FC Bayern Ancelotti muss sich neu erfinden

Leidet das Ansehen des Trainers nach dem Aus in der Champions League? Der FC Bayern muss sich fragen, ob Ancelotti der passende Begleiter für den Umbruch ist.

Kommentar von Christof Kneer

Am 19. April 2001 wurden Jens Jeremies abgesplitterte Knorpelteile aus dem Kniegelenk entfernt, nur zwölf Tage später fand in Madrid das Champions-League-Halbfinale statt. Das konnte natürlich niemals reichen, auch wenn damals noch der Wunderdoktor Müller-Bindestrich beim FC Bayern praktizierte. Am Ende reichte es natürlich doch, Jeremies spielte, ebenso wie Giovane Elber, ebenfalls gerade frisch am Knie operiert. Elber schoss sogar ein Tor und küsste danach sein Knie, und Franz Beckenbauer dankte den Doktoren mit dem orthopädischen Fachhinweis, dass früher in solchen Fällen "eine Amputation nötig gewesen" wäre.

Der FC Bayern hat kurz darauf die Champions League gewonnen, ohne Jeremies allerdings. Es ging nicht mehr, das Knie hatte sich sein Recht zurückgeholt. Form und Fitness früherer Tage hat Jeremies danach nie mehr erreicht, und als er fünf Jahre später seine Karriere beendete, hat er vergnügt eingeräumt, dass er diesen Preis für den Champions-League-Sieg gern bezahlt habe.

Das ist das Praktische an so einem Traditionsverein: dass man so oft in der eigenen Geschichte fündig wird. 16 Jahre später hat der FC Bayern wieder alles auf Rot gesetzt, er hat Neuer, Hummels, Boateng und Lewandowski aus diversen Krankenzimmern pünktlich aufs Feld gebracht, und wenn sie nun, wie Neuer, schadhafter als vorher in ihre Krankenzimmer zurückhumpeln, dann fehlt der Heldenstory bloß ein läppisches Detail. Die Geschichte geht geringfügig anders aus als damals, ohne Titel halt.

Ein Coach wie Ancelotti lebt davon, dass er Titel gewinnt

So weit man das beurteilen kann, macht es keinen Spaß, aus der Champions League zu fliegen, und für den Blutdruck ist es auch blöd, wenn man sich auch noch über den Schiedsrichter aufregen muss. Für die Bayern steckt in diesem 2:4 von Madrid aber wohl mehr als die branchenübliche Trauer: Es dürfte dem Klub einige Anstrengungen abverlangen, die kurz- und mittelfristigen Kollateralschäden dieser Niederlage zu moderieren. Nicht nur, dass das DFB-Pokalfinale jetzt ohne Neuer erreicht werden muss; nicht nur, dass keiner weiß, wann Boateng nach diversen Blessuren wieder wie Boateng spielt; zu beobachten wird auch sein, welche Folgen das 2:4 fürs Binnenklima und das innerbetriebliche Ansehen des Trainers haben wird.

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Carlo Ancelotti hat bisher prächtig davon gelebt, nicht Pep Guardiola zu sein. Er ist nicht rasend besessen, er hängt keiner fundamentalistischen Ideologie an, er ist nicht dauernd im Halbfinale gegen spanische Teams ausgeschieden, er hat sich in großen Spielen nicht durch diskutable Personalien angreifbar gemacht. Und jedem, dem diese Aufzählung an Nicht-Pep-Eigenschaften zu wenig war, konnte er mit lässigem Augenbrauenaufschlag seine Titelsammlung zeigen. Zwar ist er glücklicherweise immer noch nicht besessen, aber er ist jetzt auch gegen Spanier ausgeschieden, im Viertelfinale sogar, und zum allgemeinen Erstaunen hat er im Hinspiel Alonso und im Rückspiel Lewandowski ausgewechselt.

Ein Coach wie Ancelotti lebt davon, dass er Titel gewinnt, er ist keiner, der Talente wie Kimmich, Coman oder Sanches präzise ausbaut. Wenn der große Moderator nun auch der passende Begleiter für den anstehenden Umbruch sein will, wird er sich auf seine alten Trainertage ein wenig neu erfinden müssen. Zumindest fürs Erste aber dürfte die Dolchstoßlegende, wonach man nur wegen eines Schiedsrichters ausgeschieden sei, dem Projekt Bayern/Ancelotti noch eine gemeinsame emotionale Grundlage geben.

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