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Manuel Neuer:In der Form von 2014

Manuel Neuer hält im Champions-League-Finale 2020 gegen Neymar

Zweite Rettungstat binnen Sekunden: Manuel Neuer gegen Neymar.

(Foto: Peter Schatz / Pool)

Wenn der Keeper gleichzeitig Libero ist: Bayerns Manuel Neuer führt in Lissabon noch einmal vor, wie er das Torwartspiel auf eine neue Stufe heben konnte.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Ganz am Ende des Champions-League-Finales gab es eine Szene, der etwas Definitorisches zugrunde lag. Und die, wenn man so will, alles über Manuel Neuers Ausflug nach Lissabon erzählte.

Es lief die 89. Minute, und der eingewechselte PSG-Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting hatte einen Ball auf Kylian Mbappé durchgesteckt. Mbappé, 21, stand allein vor dem Tor von Neuer, und auch er wird gewusst haben, dass er im Abseits stand. Gleichwohl: Ehe der Referee tatsächlich auf Abseits entschied, führte Mbappé die Aktion mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit zu Ende, denn auch in Zeiten des Videoschiedsrichters weiß man nie, ob ein illegaler Treffer am Ende doch zählt.

Aber da stand er wieder, der gänzlich in Grau gekleidete Bayern-Torwart, fuhr die Extremitäten aus und lieferte eine Parade, die sich las wie ein Urteil. Es lautete: Ihr trefft heute nicht mal, wenn ihr euch einen ungebührlichen Vorteil verschafft! Dieses Tor bleibt heute unbezwungen! Dieser Pokal gehört mir! Und am Ende gehörte er ihm tatsächlich. Dank des einsamen Tores von Kingsley Coman (59.) durfte Neuer den Pokal in Empfang nehmen.

Neuer im Tor zu haben, "ist ein bisschen Wettbewerbsverzerrung", sagte PSG-Trainer Thomas Tuchel halb im Scherz und lamentierte, dass Neuer "zum falschen Moment für uns" und "wie schon seit Monaten in absoluter Topform" sei. Gegen den FC Chelsea im Achtelfinale leistete sich Neuer einen Wackler, der ein Tor kostete und doch lässlich war, weil die Koffer für die Reise des FC Bayern in Portugals Hauptstadt längst gepackt waren. In Lissabon aber blieb er schadlos, und dass das ein Faktor war, konnte man an seinen Kollegen erkennen. Ederson (Manchester City), Peter Gulacsi (RB Leipzig) und erst recht Neuers Herausforderer im DFB-Tor, Marc-André ter Stegen (Barcelona), fielen in den Alles-oder-nichts-Spielen negativ auf. Besonders ter Stegen, der gleich acht Tore kassierte. Gegen den FC Bayern.

Neuer hingegen? War wieder in einer ähnlich gesegneten Form wie 2014 bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Im Finale von Lissabon versuchten sich Mbappé, Marquinhos, Neymar und Ángel Di María mit Schüssen aufs Tor, und Neuer wusste in jeder Sprache der PSG-Stürmer Nein zu sagen: Non! Não! No! "Wir in Deutschland hatten immer ganz große Torhüter, aber er ist sicherlich einer der ganz, ganz großen", sagte Oliver Kahn, einst selbst Torwart von Weltrang und inzwischen Vorstandsmitglied des FC Bayern. Aber: Im Grunde kann von all diesen großen Torhütern, die Kahn vor Augen hatte - darunter natürlich auch Kahn selbst - nur Neuer für sich das reklamieren, was Tuchel in Worte kleidete: "Er hat das Torwartspiel auf ein neues Niveau gehoben", sagte Tuchel.

Die Liberorolle half den Bayern, das hohe Pressing aufzuziehen

Es waren ja nicht nur die Paraden, die Neuer bot. Neuers Relevanz in der Geschichte des Torwartspiels bemisst sich nicht nur an seiner Nervenstärke in Eins-gegen-eins-Situationen gegen Stürmer vom Schlage eines Luis Suárez (FC Barcelona), Karl Toko Ekombi (Olympique Lyon) oder - wie am Sonntag - Neymar. Sondern eben auch daran, dass er in einer Weise am Passspiel seiner Mannschaft partizipiert wie kein zweiter Torwart neben ihm. Am Sonntag zählten die Statistiker 39 Neuer-Pässe und zehn Balleroberungen.

Und als Neuer nach der Partie über Druck sprach, ging es anders als früher bei Kahn nicht um den Umgang mit inneren und äußeren Anforderungen, nicht um den Kampf mit sich selbst. Sondern um den atmosphärischen Druck des Balles, der in Lissabon zur Verfügung gestellt wurde. Der eine war platt, der andere hart - zwischen 0,6 und 1,1 Bar ist im Fußball alles erlaubt. Nur: "Du wusstest da nie, was dich jetzt erwartet beim nächsten Pass", sagte Neuer.

Hätten ihn die Umstände zu waghalsigeren Aktionen gezwungen, hätte man von einer Kopie der epochalen Leistung gegen Algerien im WM-Achtelfinale 2014 sprechen können. Denn wieder zeigte er ein Stellungsspiel, das ihn in so manch einer Erstligamannschaft befähigen würde, Libero zu spielen. Er interpretiert seine Rolle so, wie es Johan Cruyff Anfang der 1990er-Jahre als Trainer des "Dream Teams" des FC Barcelona von Andoni Zubizarreta forderte. Er sollte die Räume hinter der vorgerückten Abwehr bewachen, im Zweifelsfall weit vor den eigenen Strafraum treten. "Und was mache ich, wenn mir einer den Ball von der Mittellinie ins Tor schlägt?", fragte Zubizarreta. "Applaudieren", sagte Cruyff.

Diese Liberorolle half auch am Sonntag den Bayern, das hohe Pressing aufzuziehen, mit dem sie Paris Saint-Germain erstickten. "Mit jedem Torwart, der nicht so spielt, hätte Bayern dieses Turnier nicht gewonnen", erklärte Peter Schmeichel, früher Torwart der dänischen Nationalmannschaft und von Manchester United. Der nicht minder legendäre Dino Zoff, italienischer Weltmeister von 1982, will Neuer lieber als neuen Torwart alter Schule gerühmt wissen. "Sein Spiel mit den Füßen ist wirklich herausragend. Aber entscheidend waren die Bälle, die er gehalten hat, zum Beispiel gegen Neymar. So etwas habe ich damals aber auch gemacht", so Zoff, der Neuer natürlich ebenfalls unter die besten Keepern der Geschichte katalogisiert.

Neuer selbst war bewusst, dass er einen wichtigen Beitrag zum Finalsieg geleistet hatte. Ob das sein bestes Spiel gewesen sei, wurde er gefragt. Und er sagte: "Ja, ich habe ein super Spiel gemacht." Das beste? Schwer zu sagen, so Neuer - es seien ja so viele starke dabei gewesen. Nun hat er nach 2013 zum zweiten Mal das Triple gewonnen - immerhin das ist in der Historie beispiellos. Das hat vor ihm noch kein Torwart geschafft.

© SZ vom 25.08.2020/chge
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