Süddeutsche Zeitung

Fußball in den USA:Kurz vor der Eruption

Lesezeit: 3 min

Begeisterte Stars, steigende Zuschauerzahlen: In den USA erfreut sich Fußball immer größerer Beliebtheit. Gründe dafür gibt es viele, sogar das Image als weiche Sportart hilft.

C. Eberts und J. Schmieder

Nach den Spielen sitzt Thierry Henry plötzlich nicht mehr allein mit Trainer und Mannschaft in der Kabine. Da sind Reporter dabei, Fernsehkameras und Mikrofone, der Franzose sitzt mit nacktem Oberkörper inmitten der Journalisten und beantwortet bereitwillig ihre Fragen. "So etwas habe ich in Europa nicht erlebt", sagt der Weltmeister von 1998 ungläubig, doch er ist nun Teil des Spektakels: Die USA entdeckt den Fußball als Massenphänomen. Und Henry, der ehemals abgeschottete Klassestürmer vom FC Barcelona, sitzt mittendrin.

Die Red Bulls New York sind das Paradebeispiel für den Aufschwung des Fußballs in den USA. Jahrelang fand der Sport in der Metropole fast nicht statt, nun kämpft Fußball mit Hockey um Platz vier in der Liste der beliebtesten Sportarten hinter Baseball, Basketball und American Football. In dieser Saison hatten die Red Bulls einen Schnitt von 18.441 Zuschauern, das Eishockeyteam der New York Rangers kommt auf 17.950 - die New York Islanders gar nur auf 12.045.

"Da gibt es einen unglaublichen Aufschwung", sagt Dietmar Beiersdorfer, der bei Red Bull als Sportdirektor für die Fußballprojekte in New York, Salzburg und Leipzig verantwortlich ist. Für 200 Millionen Dollar hat der Konzern auf der New-Jersey-Seite des Hudson ein Stadion hingestellt, dazu Spieler wie Henry oder den Jamaikaner Dane Richards verpflichtet. Damit die Reporter den Boom weiter ins Land tragen, öffnet der Klub nach manchen Heimspielen auch mal die Kabinentür. Beiersdorfer sagt: "Fußball steht in New York kurz vor der Eruption."

In New York ist Fußball der Sport der Avantgarde geworden. Noch vor wenigen Jahren trafen sich die Wall-Street-Broker und Marketingstrategen in erlesenen Privatklubs, um Squash zu spielen und danach Geschäfte zu machen. "Heute gibt es zahlreiche Fußballfelder in Manhattan, wo die Menschen nach Feierabend in Hobbyligen kicken und danach bei einem Bier mit potentiellen Kunden sprechen", sagt Ian Hirschfield. Er ist so einer, der an der Wall Street arbeitet und nun statt Squash lieber Fußball mit Blick auf die Skyline von Manhattan spielt.

Die Major League Soccer (MLS) hat diesen Trend erkannt und vermarktet den Sport als familientaugliche Unterhaltung. Das Image als - im Gegensatz zu Eishockey und American Football - weiche Sportart kommt dem Fußball mittlerweile zugute. Eltern sehen ihre Kinder lieber auf dem Fußballplatz herumtoben als auf dem Footballfeld eine Gehirnerschütterung riskieren. Sie sponsern Jugendvereine und kaufen sich Dauerkarten für die MLS, in der familientaugliche Profis wie David Beckham und Thierry Henry spielen.

Die MLS ist deshalb nach wechselhaften Jahren eine profitable und florierende Liga geworden, nach den überzeugenden Auftritten der amerikanischen Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Südafrika sind die Zuschauerzahlen noch einmal um mehr als elf Prozent gestiegen - der Ligaschnitt liegt bei fast 18.000 Zuschauern. Spitzenreiter sind die Seattle Sounders, zu deren Spielen im Schnitt mehr als 36.000 Menschen kommen. Die Sounders haben den Vorteil, dass die Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten nur ein Footballteam (Seahawks) und eine Baseballmannschaft (Mariners) beheimatet, es gibt keinen professionellen Basketballklub mehr und keinen Eishockeyverein.

Vom Zuschauerschnitt her hinkt die MLS den großen europäischen Ligen nicht mehr weit hinterher. Die Bundesliga nimmt einen einsamen Spitzenplatz mit mehr als 42.000 Zuschauern pro Spiel ein, die französische Ligue 1 indes liegt mit 19.900 Zuschauern pro Partie nur noch knapp vor der MLS. Was der Liga noch fehlt, sind ansprechende Zahlen bei den TV-Einschaltquoten. Das meistgesehene Spiel der regulären Saison war die Partie zwischen Los Angeles Galaxy und den Seattle Sounders am 3. Juli: 391.000 Menschen schalteten beim Sportkanal ESPN2 ein.

Kein Wunder, dass der Sender nur 2,2 Millionen Dollar pro Saison für die Übertragungsrechte bezahlt. Der Vertrag läuft in diesem Jahr aus - und die MLS hofft, dass Stars wie Henry oder Beckham dafür sorgen, das Interesse noch zu steigern. "Die WM hat uns geholfen, die Verpflichtung von Stars wie Henry und Beckham ebenfalls", sagt MLS-Chef Mark Abbott. "Wir werden uns langsam entwickeln und das gesteigerte Interesse der Zuschauer zu nutzen wissen." Dann könne man auch darüber nachdenken, Pflichtspiele gegen Mannschaften aus Europa auszutragen oder den Meister an der Champions League teilnehmen zu lassen.

"Es entsteht etwas Großes in den Vereinigten Staaten", sagt John Francis, Professor für Sportökonomie an der San Diego State University. "Fußball wächst langsam heran - und damit tun sich interessante Nebeneffekte auf." Der Zuschauerschnitt bei Spielen von Universitätsmannschaften habe sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt - und weil die Uni-Absolventen von heute über die Sponsoren-Budgets von morgen entscheiden würden, wäre genau das die Chance, Fußball in den Vereinigten Staaten zu etablieren - und auch weltweit konkurrenzfähig zu machen.

Der Griff nach dem Meistertitel ist für die Bulls nun erst mal schiefgegangen. Sie sind in den Viertelfinals gegen die San Jose Earthquakes ausgeschieden, sehr unglücklich und etwas unvermögend mit 1:0 und 1:3. "Wir hätten das Zeug gehabt, Meister zu werden", klagte der schwedische Trainer Hans Backe hinterher. Henry kritisierte: "Wir haben heute erst in den letzten 25 Minuten Fußball gespielt. Das war nicht genug."

Den Titel könnte nun Los Angeles Galaxy holen, die Mannschaft des Briten David Beckham, die Montagnacht im Halbfinale auf den FC Dallas trifft. Im anderen Halbfinale stehen sich New-York-Bezwinger San Jose und die Colorado Rapids gegenüber. Einen eindeutigen Favoriten gibt es nicht. Henry zeigte sich von der Qualität der Liga beeindruckt: "Bevor ich herkam, sagten mir viele, dass die gegnerischen Mannschaften nicht so gut seien. Ich habe schnell gemerkt, dass das nicht wahr ist."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1022240
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.