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Sebastian Vettel und Ferrari:Ein zutiefst zerrüttetes Verhältnis

Motorsports: FIA Formula One World Championship, WM, Weltmeisterschaft 2020, Grand Prix of Great Britain Motorsports: FI; Sebastian Vettel, Ferrari

Sebastian Vettel und Ferrari verstehen sich nicht mehr.

(Foto: HOCH ZWEI/Pool/COLOMBO IMAGES)

Zwischen dem Deutschen und dem Rennstall herrscht im letzten Vertragsjahr wenig Harmonie. Vettel wird mit Racing Point in Verbindung gebracht - dort beeindruckt ausgerechnet ein anderer Deutscher.

Von Anna Dreher

Kommt noch eine Frage? Oder kommt keine mehr? Sebastian Vettel wartete nicht länger ab, er stand auf, bereit zu gehen. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Dieser Arbeitstag war für ihn gelaufen, es war einer zum Vergessen, mal wieder. Zum Abschluss des Großen Preises zum 70. Geburtstag der Formel 1 im englischen Silverstone hielt Ferrari wie jeder Rennstall nach jedem Rennen eine Fragerunde ab. Neben Vettel saßen Teamchef Mattia Binotto und Charles Leclerc, der das Wochenende für die Scuderia als Vierter noch zu einem guten Ergebnis geführt hatte und zufrieden war. Im Gegensatz zu Vettel. Ihm waren der Frust und die immense Enttäuschung deutlich anzumerken. Jene Beziehung, die vor fünf Jahren so verheißungsvoll begonnen hatte und Vettel und Ferrari zum ersehnten nächsten Weltmeistertitel führen sollte, ist zutiefst zerrüttet. Das Jubiläumswochenende hat keinesfalls zur Besserung beigetragen.

"Ich glaube, von da, wo ich bin, kann es nicht mehr viel schlimmer werden", sagte Vettel am frühen Sonntagabend. Platz sechs in Budapest markiert 2020 sein bestes Ergebnis. So schlecht lief es für Vettel seit seinem ersten kompletten Jahr bei Toro Rosso 2008 nicht mehr zum Saisonstart. Dass auch das Rennen in Silverstone seine Misere nicht lindern würde im Abschiedsjahr bei Ferrari, stand früh fest: In der ersten Kurve fuhr Vettel zu weit nach außen, drehte sich und war Letzter.

Bemerkenswert ist, wie sich die Position von Sebastian Vettel in der Formel 1 verschlechtert hat

Vettel und seine Dreher - in den vergangenen Jahren ist diese dem Erfolg hinderliche Einlage zu einem wiederkehrenden Bestandteil seiner Darbietungen auf den Formel-1-Strecken geworden. In dieser Saison ist es nach dem Auftakt in Österreich nun bereits der zweite Dreher gewesen - in erst fünf Rennen. Die italienische Zeitung Gazzetta dello Sport kommentierte "das Dreher-Festival geht weiter" und forderte, "es wird Zeit, eine neue Platte aufzulegen".

Vorne lieferte sich der spätere Sieger Max Verstappen im Red Bull mit einer mutigen und fehlerfreien Fahrweise ein spannendes Duell um die bessere Reifenbehandlung und ausgeklügeltere Strategie mit den schließlich zweit- und drittplatzierten Mercedes von Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas. Hamilton führt mit 107 Punkten weiter die WM-Wertung an, vor Verstappen (77) und Bottas (73). Währenddessen mühte sich Vettel damit ab, nach vorne zu kommen. Nach etwa der Hälfte von 52 Runden kam ein Fehler seines Teams hinzu, zumindest aus Sicht des 33-Jährigen. Er war Neunter und hatte freie Fahrt, als er zum Reifenwechsel beordert wurde - Vettel war fest davon überzeugt, dass dieser Boxenstopp unnötig früh kam. Danach hing er im Mittelfeld fest und funkte zornig an sein Team: "Ich werde hier weitermachen. Aber ihr wisst, dass ihr es vermasselt habt." Später sagte er: "Die Strategie war für den Eimer, wir hatten keinen Mut. Von da an war alles ein bisschen Quark." Kritik, die sein Chef Binotto nicht auf sich sitzen lassen wollte: "Sebastians Dreher hat sein Rennen stärker beeinträchtigt als die Reifenstrategie." Dass Leclerc erneut besser mit dem SF1000 umzugehen wusste, dürfte für Binotto zusätzliche Bestätigung sein, dass nicht die Strategie der Grund für Vettels zwölften Platz am Sonntag war.

