Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Abschied-Samba für Thiago

Vieles deutet darauf hin, dass Thiago nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Bayern nach Liverpool wechselt. Er geht auf dem Höhepunkt wechselseitiger Zuneigung.

Von Javier Cáceres

Wertschätzung äußert sich mitunter auch durch Protest. Und protestiert hat Thiago Alcántara am Montag, dem Tag nach dem Finalsieg in der Champions League von Lissabon gegen Paris Saint-Germain. Die Medienabteilung des FC Bayern München hatte ein Foto von Thiago auf ihren Kanälen veröffentlicht: Man sah ihn auf dem Rasen des Estádio da Luz, noch in voller Montur, ein rotes T-Shirt um den Hals geknüpft, die Siegermedaille vor der Brust und lächelnd auf sein Handy starrend, als spreche er per Videokonferenz mit einem Angehörigen.

"Die Ruhe nach dem Sturm", betitelte ein Teilnehmer namens @FCbayernES das Foto - und erntete prompt Widerspruch von Thiago. "In diesem Klub gibt es keine Stürme", schrieb er zurück: "Die Familie ist für die großen Augenblicke da, und für diejenigen, die nicht so gut sind."

Rackern bis zum Umfallen: Das konnte schon sein Vater, Fußball-Weltmeister Mazinho

Dass der FC Bayern keine Stürme kennt, könnte zwar jeder widerlegen, der die Klubchronik nur kurz durchblättert. Sogar den einen oder anderen Hurrikan gab es rund um die Säbener Straße, erst recht zu Zeiten, da die Spiele noch im Olympiastadion ausgetragen wurden, und auch später noch, seit die Heimstatt in München-Fröttmaning liegt. Aber um zu sehen, was Thiago meint, reicht ein flüchtiger Blick zu den aktuellen Geschehnissen rund um den FC Barcelona, seinen früheren Klub: Barça wirkt seit dem 2:8-Desaster von Lissabon gegen den FC Bayern wie Karthago nach dem Dritten Punischen Krieg. Thiago hingegen fühlt sich ausgesprochen wohl - bei seinem Arbeitgeber und in München, wo man ihn unter den Leuten sieht, wo sein Sohn geboren wurde. Dennoch: Er wird wohl gehen. Auf dem Höhepunkt wechselseitiger Zuneigung. Nach dem größten einer Reihe von Erfolgen, dem Triple-Gewinn, den der Sieg von Lissabon krönte.

Trainer Flick erlaubt sich einen Scherz

Der Abschied ist noch nicht verkündet, und auch im Estádio da Luz kurz vor der Mannschaftsfeier im Teamhotel hielt sich Thiago noch bedeckt. "Ich werde jetzt jede Sekunde genießen, hier auf dem Feld und in der Kabine mit den Kameraden, und später bei der Feier", erklärte er einem spanischen Fernsehsender, als er nach dem 1:0 gegen Paris Saint-Germain ein Kurzinterview gab. Schon vor Wochen hatte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge via Bild erklärt, dass Thiago, 29 Jahre alt, "zum Ende seiner Karriere vielleicht noch einmal etwas Neues machen möchte". Es zieht ihn dem Vernehmen nach gen England. Der FC Liverpool von Trainer Jürgen Klopp hat bereits ein Angebot unterbreitet, das vom FC Bayern als zu niedrig erachtet wird. Auch der FC Arsenal soll interessiert sein.

Die Lage hat sich so verdichtet, dass sich Münchens Trainer Hansi Flick am Sonntag in der Pressekonferenz erlaubte, einen Reporter zu foppen, als der ihn auf Thiago ansprach. "Nee, er hat mir gesagt, dass er bleibt", erklärte Flick mit ernster Miene - und ließ eine lange Pause folgen, ehe er über das "schöne Gesicht" des perplexen Reporters lachte. Flick löste den Jux flugs auf. Aber jeder wusste wieder, dass man Thiagos Spiel gegen Paris Saint-Germain mit einem Lied der brasilianischen Barden Caetano Veloso und Chico Buarque hätte unterlegen können, mit "Como um Samba de adeus", einer Abschieds-Samba. Wenn das Lied nur nicht so melancholisch wäre.

