Aus bei den French Open Zverev landet in der Sackgasse

Der Besiegte (Alexander Zverev, li.) gratuliert dem Sieger (Novak Djokovic).

(Foto: AFP)
  • Alexander Zverev verpasst im Viertelfinale von Paris den Gewinn des ersten Satzes - und wird dann von Novak Djokovic gnadenlos besiegt.
  • Der Serbe zeigt dem Deutschen, was ihm noch in der letzten Grand-Slam-Phase fehlt.
  • Hier geht es zu allen Ergebnissen der French Open.
Von Gerald Kleffmann, Paris

Schließlich, nach 2:09 Stunden, landete ein halbherzig unterschnittener Rückhandball hinter der Grundlinie und war damit laut den Regeln im Aus. Alexander Zverev schaute ohne besondere Regung in die Weite des Court Philippe Chatrier, fuhr sich einmal durch die dichten Wuschelhaare und schritt gemächlich Richtung Netz. Das Ende war jetzt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überraschend gewesen. Ein Händedruck, kurz dem Gegner auf die Brust anerkennend geklopft, das waren seine letzten Aktionen auf dem Platz als Tennisspieler bei diesen French Open. Der Favorit hatte sich durchgesetzt.

"Der erste Satz war drin", sagte Boris Becker am Mikrofon; der Head of Men's Tennis des Deutschen Tennis-Bundes verfolgt das Grand-Slam-Turnier von Paris derzeit als Kommentator von Eurosport. "Dann wird es ein richtiger Wettkampf." Aber Zverev holte nicht den ersten Durchgang, und so schied er aus, 5:7, 2:6, 2:6. Novak Djokovic hatte zum einen eines Weltranglisten-Ersten würdig gespielt. Und er hatte Zverev aufgezeigt, was dem 22-Jährigen noch fehlt für die letzte Phase eines Wettbewerbs dieser Größenordnung, wenn die Trophäenvergabe in Sichtweite ist: "Es ist wichtig, die Konzentration zu bewahren in den Momenten, die entscheidend sind", sagte der 32-Jährige aus Belgrad, der sich eine unglaublich anmutende Chance auf eine neue Bestleistung mit dem Sieg aufrechterhalten hat: Sollte er in Paris gewinnen, wäre er aktueller Inhaber aller vier Grand-Slam-Pokale, wie bereits jahresübergreifend 2015/2016.

Tennis Titelverteidigerin scheitert an 17-Jähriger
Tennis bei den French Open

Titelverteidigerin scheitert an 17-Jähriger

Simona Halep verliert sensationell gegen eine Russin. Das deutsche Doppel Krawietz/Mies greift in Paris völlig überraschend nach dem Titel. Ein Riesenspiel von Steph Curry reicht den Warriors in den NBA-Finals nicht.   Meldungen im Überblick

Zverevs Enttäuschung drückte sich darin aus, dass er bereits nur wenige Minuten nach der Niederlage noch in seiner Tenniskleidung zur Pressekonferenz erschien. Er erschien zwar schlaff wie nach einem Marathonlauf, und Becker hatte auch gemutmaßt, Zverev habe in der ersten Turnierwoche zu viel Energie gelassen; zweimal hatte der Hamburger ja erst im fünften Satz gesiegt, gegen den Australier John Millman zum Auftakt und in Runde drei gegen den Serben Dusan Lajovic. Aber dem widersprach Zverev. "Ich fühle mich fit, ich hätte auch fünf Sätze spielen können. Das war nicht das Problem." Sondern: "Ich muss den ersten Satz gewinnen", fand auch er.

Er war hervorragend in die Partie gestartet, bei 4:4 hatte er es gar geschafft, Djokovic das Aufschlagspiel abzunehmen. Er schlug zum Satzgewinn auf. Doch mit einem Doppelfehler kassierte er das Re-Break. Ab diesem Moment fand Zverev kaum Wege, Djokovic zu gefährden, der wie eine Ballmaschine die Bälle verteilte und dem selbst gewagte Stopps glückten. Er gab zu: "Ich habe zurückgelegen und dann vier, fünf Spiele perfekt gespielt." Genau in diesen Augenblicken kippte das Duell zu Ungunsten Zverevs, der sich gefühlt haben muss, als sei er mit dem E-Scooter, mit dem er so gerne in Paris durch die Straßen geflitzt war, in einer Sackgasse gelandet: Weiterfahrt unmöglich.

Einen Güterzug bei voller Ladung und vollem Tempo kann man wohl leichter zum Stoppen bringen

Was es so schwer macht, diesem Djokovic, wenn der einmal seine Dominanzbalance gefunden hat, Gegenwehr zu leisten, beschrieb Zverev so: "Den Glauben an mich selber habe ich immer", sagte er. "Aber ich weiß, dass es sehr schwer ist, wenn er einmal führt. Solche Matches verliert er nicht. Das war nicht einfach heute." Einen Güterzug bei voller Ladung und vollem Tempo kann man wohl leichter zum Stoppen bringen. Djokovic trifft im Halbfinale an diesem Freitag, an dem es regnen und gar stürmen soll, auf Dominic Thiem; der Österreicher zeigte sich beim 6:2, 6:4, 6:2-Erfolg gegen den Russen Karen Chatschanow seinerseits in prächtiger Form und steht nun im vierten Jahr in Serie in der Runde der letzten Vier. Da im ersten Halbfinale, das aufgrund der schlechten Wetterprognose bereits um 12.50 Uhr beginnen soll, das Klassikermatch schlechthin ansteht zwischen Roger Federer (Schweiz) und Rafael Nadal (Spanien), lässt sich mit Fug und Recht konstatieren: Die vier weltbesten Sandplatzspieler dieser Veranstaltung haben sich tatsächlich im Männerturnier behauptet.

Positives konnte Zverev immerhin trotz der ersten Niedergeschlagenheit auch für sich entdecken. "Ich habe seit Geneva angefangen, gutes Tennis zu spielen", meinte er. In Genf hatte er kurzfristig eine Einladung des dortigen Turnierchefs Rainer Schüttler angenommen und seinen elften Titel auf der ATP Tour gewonnen. Allerdings hatte Zverev auch nicht im Ranking besonders hoch stehende Profis schlagen müssen, so dass Paris mehr Auskunft über seine Form geben musste. Grundsätzlich war er dann zufrieden und auch erleichtert damit, sich wieder wie 2018 eine Viertelfinalteilnahme erkämpft zu haben. "Wenn man einmal aber so weit gekommen ist, will man auch weiter kommen", sagte er. Nun wird er sich wohl wieder etwas gedulden müssen, um eine ähnlich verlockende Ausgangslage zu erreichen. Er glaubt, im Herbst bei den US Open in New York auf Hartplatz die beste Chance auf sein erstes Grand-Slam-Halbfinale zu haben. "Wir werden dann sehen", sagte er müde.

Nun wird er erst mal ein paar Tage frei machen, acht Wochen hat er durchgespielt. Er reist dann früh nach Halle und bereitet sich auf die Rasensaison und das dortige Turnier vor. "Ihr werdet großartige Halbfinals sehen", sagte Zverev noch zu den Reportern. Kurz lächelte er.

Tennis Von jedem Ballast befreit

Johanna Konta bei den French Open

Von jedem Ballast befreit

Das Frauenturnier von Roland Garros erlebt merkwürdige Tage. Im Halbfinale taucht plötzlich die Britin Johanna Konta auf, die in einen Strudel aus Niederlagen und Selbstzweifeln geraten war.   Von Gerald Kleffmann