Nein, harmonisch geht es bei Ferrari derzeit nicht zu. Dass die Trennung zwischen Vettel und der Scuderia nicht in beiderseitigem Einvernehmen vollzogen wurde, macht die Sache nicht leichter. Es ist bemerkenswert, wie sich die Position Vettels verschlechtert hat, immerhin ist er einer der erfolgreichsten Fahrer. Noch zum Start der Saison 2018 hatten sowohl er als auch Hamilton viermal die WM gewonnen und Ferrari und Mercedes konkurrenzfähige Boliden entworfen. Es sah nach einem engen Kampf aus um einen Platz weit oben in der Historie. Doch inzwischen sind Mercedes und Hamilton weit enteilt; der Brite könnte in diesem Jahr mit seinem siebten Titelgewinn die einst als unerreichbar geltende Bestmarke von Michael Schumacher egalisieren. Vettels Traum, seinem Idol mit einem Titel bei Ferrari zu folgen, wird ein unerfüllter Wunsch bleiben. Ab 2021 trägt er den roten Overall ja nicht mehr.

F1 70th Anniversary Grand Prix

Wird er 2021 wieder Stammfahrer? Nico Hülkenberg startete bei seinem Formel-1-Comeback für Racing Point in Silverstone von Platz drei als bester Nicht-Mercedes-Fahrer – und wurde schließlich Siebter.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Und so ist diese für ihn bislang frustrierende Saison nur noch eine Bewerbungsfahrt. Vettel möchte in der Formel 1 bleiben, sofern er ein Cockpit bei einem konkurrenzfähigen Team bekommt. Die Optionen schwinden. Als wahrscheinlich gilt ein Wechsel zu Racing Point. Der Rennstall ist schnell, steht jedoch wegen Plagiatsvorwürfen stark in der Kritik. Mit Teamchef Otmar Szafnauer wurde Vettel in Silverstone bei einer gemeinsamen Autofahrt gesichtet, was die Spekulationen befeuerte. Doch bei dem künftigen Aston-Martin-Werksteam hat sich nun der 2019 von Renault unfreiwillig in den Ruhestand geschickte Nico Hülkenberg mit einer erstaunlichen Leistung zurückgemeldet.

Hülkenberg, 32, war spontan für den positiv auf das Coronavirus getesteten Sergio Perez eingesprungen. Er fuhr in einem ihm unbekannten Wagen auf einer körperlich herausfordernden Strecke. Startplatz drei brachte ihm viel Lob und weckte seine Hoffnung auf das erste Podium im 178. Anlauf. Nach einem verschlafenen Start aufgrund der Pause von 252 Tagen und einem Not-Boxenstopp wurde er Siebter. Der eindrucksvolle Gesamteindruck aber blieb: Hülkenberg dürfte sich in Erinnerung gerufen haben bei jenen Teams, die noch freie Cockpits haben. Kommt er zurück? "Er ist ein sehr starker Fahrer, der in der Formel 1 sein sollte", schrieb der Formel-1-Sportchef Ross Brawn in seiner Kolumne.

Womöglich kann Hülkenberg erneut ein Bewerbungsschreiben hinterlassen, auch wenn Szafnauer einen weiteren Einsatz von ihm für unwahrscheinlich hält, da Perez wieder gesund sein dürfte. Nach Barcelona wird Hülkenberg trotzdem reisen und dann, sagte er, "warten wir auf frohe Kunde - oder das Ende". Ein Satz, der auch auf Sebastian Vettel zutrifft.

© SZ vom 11.08.2020/tbr

Formel 1 in Silverstone
:"Ihr wisst, dass ihr es vermasselt habt"

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Von Anna Dreher

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