Denn: Thiagos Spiel in Lissabon war alles andere als das. Es war feurig, vital. Es war vor allem dazu angetan, dass in Barcelona umgehend die Frage aufkam, wie es hatte geschehen können, dass Thiago 2013 die Stadt verlassen durfte, als der damalige Bayern-Coach und vormalige Barça-Trainer Josep Guardiola seine berühmte Order zum Besten gab: "Thiago oder nix!" Guardiola wollte damals auch noch Ilkay Gündogan verpflichten, in der Kombination sah er die ideale Chance, das einstige Barça-Traumduo Iniesta/Xavi nachzubauen. Seinerzeit rief die Operation in München sehr viel Wirbel hervor - von wegen: keine Stürme! -, weil Thiagos damaliger Berater Guardiolas Bruder Pere war. Exakt dieser Umstand spielte den Bayern in die Hände. Denn so wussten sie aus erster Hand, dass Thiago seinen Stammverein Barcelona für die vergleichsweise bescheidene Summe von rund 25 Millionen Euro verlassen konnte. Diese war für den Fall festgeschrieben, dass Thiago in der Saison 2012/13 eine bestimmte Zahl an Einsätzen unterbot. Hätte er ein Spiel mehr für die Katalanen bestritten, so hätte die Ablöse bei 90 Millionen Euro gelegen, und es darf bezweifelt werden, dass der FC Bayern München eine solche Summe bezahlt hätte.

Keiner spielte in Lissabon mehr Pässe als Thiago

So oder so: Die Investition hat sich gelohnt. Nicht nur, aber auch wegen des Finals vom Sonntag. Keiner spielte in Lissabon mehr Pässe als Thiago. Nur seine Bayern-Kollegen David Alaba und Niklas Süle wiesen mit 92 Prozent eine bessere Passquote auf - um einen winzigen Prozentpunkt. Dafür hatte Thiago andere Bestwerte: Er schuf zwei Torchancen. Und er war der Feldspieler mit den meisten Balleroberungen, sieben an der Zahl.

Was daran erinnert, welches Erbe, welches Talent Thiago in sich trägt, und wie verkürzt seine klischeehafte Verortung im Kreise der Künstler ist. Sein Vater, Mazinho, wurde 1994 in den USA nicht nur mit Brasilien Weltmeister, sondern erschuf auch den Prototyp des uneitlen, arbeitenden defensiven Mittelfeldspielers. In Lissabon ging Thiago, der die spanische Staatsbürgerschaft hat und auch von Luis Enrique für das Länderspiel in Stuttgart am 3. September gegen Deutschland berufen wurde, schweißüberströmt und ausgepumpt vom Platz; man hatte gesehen, dass er Fleisch vom Fleische Mazinhos ist. Er war unter den fünf Spielern mit der höchsten Laufleistung. Er war erschöpft, das ja. Aber eben nicht nur. "Ich bin gerade der glücklichste Mensch der Welt", sagte Thiago. Nach einem Triple und insgesamt sieben Meistertiteln, vier DFB-Pokalsiegen, einem europäischen und drei deutschen Supercups und eben einem Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern.

Vor ein paar Wochen noch hatte Trainer Hansi Flick die Hoffnung, dass Thiago in München bleiben würde. Flick ist keiner der vielen neuen Thiago-Konvertiten, er hält ihn schon lange für überragend. Flick brauchte sich für dieses Urteil nicht den Pass vor Augen zu führen, mit dem Thiago in der 59. Minute in Lissabon Joshua Kimmich bediente - ein Pass wie ein Schachzug: Denn er ahnte die Flanke schon voraus, die Kimmich nach einer Kombination mit Gnabry und Müller auf den Kopf des Torschützen Kingsley Coman schlagen würde. Und Flick musste auch nicht die nun eilig im Internet zusammengestellten Filmchen sehen, die vor atemraubenden Bildern strotzen, in denen sich Thiago um Gegner windet und mit purem Talent Freiräume schafft. Und die mehr nach Tango aussehen als nach Samba.

Thiago selbst hatte in einem Interview gesagt, dass der FC Bayern München einer dieser Klubs ist, bei denen man auch gut seine Karriere beenden könnte. Ein paar Monate ist es her, und die Nacht von Lissabon hat ihn in diesem Gedanken bestärkt. Doch das Bild, das Thiago vom FC Bayern hat, ist grundsätzlicher Natur, und es erzählt von Anerkennung und Dankbarkeit. Auf nahezu jedem Video aus der Nacht im isolierten Mannschaftshotel, das über die Vertriebskanäle des FC Bayern an die Öffentlichkeit kam, sah man Thiago an vorderster Front feiern, und es waren Bilder der felicidade, der Glückseligkeit, wie sie Caetano Veloso und Chico Buarque auch schon besungen haben. Doch alles deutet darauf hin, dass sein 235. Pflichtspiel für den FC Bayern sein letztes gewesen ist.

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SZ vom 26.08.2020/ebc
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