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Sieben Kurven in der Formel 1:Ein ernsthafter Rivale für Mercedes

Red-Bull-Pilot Verstappen siegt in Silverstone mit einer Risiko-Taktik und foppt seine Crew. Die Reifen sorgen für Spannung. Zwischen Vettel und Ferrari kriselt es weiter. Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer

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Die Reifen

F1 70th Anniversary Grand Prix

Quelle: Getty Images

Ach, wie war das in den sieben Jahrzehnten vor dem Jubiläums-Grand-Prix doch einfach. Auf die Frage nach den besten Reifen antwortete Michael Schumacher gern: "Ich nehme auf jeden Fall die runden Schwarzen." Grundsätzlich ist das immer noch so. Aber dann bringt Pirelli plötzlich weichere Gummis nach Silverstone und alles ist komplett anders als in der Woche zuvor. Keine Plattfüße mehr, dafür mixen die neuen Mischungen alles durch. Volle Absicht ist das - die verschiedenen Reifen mit völlig unterschiedlicher Haltbarkeit werden im Reglement verlangt, damit die Spannung steigt. Hat gut geklappt. In der blanken Theorie sind die Roten, Gelben oder Weißen schön ausrechenbar, bei 43 Grad Asphalttemperatur und viel Verkehr auf einer fordernden Piste kommt dann alles anders. Und zwar von Auto zu Auto. Das ist keine Klage, sondern ein Glückwunsch, über das überraschende Ende der Mercedes-Siegesserie hinaus: So muss keiner auf Dauer schwarz sehen.

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Max Verstappen

F1 70th Anniversary Grand Prix

Quelle: Getty Images

Adrian Newey, der brillante Konstrukteur, und Christian Horner, der ausgebuffte Manager, gelten als die kühlen Strategen bei Red Bull. Die beiden Herren am Kommandostand sind allerdings nicht ganz so cool wie ihre Entdeckung Max Verstappen. Newey traktierte seinen Kugelschreiber in den letzten Runden, als der Triumph über Mercedes so nah war, Horner wippte mit seinen Füßen, als mache er einen Turnschuh-Dauertest. Völlig unbeeindruckt und virtuos reifenschonend hingegen fuhr Max Verstappen seine Mission zu einem triumphalen Ende. Die Einwände der Entscheider, seine Reifen nicht überzustrapazieren, hatte der Niederländer früh weggewischt: "Ich will doch nicht wie eine Oma hinterherfahren..."

Erwartet hatte er selbst nicht, wie glatt (im Wortsinn) alles laufen würde bei der Risiko-Taktik. Am Ende foppte der 22-Jährige noch seine Boxencrew: "Wenn Ihr schweißnasse Hände bekommen habt, dann vergesst nicht, sie später schön zu desinfizieren..." Ins Schwitzen gebracht hat er vor allem die Mercedes-Strategen. Die haben plötzlich einen ernsthaften Titelrivalen erkannt, besonders bei Hitzerennen.

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Nico Hülkenberg

70th Anniversary Grand Prix

Quelle: Pool via REUTERS

Es hat nichts genutzt, dass die Frage an Nico Hülkenberg nach der Chance auf den ersten Podiumsplatz seiner Karriere vor dem Jubiläums-Grand-Prix der Formel 1 verboten war. Vom dritten Startplatz aus blieb nach 52 Rennrunden ein siebter Rang im umstrittenen Racing-Point-Mercedes. Trotzdem war es ein Sensations-Comeback für den Emmericher. Die Branche zeigt sich durchweg begeistert, dass er wieder zur Familie gestoßen ist.

Am Start machte sich die fehlende Routine des Aushilfs-Fahrers bemerkbar, er kam nicht richtig gut weg, musste gleich seinen Kumpel Verstappen ziehen lassen. Doch auch das 178. Rennen ohne Podiumsplatz konnte dem bald 33-Jährigen die Laune nicht verhageln, genau so wenig wie ein Sicherheits-Boxenstopp kurz vor Schluss, der ihn den fünften Platz kostete: "Platz sieben ist kein schlechtes Resultat, vor allem, wenn man neun Monate nicht mehr gefahren ist. Ich glaube, ich habe an diesem Wochenende insgesamt eine solide Leistung gezeigt." Kann man so sagen. Sicherheitshalber bereitet er sich schon wieder auf das Rennen am kommenden Wochenende in Barcelona vor, wo er vielleicht noch ein weiteres Mal Sergio Perez ersetzen könnte.

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Valtteri Bottas

F1 70th Anniversary Grand Prix

Quelle: Getty Images

Der beste Bottas aller Zeiten, das hätte schon stimmen können. Wäre da nicht der Ausfall letzte Woche gewesen und diesmal der Rückschritt von der Pole-Position auf Rang drei gewesen. Seine Kritik an den Strategen ("Wir haben geschlafen") kam auch nicht gut an. Trotzdem hat der Finne eine mental durchaus befriedigende Woche hinter sich. Mercedes hat seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. Gewiss, das ist keine so große Überraschung, aber trotzdem ist da die Genugtuung, einen Kandidaten wie den vierfachen Weltmeister Sebastian Vettel ausgestochen zu haben. "Natürlich ist es schön zu wissen, was ich nächstes Jahr machen werde", sagte Bottas.

