Turbulentes Abendspiel:Parade gegen die Debatten

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Turbulentes Abendspiel: Im Fokus: FCA-Torwart Rafal Gikiewicz (2.v.l.) legte sich mit der halben Werder-Belegschaft an - hier Stürmer Niclas Füllkrug (rechts).

Im Fokus: FCA-Torwart Rafal Gikiewicz (2.v.l.) legte sich mit der halben Werder-Belegschaft an - hier Stürmer Niclas Füllkrug (rechts).

(Foto: Nordphoto/Kokenge/Imago)

Nach dem 1:0 bei Werder Bremen herrscht Aufregung wegen der Provokationen des Augsburger Torwarts Gikiewicz. Vorerst verstummt sind dafür die Diskussionen um Trainer Maaßen und Geschäftsführer Reuter.

Von Maik Rosner

Wie groß die Erleichterung ausfiel, das ließ sich vor allem an jenen Gesten ablesen, die weniger Beachtung fanden als die provokanten Fingerübungen des Augsburger Torwarts Rafal Gikiewicz. Stefan Reuter brachte seine Hände in Bewegung, und dass er Gikiewicz mit einer intensiven Umarmung, einem Klaps auf den Hinterkopf und einer zur Faust geballten Hand bedachte, erzählte viel über das Innenleben des FCA-Geschäftsführers.

In die Diskussionen um Gikiewicz musste sich Reuter nach dem 1:0 (0:0)-Erfolg in Bremen zwar einbringen, nachdem der Torwart vor und nach seiner Elfmeter-Parade gegen Marvin Ducksch in der vierten Minute der Nachspielzeit die Werder-Fans gegen sich aufgebracht hatte. Doch diese Debatte kam noch vergleichsweise angenehm daher, weil sie sich nicht um grundsätzliche Fragen aus Reuters Verantwortungsbereich drehte.

Vor der Ausführung hatte Gikiewicz den Elfmeterpunkt mit seinen Stollen bearbeitet, was an den früheren Augsburger Torwart Marwin Hitz erinnerte. Hitz hatte beim 1:0-Sieg 2015 in Köln mit ein paar gezielten Tritten in den Rasen zu Anthony Modestes Elfmeter-Fehlschuss beigetragen (und später vom Chef der Kölner Sportstätten sogar eine Rechnung in Höhe von 122,92 Euro für die malträtierte Stelle erhalten).

Zu Saisonbeginn gab es noch Kritik an den Leistungen von Gikiewcz

Bei Gikiewcz kam nun hinzu, dass er sich nicht nur mit dem wehrlosen Bremer Elfmeterpunkt anlegte, sondern auch mit Werders Anhängern. Er schaute in ihre Kurve, hielt einen Zeigefinger vor seine Lippen. Zudem fasste er sich ans Ohr, wollte so wohl signalisieren, dass er nichts höre. Und als der 34-Jährige auch noch eine Kommt-doch-her-Geste folgen ließ, sprangen einige Bremer Fans von der Tribüne in den Innenraum, blieben aber glücklicherweise hinter einer Werbebande stecken. "Die beleidigen mich fast die gesamte zweite Halbzeit", begründete Gikiewicz seinen unbedachten Beitrag zur Eskalation. Reuter sagte: "Das kann man sich sparen."

Durch diese Diskussion war fürs Erste auch jene übergeordnete Debatte vergessen, die im Falle eines verspielten Sieges vermutlich noch intensiver durch die Augsburger Vorstandsflure geschwappt wäre als bereits vor dem Freitagabendspiel. Doch statt Fragen zu seiner Kaderarchitektur und zum erst zu Saisonbeginn eingestellten Trainer Enrico Maaßen näher erörtern zu müssen, durfte sich Reuter nun über den umstrittenen Elfmeter-Held Gikiewicz äußern.

Turbulentes Abendspiel: Richtige Ecke zum richtigen Zeitpunkt: Augsburgs Torwart Rafal Gikiewicz (in Gelb) pariert in der Nachspielzeit einen Elfmeter von Marvin Duksch (Nummer 7).

Richtige Ecke zum richtigen Zeitpunkt: Augsburgs Torwart Rafal Gikiewicz (in Gelb) pariert in der Nachspielzeit einen Elfmeter von Marvin Duksch (Nummer 7).

(Foto: Burghard Schreyer/kolbert-press/Imago)

Zu Saisonbeginn hatten dessen Leistungen noch viel mediale Kritik provoziert. Nun hatte der Pole erneut - wie schon beim schmeichelhaften 2:1-Sieg der Augsburger am zweiten Spieltag in Leverkusen - mit seinen Paraden nebenbei auch eine Grundsatzdebatte beruhigt. "Wie er den Elfmeter holt: Wahnsinn!", sagte Reuter. Dem Wahnsinn nahe gewesen zu sein schien auch Maaßen, nachdem Innenverteidiger Maximilian Bauer der Ball aus kurzer Distanz an den Arm geschossen und der Elfmeter verhängt worden war. "Gegen alle Widerstände" habe Gikiewicz den Strafstoß abgewehrt, sagte Maaßen. Aus ihm sprach ähnlich viel Erleichterung wie aus Reuter.

Es war auch eine Parade wider jene Debatten gewesen, die in Augsburg seit dem 0:2 gegen Hertha BSC am vorangegangenen Spieltag zunehmend geführt worden waren. Nur drei Punkte und drei erzielte Tore hatten für den FCA nach fünf Ligaspielen in der Bilanz gestanden. Erkennbar war zwar das Bemühen der Spieler, den spielerischen Ansatz des neuen Trainers umzusetzen. Allein, es blieb oft bei Ansätzen.

FCA-Trainer Maaßen überrascht Bremen mit einer sehr offensiven Elf

Die mit Abstand wenigsten Torchancen aller 18 Bundesligisten hatten auch die eigene Belegschaft alarmiert. Florian Niederlechner hatte gar auf den seit Jahren erprobten Torbeschaffer Robert Lewandowski verwiesen. Selbst der zweimalige Weltfußballer würde für den FCA nicht treffen, "weil wir keine Chancen haben", befand Niederlechner. Er regte sogar eine Abkehr von Maaßens Konzept an.

In Bremen gehörte Niederlechner nun als einer von vier Stürmern zur überraschend offensiven Augsburger Startelf. Und die Kollegen im Angriff brachten dann auch den zweiten Saisonsieg auf den Weg, nachdem sie Carlos Gruezo mit einem langen Pass im Stile eines Quarterbacks in Szene gesetzt hatten. Der kurz vor der Transferfrist verpflichtete Stürmer Mergim Berisha legte quer auf Ermedin Demirovic, der ehemalige Freiburger traf zum 1:0. Später verpasste Berisha das beruhigende zweite Tor, als er einen Ball an die Latte lupfte.

Auch deshalb kam es überhaupt wieder zur wilden Bremer Schlussphase, samt Handelfmeter-Parade und Provokationen. Am Ende sagte Stefan Reuter über Trainer und Kader: "Wir sind von ihm und auch von der Mannschaft überzeugt." Er wusste, wem er das besonders zu verdanken hatte.

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