bedeckt München
vgwortpixel

Erik Zabel im SZ-Interview:"Epo, Cortison, dann Blutdoping - ist es doch eine ganze Menge"

Ich hatte nie einen strukturierten Dopingplan, nie dafür irgendwelche Experten um mich rum und habe mich deshalb auch nie als Superdoper angesehen. Ich hatte nur Empfehlungen. Aber wenn man das jetzt so zusammennimmt - Epo, Cortison, dann sogar Blutdoping -, ist es doch eine ganze Menge.

Wie wir nun wissen, sind Nachtests noch sehr lange möglich. Was sagen Sie jetzt, sechs Jahre nach 2007, zu der Frage: Ab welchem Zeitpunkt waren Sie clean?

Ich habe 2004 und 2005 noch dieses Finalfläschchen genommen, wovon ich aber, wie schon besprochen, nicht sagen kann, ob es sich um Doping handelte. Dann bin ich ja weg von Telekom. Und dann war ganz Schluss. Mit den anderen Mitteln habe ich 2003 aufgehört, weil es im Ausland immer mehr Hausdurchsuchungen gab. Ich wollte das Zeug jetzt einfach nicht mehr. Das war mir ab 2003 einfach zu gefährlich.

Nach Ihrem Abschied von Telekom fuhren Sie sauber bis 2008?

Ich weiß, dass mir das jetzt vielleicht wieder nicht jeder glaubt. Aber diese besseren Nachweismethoden, der Gesundheitspass, das Abmeldesystem - das alles hat bei mir die Angst vor Entdeckung vergrößert und einen Wechsel meiner Einstellung zu dem Thema regelrecht erzwungen.

Ab 2004 ohne Blutbeschleuniger, ohne Kortison. Merkt man den Unterschied?

Ich war 2004 Olympia-Vierter und Vize-Weltmeister. Aber hatte ich eine Chance bei der Tour? Nein. Und natürlich hatte ich zu kämpfen damit, auch wenn Kritik aufkam. Aber ich war jetzt stärker.

Gab es keinen Druck vom Team?

Nein, die Erwartung, dass ich Mittel nehme, hat keiner an mich herangetragen. Obwohl es das Angebot zum Doping natürlich weiter gab.

2006 fliegt dann also Jan Ullrich kurz vor der Tour als Fuentes-Kunde auf, Sie fahren mit Ihrem neuen Team erstmals wirklich ohne Medikamente die Tour - und gnadenlos hinterher.

Das ist der Preis, den du zahlst, und ich war zum Ende der Karriere bereit, diesen Preis zu zahlen. Früher leider nicht.

Dass Sie das Dopen von sich aus eingestellt haben, ist trotzdem ungewöhnlich. Sie arrangieren sich mit einer neuen Rolle als Ratgeber für junge Fahrer - und dann bringt Jef D'hont ein Enthüllungsbuch zum Dopingsystem bei Telekom heraus und belastet auch Sie - ausgerechnet derjenige, der Sie einst ins Doping einführte.

Mein erstes Gefühl war Wut. Obwohl ich wahrscheinlich auch ohne ihn in den Dopingstrudel geraten wäre. Ich habe mich von ihm verraten gefühlt und überhaupt nicht darüber nachgedacht, das auch als Chance zu sehen. Rolf Aldag hatte mich ja von seinem Entschluss informiert, sich zu offenbaren. Und er hatte recht. Wir waren Freunde und Zimmerkollegen, und ich spürte, dass er sich da nicht allein hinsetzen kann. Er hat mir in den Rennen auch stets geholfen, dass ich gewinnen konnte.

Gab es 2007 Druck aus den Reihen der Telekom, den Termin abzublasen?

Nein, gesagt hat mir das niemand. Aber man hatte irgendwie schon das Gefühl, dass das nicht allen recht war und man die Sache lieber als Einzelschicksal von Rolf dargestellt hätte. Aber ich dachte wirklich, dass wäre eine gute Sache - und leider auch, dass es reichen würde, diese eine Epo-Kur zuzugeben.

