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FC Bayern:Thiago hat Hände an den Füßen

Großartiger Künstler: Bayerns Mittelfeldspieler Thiago Alcántara.

(Foto: AFP)
  • Thiago Alcántara entwickelt sich beim FC Bayern gerade zum spielprägenden Profi.
  • Der 25-Jährige soll deshalb seinen Vertrag vorzeitig bis 2021 verlängern - sehr zum Verdruss seines früheren Klubs FC Barcelona, der ihn gerne zurückhaben möchte.
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Von Javier Cáceres und Christof Kneer

An diesen beiden Tagen im Februar ging es dem FC Barcelona nicht besonders gut. Das 0:4 bei Paris St. Germain hatte bereits erste Krankheitssymptome ausgelöst, aber am nächsten Abend brach die Krankheit richtig aus. Am nächsten Abend spielte Thiago Alcántara das richtige Spiel im falschen Trikot, er spielte Barça in Reinkultur, aber er trug dabei die Farben des FC Bayern. Mit 5:1 schlug der in München beheimatete falsche FCB den FC Arsenal, während der aus Barcelona stammende richtige FCB in Paris vorgeführt wurde. Und von allen Barcelona-Spielern, die an diesem Abend untergingen, ging besonders der arme André Gomes unter, ein junger Portugiese, der ja auch nichts dafür konnte, dass er auf einer Position spielte, auf der eigentlich Thiago spielen sollte.

Zwar hat der FC Barcelona am Ende noch die nächste Runde erreicht, dennoch bereite es den Katalanen "bis heute körperliche Schmerzen", dass man den katalanischsten aller Spieler an Bayern verloren habe, sagen sie in München ohne jede Schadenfreude. In Barcelona haben sie gar nicht so viel falsch gemacht im Sommer 2013, sie wussten ja, dass dieser junge Mann alle Anlagen in sich trug, um einmal die Stil- und Epoche prägenden Xavi & Iniesta zu ersetzen. Aber noch waren sie ja da, die beiden, und an ihrer Seite spielte Sergio Busquets in seiner damaligen Form - wen um des Tiki-taka-Gottes Willen hätte der Trainer da draußen lassen sollen? Natürlich keinen - und so bekam Thiago, der vom Tiki-taka-Gott auserwählte Stellvertreter auf Erden, eine Klausel in seinen Vertrag geschrieben, die es ihm erlaubte, für 25 Millionen Euro den Klub zu verlassen, falls er nicht auf eine bestimmte Zahl von Einsätzen komme. Auf die bestimmte Zahl von Einsätzen kam er nicht.

Und dann kam Pep Guardiola und sagte in München diesen Satz. Er sagte: "Thiago oder nix", und der FC Bayern zahlte sie mal eben, diese lächerlichen 25 Millionen.

Am Dienstag haben die Bayern eines der anspruchsvolleren Spiele der letzten Zeit bestritten, beim Tabellendritten Hoffenheim, doch Thiago Alcántara, 25, blieb zu Hause. Spieler haben ein gutes Gespür für die Bedeutung von Spielen, sie mögen es gar nicht, wenn sie bei den anspruchsvollen Spielen draußen bleiben müssen. In diesem Fall mochte Thiago das aber sehr. Er habe die Pause in Hoffenheim "als Ritterschlag" empfunden, erzählt ein Vertrauter aus Spanien, denn was Trainer Ancelotti ihm gesagt hatte, war dies: Ja, ja, Hoffenheim sei schon ein wichtiges Spiel.

Aber er brauche ihn, Thiago, für die wirklich wichtigen Spiele, vor allem für die Champions League, für Real Madrid.

In Madrid übrigens spielt die umgekehrte Thiago-Geschichte, dort haben sie das Mittelfeld dem Spieler Toni Kroos anvertraut, der eigentlich so sehr in München sein müsste, wie Thiago in Barcelona sein sollte. Kroos hatte nicht mal eine Klausel damals, die Bayern haben ihn nahezu kampflos aus der Stadt gelassen, für tendenziell ebenfalls lächerliche 30 Millionen. Es war eine der beeindruckenderen Fehlentscheidungen in der jüngeren Geschichte des FC Bayern, und vielleicht ist das im Moment Thiagos größte Leistung: dass da keiner mehr groß drüber spricht.

Mei, warum auch, im zentralen Mittelfeld spielt jetzt halt Thiago.

Ein wenig grotesk ist es schon, dass Thiago gerade dabei ist, sich zum spielprägenden Profi der Bayern zu entwickeln - ausgerechnet jetzt, da sein Thiago-oder-nix-Pep die Stadt verlassen hat. Ein Teil der Erklärung ist banal, Guardiola hatte ja nur selten jenen Thiago zur Verfügung, den er so hemmungslos begehrte, dreimal riss das Innenband im rechten Knie. Und nebenbei geriet der Spieler mitten hinein in den wilden innenpolitischen Ärztestreit: Guardiola schickte Thiago zu seinem spanischen Vertrauensarzt Ramon Cugat nach Barcelona, was die Bayern-Bosse nur unter Protest tolerierten.

Ob es an Cugats umstrittenen Methoden lag, dass Thiagos Knie anfällig blieb, das dürften Pep und die Bayern bis heute unterschiedlich sehen - gewiss ist nur, dass Thiago nie in jenen Produktionsrhythmus fand, den ein Künstler braucht.

"Seine beste Zeit als Profi"

Wer heute in Thiagos Umfeld herumfragt, stößt aber auch noch auf eine andere Antwort. Dass Thiago gerade "seine beste Zeit als Profi" erlebe, sagt der Vertraute von vorhin, hänge auch damit zusammen, dass er sich von der gemeinsamen Biografie mit Guardiola emanzipiert habe. Der Thiago-oder-nix-Satz habe den Einstand des Spielers in München eher belastet, er habe großen Druck verspürt und misstrauische Blicke eingefangen. Auch wenn das Verhältnis zu Guardiola weiter als sehr gut gilt - Thiago litt anfangs darunter, dass der Coach ihm mehr abzuverlangen schien als anderen, wie einem Sohn, von dem man das Gefühl hat, er sei der einzige, der einen versteht. Und es gab Entscheidungen, die den Sohn schwer trafen, etwa die Reservistenrollen bei einigen großen Spielen unter Guardiola, im Champions-League-Viertelfinale der vorigen Saison gegen Juventus oder gegen Atlético Madrid, als er im Rückspiel ebenfalls draußen saß.

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