FC Bayern:Keiner spielte in Lissabon mehr Pässe als Thiago

So oder so: Die Investition hat sich gelohnt. Nicht nur, aber auch wegen des Finals vom Sonntag. Keiner spielte in Lissabon mehr Pässe als Thiago. Nur seine Bayern-Kollegen David Alaba und Niklas Süle wiesen mit 92 Prozent eine bessere Passquote auf - um einen winzigen Prozentpunkt. Dafür hatte Thiago andere Bestwerte: Er schuf zwei Torchancen. Und er war der Feldspieler mit den meisten Balleroberungen, sieben an der Zahl.

Was daran erinnert, welches Erbe, welches Talent Thiago in sich trägt, und wie verkürzt seine klischeehafte Verortung im Kreise der Künstler ist. Sein Vater, Mazinho, wurde 1994 in den USA nicht nur mit Brasilien Weltmeister, sondern erschuf auch den Prototyp des uneitlen, arbeitenden defensiven Mittelfeldspielers. In Lissabon ging Thiago, der die spanische Staatsbürgerschaft hat und auch von Luis Enrique für das Länderspiel in Stuttgart am 3. September gegen Deutschland berufen wurde, schweißüberströmt und ausgepumpt vom Platz; man hatte gesehen, dass er Fleisch vom Fleische Mazinhos ist. Er war unter den fünf Spielern mit der höchsten Laufleistung. Er war erschöpft, das ja. Aber eben nicht nur. "Ich bin gerade der glücklichste Mensch der Welt", sagte Thiago. Nach einem Triple und insgesamt sieben Meistertiteln, vier DFB-Pokalsiegen, einem europäischen und drei deutschen Supercups und eben einem Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern.

Vor ein paar Wochen noch hatte Trainer Hansi Flick die Hoffnung, dass Thiago in München bleiben würde. Flick ist keiner der vielen neuen Thiago-Konvertiten, er hält ihn schon lange für überragend. Flick brauchte sich für dieses Urteil nicht den Pass vor Augen zu führen, mit dem Thiago in der 59. Minute in Lissabon Joshua Kimmich bediente - ein Pass wie ein Schachzug: Denn er ahnte die Flanke schon voraus, die Kimmich nach einer Kombination mit Gnabry und Müller auf den Kopf des Torschützen Kingsley Coman schlagen würde. Und Flick musste auch nicht die nun eilig im Internet zusammengestellten Filmchen sehen, die vor atemraubenden Bildern strotzen, in denen sich Thiago um Gegner windet und mit purem Talent Freiräume schafft. Und die mehr nach Tango aussehen als nach Samba.

Thiago selbst hatte in einem Interview gesagt, dass der FC Bayern München einer dieser Klubs ist, bei denen man auch gut seine Karriere beenden könnte. Ein paar Monate ist es her, und die Nacht von Lissabon hat ihn in diesem Gedanken bestärkt. Doch das Bild, das Thiago vom FC Bayern hat, ist grundsätzlicher Natur, und es erzählt von Anerkennung und Dankbarkeit. Auf nahezu jedem Video aus der Nacht im isolierten Mannschaftshotel, das über die Vertriebskanäle des FC Bayern an die Öffentlichkeit kam, sah man Thiago an vorderster Front feiern, und es waren Bilder der felicidade, der Glückseligkeit, wie sie Caetano Veloso und Chico Buarque auch schon besungen haben. Doch alles deutet darauf hin, dass sein 235. Pflichtspiel für den FC Bayern sein letztes gewesen ist.

© SZ vom 26.08.2020/ebc
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