Aus heutiger Sicht eine amüsante Darstellung, nicht wahr?

Nun, zum Lachen finde ich das auch heute noch nicht. Es ist mir unangenehm und peinlich. Ich will mich dafür entschuldigen, aber ich weiß auch, dass diese Entschuldigung nicht überall angenommen wird. Damit muss ich leben.

Ihr Kontakt zu Aldag war abgerissen, obwohl Sie recht nah voneinander entfernt wohnen im Westfälischen. Hatten Sie jetzt Kontakt mit ihm?

Ja, ich bin vorige Woche zu ihm gefahren und habe mit ihm das Für und Wider für diesen Termin jetzt hier abgewogen. Aber er war, genau wie unser früherer Pressesprecher Christian Frommert, einer derjenigen, der sagte: Mach' das! Aber das ist ja auch so eine Folge des Dopings: Der soziale Kontakt, der reißt auf einmal ab.

Weil sich alle verschanzen.

Ja, in den Neunzigern, eigentlich sogar bis 2005 hatten wir im Team unterschiedliche Charaktere und starke Egos, es gab auch mal Streit. Aber trotzdem hatten wir da einen starken Zusammenhalt und viel Spaß. Früher dachte ich wirklich, dass sich die Gruppe auch mal als Rentner wieder treffen wird. Wie mein Vater in Berlin, der trifft sich heute mit achtzig Jahren noch mit seinen alten Rennfahrerkollegen, die fahren zweimal die Wochen 30 Kilometer und gehen dann Kaffee trinken. Jetzt ist doch jeder von uns in seiner Isolation, diesen zwischenmenschlichen Austausch, das hat man alles nicht mehr. Wenn man sich mal traf, zeigte man sich das Handy, dass keiner das Gespräch aufnahm.

Ullrich wirkt bis heute gefangen in den Lügen und wegen der schlechten Ratschläge seines Umfelds. Das hat ihn, zumindest eine Zeitlang, krank gemacht.

Er hat ja diese gesundheitlichen Probleme selbst eingeräumt, Burn-out und Depression. Und nach diesem Teil-Geständnis 2007, da steckte auch ich in einer sehr dunklen Phase. Ich kenne mich mit Depressionen nicht wirklich aus, aber ich war damals zu nichts mehr zu gebrauchen, ich war antriebslos. Und jetzt ist es doch fast wieder wochenlang so gewesen vor dem 24. Juli, vor dem Bericht aus Paris. Du versteckst dich, machst nix, wie seit 2007 schaust du zehn Mal am Tag ins Internet, in den Videotext, mit immer derselben Angst: Sagt jemand was über mich, musst du wieder lügen?

Jörg Jaksche, der auch mal zwei Jahre für Telekom fuhr, hat im Juni 2007 seine komplette Geschichte erzählt - mit dem Ergebnis, dass er nie mehr ein Team fand. Fanden Sie das damals gerecht?

Ich habe beides gedacht: Ungerecht - aber geschieht ihm auch recht so. Weil wir wohl leider mit diesem Radsport-Denken groß geworden sind: Wer redet, ist draußen. Und wer beim Dopen erwischt wird, ist auch draußen.

Hat nicht spätestens der Sturz von Lance Armstrong, der die breite Öffentlichkeit aufgeklärt hat, gezeigt, wie wichtig die Aufarbeitung alter Geschichten ist?

Ja, und ich habe das lange nicht verstanden und mich lange dagegen gewehrt - das zeigen ja auch meine Handlungen. Aber es ist mir natürlich schon klar geworden, dass ich jetzt mit meiner Geschichte einen Teil dazu beitragen kann, dass die nächste Generation nicht immer wieder mit den alten Geschichten belastet wird.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit Thomas Bach und Michael Vesper sowie die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) wollten Sie auch deshalb nach Ihrem ersten Geständnis 2007 in die Präventionsarbeit einbinden.