Kollege Hamilton freut sich auch, spricht vom "positiven Einfluss", den sein 30-jähriger Co-Pilot seit fünf Jahren auf die ganze Mannschaft habe: "Er ist vertrauenswürdig." Soll heißen: Schnell genug, um den Konstrukteurstitel zu sichern, aber dauerhaft nicht zu schnell, um dem Champ gefährlich zu werden. Bottas will das so aber nicht akzeptieren: "Seit ich mich als Kind in die Formel 1 verliebt habe, war es mein Traum, eines Tages Weltmeister zu werden."

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Sebastian Vettel

Formel 1 Jubiläums-Grand-Prix

Quelle: dpa

Die Reifen besiegelten auch das Schicksal von Sebastian Vettel. Na gut, das war es nach dem Motorschaden am Freitag und dem in der Qualifikation einmal mehr für ihn schwer beherrschbaren Auto vielleicht auch schon vorher. Dass Teamkollege Charles Leclerc unauffällig Vierter wurde, machte den zwölften Platz noch schlimmer. Gleich in der ersten Runde hatte sich Vettels Auto gedreht. Klar ist: Mit diesem Chassis wird er nie mehr glücklich, da kann Ferrari noch so oft den Rückhalt versprechen. Mit der Taktik hadert Vettel auch. Als er nach einem Reifenwechsel gegen seinen Willen mitten im dichten Verkehr stecken blieb, funkte er erbost an Teamchef Mattia Binotto: "Ihr habt es versaut. Jetzt ist genau das passiert, was wir ausdrücklich verhindern wollten."

Der vierfache Weltmeister ist chancenlos - und mehr und mehr auch ratlos. Stumm ertrug er das schwache Lob seines Renningenieurs, als wolle er Ferrari totschweigen. Später sagte er hinter einer verspiegelten Sonnenbrille: "Die Strategie war für den Eimer, wir hatten keinen Mut. Von da an war alles ein bisschen Quark." Ferrari-Teamchef Mattia Binotto gab den Ärger nonchalant zurück: "Sebastians Dreher hat sein Rennen stärker beeinträchtigt als die Reifenstrategie..." Die Beziehungskrise dauert an.

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Der Zoff

Photo4 / LaPresse 27/04/2019 Baku, Azerbaijan Grand Prix Formula One Azerbaijan 2019 In the pic: Lawrence Stroll (CAN); Lawrence Stroll

Quelle: imago

Gift-Gipfel, das ist keine besonders nette Umschreibung der Deutschen Presse-Agentur für den Jubiläums-Grand-Prix gewesen - aber eine sehr treffende. Die Lockdown-Solidarität ist längst dem üblichen Hick-Hack um Geld und Macht gewichen. Die Plagiatsaffäre um den Racing-Point-Mercedes, der eine pinkfarbene Kopie der Silberpfeile vom Vorjahr sein könnte, führt zu einer Protestwelle und zu Rechtsstreitigkeiten, deren Ende nicht absehbar scheint.

Das Urteil wegen der abgeguckten Bremsschächte (400.000 Euro Strafe und Abzug von 15 WM-Punkten) ist fünf Teams zu wenig. Sie haben Einspruch eingelegt - Racing Point auch, obwohl die Teile weiter eingesetzt werden dürfen. Teambesitzer Lawrence Stroll (l., Archivfoto) tobte: "Ich habe nie bei irgendwas in meinem Leben betrogen!" Ferrari sprach indes nur von der "Spitze eines Eisbergs". Was wiederum Mercedes-Boss Toto Wolff (Mitte, neben Bernie Ecclestone) erzürnte, der sich von den Italienern in den Verhandlungen über einen neuen Formel-1-Grundlagenvertrag finanziell über den Tisch gezogen fühlt. Ein echtes Familienfest...

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Lewis Hamilton

***BESTPIX*** F1 70th Anniversary Grand Prix

Quelle: Getty Images

Und wieder eine Marke, die ihn den Leistungen von Michael Schumacher näher bringt. Der zweite Platz im Jubiläums-Rennen ließ Lewis Hamilton zum 155. Mal nach einem Formel-1-Rennen das Podium besteigen. Rekord egalisiert. Es ist keine Frage der Zeit, dass er bald alleiniger Rekordhalter sein wird. Gerade ist ihm aber die WM-Führung mit komfortablen 30 Punkten Vorsprung auf Verstappen wichtiger - und sein Kampf gegen Rassismus.

In Silverstone bekräftigte Hamilton sein Anliegen noch einmal: "In Zeiten wie diesen um den WM-Titel zu kämpfen, das bestärkt mich. Es verleiht der Meisterschaft eine neue Bedeutung und gibt mir selbst neue Energie. Ich spüre, dass es ein Teil meiner Aufgabe ist, den Wandel voranzutreiben und zu unterstützen. Die Erfolge geben mir die Plattform, um über Dinge zu sprechen, die ich sonst nicht möglich wären. Das ist es, was mich im Moment antreibt. Wer hätte gedacht, dass sich alles ändern kann?" Für eine Vertragsverlängerung habe er im Moment keine Zeit, aber er könne sich generell schon vorstellen, noch drei Jahre in der Formel 1 weiterzumachen. Es winken schönen Rekorde.

© SZ.de/chge

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