FC Bayern Klingt fast nach Taktik-Seminar

Bayern-Trainer Niko Kovac (r.) mit Co-Trainer Peter Hermann.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Das 3:0 des FC Bayern beim VfB Stuttgart gerät zur Demonstration.
  • Niko Kovac arbeitet selbstbewusst dem Affront entgegen, er könne womöglich nicht die erstbeste Lösung als Bayern-Trainer gewesen sein - und erhält von den Spielern viel Lob.
  • Am meisten profitieren Thomas Müller und Leon Goretzka. Sie können nun darauf hoffen, den Schwung mit zur Nationalelf zu nehmen.
Von Sebastian Fischer, Stuttgart

Wer Belege für den Gemütszustand des deutschen Fußballs im Allgemeinen und des Münchner Fußballs im Speziellen sucht, der findet sie zuverlässig im Gesicht von Thomas Müller. Vor zwei Monaten, nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in Russland, verließ er das Stadion in Kasan mit gesenktem Kopf, zusammengezogenen Augenbrauen, weinend. Am Samstag, nach dem 3:0 des FC Bayern, fünf Tage vor dem ersten Länderspiel nach der WM, verließ er das Stadion des VfB Stuttgart mit erhobenem Kopf, entspannten Augenbrauen, singend.

Es sind erst zwei Spieltage dieser Bundesligasaison vorbei, aber es klang bereits nach endgültigen Erkenntnissen, wie so mancher Beteiligter vom zweiten Sieg des Meisters schwärmte. Der gebürtige Frechener Michael Reschke zum Beispiel, Stuttgarts Sportdirektor mit Vergangenheit als Münchner Kaderplaner, sprach über den bayerischen Fußball wie über einen etwas schwer verdaulichen, aber vorzüglichen rheinischen Sauerbraten; er nannte die schallende Niederlage seines Klubs "mächtig", wobei er "ch" und "g" jeweils wie "sch" aussprach. Er sagte: "Es ist völlig klar, dass Bayern München deutscher Meister wird. Und zwar nicht dieses Jahr, sondern dieses Jahr, nächstes Jahr und übernächstes Jahr."

Goretzka kommt in München an

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Das Lied auf Müllers Lippen

Arjen Robben, der niemals zufriedene, immer ehrgeizige 34 Jahre alte Münchner Flügelstürmer, zählte die Vorzüge der Leistung seiner Mannschaft auf: "Sehr souverän, konzentriert, engagiert." Die Stuttgarter, sagte er, "haben keinen Torschuss gehabt, wie ich gehört habe". So als würde er seiner Defensive derart vertrauen, dass er sich über ihre einwandfreie Arbeit erst nach dem Spiel im Radio erkundigen müsse. Und hinter Robben schlenderte Müller Richtung Parkplatz. Das leise Lied auf seinen Lippen sah aus wie Schalala.

In den vergangenen Wochen und Monaten ist der FC Bayern viel kritisiert worden, angefangen bei der etwas letschert wirkenden Suche nach einem neuen Trainer, über die nicht mehr ganz so knusprige Leistung im verlorenen DFB-Pokalfinale gegen Frankfurt bis hin zum Einfluss der Münchner Nationalspielerfraktion auf das Debakel der Nationalelf und, schließlich, dem Theater um die wechselwilligen Robert Lewandowski und Jérôme Boateng. Der Samstag in Stuttgart war eine Demonstration, wie ziellos die ganze Kritik wirken kann, wenn es beim FC Bayern läuft.

Niko Kovac zum Beispiel arbeitet selbstbewusst dem Affront entgegen, er könne womöglich nicht die erstbeste Lösung als Bayern-Trainer gewesen sein. Wer den Spielern beim Erklären zuhört, kann sich neuerdings in einem erstklassigen Taktik-Seminar wähnen. Torwart Manuel Neuer lobte die "Schemen für tiefe Gegner", die Kovac lehre. Müller lobte die Detailarbeit. Leon Goretzka lobte, dass die sogenannte "Restverteidigung der letzten Reihe", also das Raumdecken zur prophylaktischen Vermeidung von Kontern, der "Schlüssel zur Dominanz" gewesen sei.