Es gab auch mit dem DOSB kurz nach der Pressekonferenz ein Gespräch mit Herrn Bach und Vesper. Es ging um meinen Olympia-Verzicht, um meine Geschichte und eine grobe Idee, wie Erik Zabel Wiedergutmachung betreiben könnte. Aber danach ist das eigentlich im Sand verlaufen. Im Nachhinein wohl besser so, denn Erik Zabel als Anti-Doping-Kämpfer - da hätte ich mich sicher unwohl gefühlt. Auch die Nada hatte überlegt, mit mir etwas zu machen. Aber da ist auch nichts draus geworden. Wir hatten einen Kontakt: für den Adressen-Austausch. Auch das war mir letztlich lieb.

Herr Zabel, Sie haben nun Ihre Geschichte erzählt, und trotz der sechs Jahre Verspätung sind Sie eine Rarität als geständiger Doper. Womit rechnen Sie jetzt?

Ich erwarte jetzt sehr starke Kritik, Ablehnung und Unverständnis. Sowohl von der breiten Öffentlichkeit als auch von den Rennfahrern: "Warum hat er das nicht eher gesagt?"

Sind Ihnen Ihre Titel wichtig, von denen man Ihnen vielleicht welche aberkennen könnte?

Diese mehr als sechs Jahre seit der Pressekonferenz 2007 in Bonn haben mich natürlich verändert. Damals habe ich auf die Verjährungsfrist geschaut in meinem Glauben, dass ein bisschen Wahrheit reicht. Ich weiß aber längst, dass ich mich auf dem Weg zu meinen Titeln auch jahrelang selbst betrogen habe. Meine Schuld wird mich immer begleiten, und ob ich jetzt eine Strafe erhalte oder mir Titel aberkannt werden, ist da völlig nebensächlich - das würde ja auch meine Schuld nicht verringern.

Sie waren bisher als Sportchef bei Katjuscha tätig, für einen Ausrüster, als Sportlicher Leiter der Hamburger Cyclassics, die Ihnen soeben gute Arbeit bescheinigten. Bricht das jetzt alles weg?

Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass dieses Interview hier unangenehme Folgen haben kann. Ich weiß aber auch, dass das jetzt meine letzte Chance ist. Die Möglichkeit zum Selbstbetrug hätte es doch jetzt wieder gegeben, indem ich sage, ich fechte den Pariser Bericht an ...

... dessen veröffentlichte Epo-Nachtests wissenschaftlich valide, aber wohl nicht sportrechtlich verwertbar sind.

Ich will das nicht mehr. Den Moment, mir von einer Offenbarung oder einer aufrichtigen Entschuldigung etwas erhoffen zu dürfen, den habe ich leider verpasst. Genauso, wie die Chance. Ich wünsche mir selbst jetzt einfach, dass ich mit diesem Schritt hier meine innere Ruhe wiederfinde - dass ich wieder in den Spiegel schauen kann.

Wenn Ihr Sohn Rick 2014 erstmals in der ProTour fährt - haben Sie dann Angst um ihn wegen des Themas Doping?

Nein, denn ich bin wirklich überzeugt, dass der heutige Radsport nicht mehr mit der dunklen Ära meiner Zeit zu vergleichen ist. Sonst hätte ich meine Bedenken. Beim Thema Doping sind wir zwei auch längst klar. Und jetzt steht auch nichts mehr zwischen uns.

Radsport Zabel spürt die Konsequenzen
Nach dem Doping-Geständnis

Zabel spürt die Konsequenzen

Er hat gedopt, jetzt muss er mit den Folgen leben: Der ehemalige Radprofi Erik Zabel verliert nach seinem Doping-Geständnis seinen Posten als Sportdirektor bei den Cyclassics und tritt als UCI-Beirat zurück. Aus der Radsportwelt fallen die Reaktionen unterschiedlich aus - auch Jan Ullrich hat einiges zu befürchten.   Von Johannes Aumüller und Andreas Burkert

Zur SZ-Startseite