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Fifa und Gianni Infantino:Schweige-Geld

Fussball International 29 02 2016 FIFA Praesident Gianni Infantino Schweiz am Ball erster Tag im

Die beiden haben sich mehr geschenkt als nur Brot: Fifa-Präsident Gianni Infantino (rechts) und Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold.

(Foto: Ulmer/imago)
  • Am 5. Juni wählt die Fifa in Paris ihren Präsidenten.
  • Amtsinhaber Gianni Infantino steht davor mächtig unter Druck. Die Schweiz wird von einer Affäre um den Chefermittler ihrer Justiz in Atem gehalten, der sich in aller Stille mit Infantino traf.
  • Würde die Fifa ihre Regeln ernst nehmen, müsste sie gegen ihren Präsidenten ermitteln. Doch der hat die richtigen Leute um sich geschart.

Es gibt viele Tabus im Fußball-Weltverband. Wenn zum Beispiel hauseigene Prüfer mal einen tiefen Blick in die Bücher der millionenschweren Entwicklungshilfeprogramme werfen wollen, die die Fifa weltweit unterhält: Dann sind diese Bücher offenbar tabu! Kontrolle unmöglich? Jedenfalls verlässt eine frustrierte Audit-Expertin die Fifa nach SZ-Informationen auch deshalb zum Monatsende. Der hauptamtliche Compliance-Chef Ed Hanover soll ebenfalls bald den Schreibtisch räumen. Eine diesbezügliche Anfrage dementiert er nicht, stattdessen verweist er an die Fifa. Aber die schafft es binnen eines Tages nicht, Fragen zum neuen Exodus zu beantworten: Danke für Ihre Geduld.

Und dann ist da, kurz vor der Wiederwahl von Präsident Gianni Infantino, 49, am 5. Juni beim Kongress in Paris, noch das größte Tabu von allen: der Fifa- Verhaltenskodex. 31 Seiten umfassen die selbstgegebenen Regeln für Funktionäre. Würden sie angewandt, hätte das üble Konsequenzen - für den Präsidenten. Aber zum Glück für Infantino wachen über die Regeln inzwischen Leute, die er und sein Stab sorgfältig ausgesucht haben. Externe, nun ja: Experten, die Spitzensaläre kassieren - und nichts von Bedeutung tun. Der aktuelle Fall, der einen konkreten Untreueverdacht gegen Infantino begründet, liegt seit Mitte April offen da. Nichts ist bisher passiert.

Infantino leiht den Privatjet des Emirs von Katar

Seit April wird die Schweiz von einer Affäre um den Chefermittler ihrer Justiz in Atem gehalten: Bundesanwalt Michael Lauber, dessen Behörde eigentlich den Korruptionssumpf rund um die Fifa aufklären soll, traf sich gern in aller Stille mit Infantino. Im März und April 2016 - und erneut im Juni 2017. An letzteres Treffen kann sich erstaunlicherweise kein Beteiligter mehr erinnern. Der Grund der Rendezvous? Infantino hatte den unstillbaren Wunsch, dem Chef der Bundesanwaltschaft (BA) "die Kooperationsbereitschaft der Fifa in den diversen Strafverfahren persönlich mitzuteilen". Kein Witz - so steht es in einem Justizpapier. Der Drang, die Arbeit der BA zu erleichtern, muss so ausgeprägt gewesen sein, dass Infantino sogar einen Privatjet des Emirs von Katar samt Bordpersonal auslieh, um es ja rechtzeitig zum zweiten Treff mit Lauber in Zürich zu schaffen.

Und Lauber? Der war, wann immer Infantino die Fürsorge für die BA übermannte, gesprächsbereit. Ordnungsgemäß protokolliert wurde von alledem nichts.

Eingefädelt - und jetzt geht diese Geschichte in die nicht nur für den Fifa-Präsidenten tückischen Details -, eingefädelt wurden die Treffen von einem Schulfreund Infantinos: Rinaldo Arnold. Der ist Oberstaatsanwalt im Wallis. Und ganz zufällig erreichten Arnold parallel zu seinen Vermittlerdiensten Geschenke Infantinos: Einladungen, Karten fürs Champions-League-Finale, Super-VIP-Tickets für die WM 2018 in Russland. Es erblühte ein flottes Geben und Nehmen, stets auf Verbandskosten - das ist alter Fußballstil.

Aber Infantino hat nun ein Problem: All die Geschenke an den Kumpel sollen privat gewesen sein. Total privat! Das versicherte der Fifa-Boss jedenfalls einem Sonderermittler, der Arnolds Wirken im Auftrag der Walliser Justiz untersuchte. Auf mögliche Korruptionsaspekte hin: Der Kanton Wallis wollte wissen, warum der Staatsbedienstete Arnold dem Fifa-Patron so viel Gutes tat und zugleich so viel Gutes zurückbekam - neben den Einladungen war auch ein mit 75 000 Franken pro Jahr dotierter Nebenjob in Vorbereitung, bevor die Sache aufflog.

Der Sonderermittler stellte die Causa ein. Zwar rügte er, Arnold seien "erhebliche, sozial unübliche Vorteile" von Infantino gewährt worden - aber unter Korruptionsaspekten sei das letztlich egal, die zwei hätten ja nie beruflich miteinander verkehrt. Alles auf Amigo-Ebene: "Reine Privatvorteile und -geschenke", hielt der Sonderermittler in seiner Einstellungsverfügung vom 10. April 2019 fest. Arnolds Mittlerdienste zum Berner Chefankläger seien "eine private Gefälligkeit für einen Bekannten" gewesen, und die "von Infantino gewährten Vorteile an Arnold" seien als "Privatperson" erfolgt.

Was für den Kantonsjuristen Arnold eine Entlastung darstellt, bringt die prominente Tafelrunde erst recht in Erklärungsnot. Lauber muss jetzt nicht nur erklären, warum er die Treffen nie protokollierte und warum er das letzte, 2017, nach eigener Darstellung - kollektiv mit allen anderen Teilnehmern - vergaß. Heikel wird es, wenn Lauber darlegen muss, warum es kein Amtsgeheimnisverrat war, dass ein Privatmann namens Arnold am Tisch saß, als er mit Infantino Verfahrensfragen besprach. Gegen Lauber wird nun im Auftrag der BA-Aufsicht ermittelt; seine Position erscheint erschüttert, die Neuwahl des Bundesanwalts wurde verschoben.

Alles privat! Keine beruflichen Bezüge! Keine Bestechung des Kantonsjuristen, damit dieser ihm Zugang zum Chefermittler verschafft! Mit dieser Einschätzung ist Infantinos Geschenkorgie aus Walliser Sicht erledigt. Aus der Sicht anderer Beteiligter wird sie gerade dadurch zum Problem.

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