoben als auf dem Footballfeld eine Gehirnerschütterung riskieren. Sie sponsern Jugendvereine und kaufen sich Dauerkarten für die MLS, in der familientaugliche Profis wie David Beckham und Thierry Henry spielen.