bedeckt München 26°

Formel 1:Sätze, scharf wie ein Dolch

Ferrari: Charles Leclerc und Sebastian Vettel 2019 in Monza

Ferrari-Piloten Charles Leclerc (links) und Sebastian Vettel.

(Foto: AFP)
  • Sebastian Vettel muss erstmals in der Formel 1 fürchten, nur noch die Nummer zwei in seinem Team zu sein.
  • Sein Teamkollege Leclerc wird für seinen Heimsieg in Monza gefeiert - Vettel ist niedergeschlagen.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen der Formel 1.

Im Hintergrund, sozusagen im toten Winkel von Sebastian Vettel, der vorne auf einem Stuhl sitzt, wippt nun auch noch der Pokal ins Bild. Eine Mitarbeiterin der Scuderia Ferrari hält ihn eng umklammert - weil er so schwer ist, oder weil sie ihn so gern hat, wahrscheinlich aus beiden Gründen. Sebastian Vettel mag Pokale, das hat er mehrmals erzählt. Er schätzt sie in all ihren Größen und Formen, 52 Exemplare hat er allein in der Formel 1 gesammelt, sie sind ihm nicht egal wie vielen anderen Sportlern. Und der Pokal, der beim Gran Premio d'Italia verteilt wird, sieht beeindruckend aus. Er ist seiner Bedeutung für die Italiener angemessen wuchtig und ähnelt dem Turm, in dem sich der böse Zauberer Saruman in Tolkiens Herr der Ringe allerlei Gemeinheiten ausdenkt.

Die Frau mit dem Pokal wackelt unschlüssig von einem Bein auf das andere, sie guckt zu Ferrari-Chef Mattia Binotto, ihre Augen fragen: Soll ich ihn reintragen? Sie soll ihn nicht reintragen. Der Pokal ist fantastisch, genau wie das soeben beendete Rennen in Monza, das steht außer Frage. Aber der Pokal ist der von Charles Leclerc. Er ist der Pokal des gesamten Teams, vom Mechaniker über den Koch, über den Ingenieur bis zum Teamchef. Aber er ist nicht der Pokal von Sebastian Vettel.

Formel 1 Leclerc erfüllt sich Vettels Traum
Ferrari-Sieg in Monza

Leclerc erfüllt sich Vettels Traum

Der 21-jährige Formel-1-Pilot gewinnt das Heimrennen in Italien, zuletzt gelang dies 2010. Sebastian Vettel macht währenddessen schwere Fehler - und wird dennoch vom Teamchef in Schutz genommen.   Von Philipp Schneider

Leclerc ist in diesem Moment noch nicht einmal eingetroffen im Motorhome von Ferrari, er hat den wohl schönsten Tag seiner Karriere erst feiern müssen mit den tausenden Tifosi, die sich im roten Konfettiregen auf den ersten Rennsieger in einem roten Wagen in Monza seit 2010 gestürzt haben wie ein Wanderer auf ein Glas Wasser nach Durchquerung der Sahara. Nur Vettel sitzt schon da. Nach seinem 13. Platz in einem Rennen, in dem ihm ohne Not ein Fehler in der Ascari-Kurve unterlaufen war, was ja passieren kann. Danach war er allerdings wie ein blinder Rennfahrer auf die Strecke zurückgekehrt und hatte den Wagen von Lance Stroll touchiert, was einem viermaligen Weltmeister nicht passieren sollte. Dafür erhielt er die Strafe, zehn Sekunden in der Box zu parken.

Vettel war noch nie die Nummer zwei in einem Team

Um den Rennsieg fuhr er nicht mehr. Stattdessen wurde Vettel überrundet, genau wie Pierre Gasly im Toro Rosso und George Russell im Williams. Seine Sicht auf den Verkehr sei in dem Winkel, in dem sein Auto neben der Strecke parkte, verstellt gewesen von der Cockpitverkleidung, erklärt Vettel nun. Er trägt eine ferrarirote Jacke mit einem hoch aufgestellten Kragen, in den er seinen Kopf nicht so weit einziehen kann, dass ihn die Journalisten gar nicht mehr sehen könnten. Er sagt: "Es war ein guter Tag für das Team. Aber ein schlechter für mich."

Sieben Tage zuvor hatte Leclerc den Grand Prix in Spa-Francorchamps gewonnen, das erste Formel-1-Rennen seiner Karriere. Auch, weil ihm Vettel geholfen hatte, indem er Lewis Hamilton ein paar entscheidende Runden gebremst hatte. Als Puffer, als Wasserträger, als Gehilfe seines elf Jahre jüngeren Teamkollegen. In Monza war es anders. Diesmal hatte Leclerc gewonnen, obwohl ihm Vettel überhaupt nicht hatte helfen können. Und Leclerc spricht diesen Umstand am Sonntag auch noch aus. Er sagt: "Ich musste alleine gegen zwei Gegner kämpfen. Sie konnten die Strategie splitten und haben mich die ganze Zeit unter Druck gesetzt." Ein Satz so scharf wie ein Dolch. Gezielt auf Vettel und die Hierarchie im Herzen der Scuderia.

Vor dem ersten Rennen in Melbourne hatte Teamchef Binotto angedeutet, dass Vettel in Rennsituationen, in denen beide Fahrer Chancen haben, bevorzugt werden könnte. Danach war Binotto viel zu schlau, um die Fragen nach einer teaminternen Hackordnung mit Bestimmtheit zu beantworten. Mit Leichtigkeit ist er ihnen stets ausgewichen und am Sonntag erneuerte er sein Versprechen, dass beide Fahrer auf Augenhöhe um die Rennsiege fahren. Aber für Vettel ist das Datum, an dem Leclerc in Monza den Pokal überreicht bekam, ein entscheidender Tag in seiner Karriere. Seit er sich 2008 in einen Toro Rosso setzte, war er nie die Nummer 2 im Team. Im für ihn besten Fall ist er dies bei Ferrari noch immer nicht. Aber eine Nummer 1 ist er auch nicht mehr, sofern er es denn je war.

Vettel fuhr einst neben Sébastien Bourdais, dann bei Red Bull mit Mark Webber und später mit Daniel Ricciardo, der sich erst in Vettels letztem Jahr im Team mit ihm duellieren durfte. Bei Ferrari stellten sie ihm Kimi Räikkönen zur Seite, einen Stoiker, der seit Jahren wirkt, als habe er schon alles erreicht. Dann kam Leclerc.